Am besten gar nichts

Was früher Bußübung war, ist heute Wellness-Programm mit Heilsversprechen.

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Illustration:
Blagovesta Bakardjieva
DATUM Ausgabe März 2026

Alles Gute für die 40-tägige Bastelzeit, wie die kleine Tochter einer Bekannten einmal die Fastenzeit ab dem Aschermittwoch irrtümlich nannte. Und nicht nur Kinder missverstehen im Zusammenhang mit Fasten, Einkehr und Besinnung einiges. Auch Erwachsene werden oft seltsam, wenn sie irgendwo ›Reinigung‹ oder überhaupt die völlige Neuorientierung ihres sehr wichtigen Daseins durch Ernährung wittern. Wahrscheinlich aus winterlichen Mangelsituationen entstanden, wurde Nicht-essen in der Fastenzeit von der katholischen Kirche religiös aufgeladen und mit kollektiven Beicht- und Bußritualen sowie Körndlbrei und dubiosen Suppen angereichert. 

In unserer eher säkularisierten Überflussgesellschaft kommt Fasten allerdings nicht mehr als wirtschaftliche oder göttliche Notwendigkeit, sondern als Lifestyle-Entscheidung daher. Die allgemeine Gesundheitsobsession, immer nah an der Grenze zur Essstörung, hat ihre Moden: Proteine tierisch oder pflanzlich? Kohlenhydrate ›rein‹ als Reis und Kartoffeln oder ›verarbeitet‹ als Mehl und Nudeln? Gemüse roh oder gedünstet? Dazu gibt es gerade auch den ›Water-only-cooking‹-Tiktok-Trend, der ansagt, dass bei der Ernährung auch auf pflanzliche Öle zu verzichten ist, um vollständig ›gesund‹ zu werden.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Es wird bestimmt niemandem schaden, zumindest kurz auf Alkohol, Zigaretten, Süßkram, Fleisch und sonstige Cholesterintreiber zu verzichten. Vielleicht bringt das tatsächlich besseren Schlaf, klarere Haut und eine ›gesündere Leber‹, wie das Internet verkündet. Ob es aber notwendig ist, in jedem Lebensmittel ›Giftstoffe‹ zu wittern, esoterische Reinigungsmantras aufzusagen und teure Fastenaufenthalte in Hotels mit ungesalzenem Gemüsesud und täglichen Einläufen zu absolvieren, wage ich zu bezweifeln. 

Aber freilich, in einer Gegenwart, die das körperliche Schönheitsideal, zumindest für Frauen, mit medizinischem Untergewicht definiert, kommt ein üppiger Monat gemeinsamen Hungerns natürlich recht praktisch daher. •

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