› Der Nerd ist praktisch unbestechlich ‹

Wie gut eignen sich Wissenschaftler, Experten und andere Auskenner als Idole in Krisenzeiten ? Ein DATUM-Tischgespräch mit Lisz Hirn, Niki Popper, Martin Thür und Eva Zeglovits.

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Fotografie  :
Stefan Fürtbauer
DATUM Ausgabe März 2021

Als wir Sie, Herr Thür, zur Kuratierung eines DATUM-Schwerpunkts eingeladen haben, fiel die Wahl sehr schnell auf die Rolle der Nerds in unserer heutigen Welt. Was fasziniert Sie so an diesem Thema ?
Martin Thür : Es ist ja ein herrlich zweischneidiges Thema. Der Begriff Nerd bedient viele Klischees und verdient daher eine differenzierte Betrachtung. Einerseits gibt es da diese wachsende Popularität des Auskenners – egal, ob es ein wissenschaftliches Fachgebiet ist oder ob ein Austria-Wien-Fan jedes Spielresultat seit 1952 auswendig im Kopf hat. Andererseits hat das Nerdtum auch sehr oft etwas Ausschließendes, manchmal, gerade in der Onlinewelt, gepaart mit fragiler Männlichkeit sogar etwas Toxisches. Und es ist so vielschichtig geworden. In den 1980er-Jahren war der Nerd noch ein sozialer Außenseiter, nehmen wir Steve Urkel als Beispiel. Und heute ? Mark Zuckerberg ist ein erfolgreicher Unternehmer und gleichzeitig der Erfinder einer großen Hassmaschine. Und beides ist irgendwie richtig.

Der Nerd ist im Mainstream angekommen – die New York Times schrieb über › The Rising Heroes of the Coronavirus Era ? Nation’s Top Nerds ‹, und sogar die britische Vogue beschrieb das › goldene Zeitalter der Nerds ‹. Herr Popper, würden Sie dem zustimmen ?
Niki Popper : Nein, das wäre ganz furchtbar ! Ich glaube, es gibt zwei Aspekte. Natürlich ist der Nerd ein spannendes soziokulturelles Phänomen. Der Erfolg von › Big Bang Theory ‹ etwa hat da viel dazu beigetragen. Diese Serie könnte man ja genauso auch bei uns im Büro drehen – da gibt es kaum Unterschiede … (lacht) Also, das ist der lustige Aspekt des Ganzen – und ich übernehme auch hier in der Runde gerne die Rolle des Nerds. Meine Haarpracht hat es ja immerhin schon bis zu › Willkommen Österreich ‹ geschafft. Die Medien finden dieses Nerdtum cool, und das ist gut fürs › wissenschaftliche Geschäft ‹. Nur, und das ist der ernsthafte Aspekt, man kann es auch übertreiben. Das Nerdtum ist quasi die individuelle Voraussetzung, aber die Richtschnur muss nach wie vor die Qualität der wissenschaftlichen Evidenz sein. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viele E-Mails ich jeden Tag von Wissenschaftlern und Nerds erhalte, die mir unterschiedliche Modelle zu Covid-19 schicken. Manche glauben, da kann man schnell einmal etwas Grandioses beitragen. Wir beschäftigen uns seit 20 Jahren damit, man muss immer weiter arbeiten – das ist wahrscheinlich das › Nerdige ‹, das wichtig ist. Also : Das Nerdtum muss professionalisiert werden, dann darf es auch gerne eine Hochblüte erleben.

In Popkultur und Wirtschaft sind die Nerds längst zu Stars aufgestiegen. Ist durch die Pandemie nun auch ihr politischer Einfluss gewachsen, Frau Zeglovits ?
Eva Zeglovits : Ich beobachte da eine sehr erfreuliche Entwicklung : Wir haben in Österreich traditionell ja eher eine Kultur, in der man stolz darauf ist, Mathematik nie verstanden zu haben und die Matura nur so irgendwie geschafft zu haben. Durch Corona sind wir auf einmal alle zu Expertinnen und Experten für Exponentialfunktionen, bedingte Wahrscheinlichkeiten und Stichprobenverfahren geworden. Ich finde es toll, dass es jetzt mehr Bereitschaft dafür gibt, sich damit auseinanderzusetzen. Es gibt jetzt einfach eine höhere Sensibilisierung für die Frage, ob Politik auf Basis von wissenschaftlichen Evidenzen entscheiden soll, oder nicht. Das wird ja immer wieder einmal hinterfragt, aber derzeit scheint es weitgehend unbestritten, dass es sehr wohl Sinn macht, auf Basis von Evidenz zu entscheiden. Das gefällt mir, denn das könnte man ja auch für andere Politikbereiche abseits der Pandemie anwenden …

Frau Hirn, die Schriftstellerin Sibylle Berg brachte kürzlich eine Interviewsammlung mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern heraus. Ihr Titel : › Nerds retten die Welt ‹. Nun die Frage an die Philosophin : Eignen sich Nerds als Helden in Krisenzeiten ?
Lisz Hirn : Da müssen wir sehr präzise sein, denn es ist ja nicht so, dass jeder Nerd zum Helden taugt. Ein konkretes Individuum mit besonderen Fähigkeiten, sei es Intelligenz oder das Vermögen, wissenschaftlich zu denken, kann natürlich ein Held sein. Aber einen popkulturellen Begriff wie die Nerds pauschal zu Helden auszurufen, halte ich für vollkommen verfehlt. Damit können sie auch viel leichter instrumentalisiert oder gar gestürzt werden. Nehmen Sie nur die Art und Weise, wie zum Beispiel ein Christian Drosten ins Visier gerät, obwohl er sich nur auf seine wissenschaftliche Expertise beruft. Den Nerds kommt eine ganz eigene Funktion in der Gesellschaft zu, aber deshalb sind sie noch lange nicht alle Helden.

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