Books, Drugs & Rock ’n’ Roll

Fünfzig Jahre ›Summer of Love‹. Anders als die Popmusik erlauben die Bücher jener Zeit einen klaren Blick zurück.

DATUM Ausgabe Mai 2017

Das Buch war nicht das Leitmedium der 1960er-Jahre. Einer der erfolgreichen Romanciers des beginnenden Jahrzehnts, Ken Kesey, der mit ›Einer flog über das Kuckucksnest‹ 1962 ein kanonisches Werk schrieb, hörte nach seinem zweiten Roman 1964 vorübergehend überhaupt zu schreiben auf und glaubte, die Zeit der Literatur sei vorbei. Kommenden Historikern riet er, nicht die Bücher der 1960er zu untersuchen, sondern die Filme und die Comics sowie die populäre Musik.

Diesem Rat folgen wir entschieden nicht. Aus aktuellem Anlass soll das – berechtigte – Übergewicht der Musik bei der Betrachtung von 1967 durch einige Bücher aufgewogen werden, die zwischen 1966 und 1969 publiziert wurden. Dabei stoßen wir auf Namen, die heute noch Klang haben, Norman Mailer und Thomas Pynchon etwa, aber auch auf solche, denen weniger Prominenz beschert ist, wie Richard Fariña und Richard Brautigan. Vereinfacht ausgedrückt: Diese Bücher atmen den Zeitgeist und enthalten in verschiedenen Zusammensetzungen dessen Ingredienzien: divergentes Gebaren, psychotrope Drogen, promiskuitiven Sex, kommunalen Lebensstil, Streben nach Transzendenz, ein alles durchdringendes Gefühl von Paranoia und ausgefallene Kleidung. Der Historiker Eric Hobsbawm fasste es so zusammen: ›Pink Floyd, libertäre Gesellschaftspolitik, Che Guevara, Mittelerde und LSD gehörten zusammen.‹

Was ist der aktuelle Anlass? Es dräut das fünfzigjährige Jubiläum des ›Sommers der Liebe‹. Der Autor Tom Robbins meinte 1996, die 1960er seien ein Jahrzehnt, das nicht sterben könne. Nun, es ist 2017 noch immer nicht tot. Das zeigt schon eine kleine Auswahl der kürzlich erschienenen Bücher: ›1967. Als Pop unsere Welt für immer veränderte‹, ›1967. A Complete Rock Music History of the Summer of Love‹, ›Younger Than Yesterday. 1967 als Schaltjahr des Pop‹ et cetera. Es ist unbestritten, dass die Sechzigerjahre eine goldene Zeit der Popmusik waren, einer Musik, der zuzeiten enorme Bedeutung aufgeladen wurde und bei der diffuse Stimmungen eine starke Rolle spielen. Bei Büchern ist das weniger der Fall, deshalb erlauben sie uns einen klareren Blick.

Zunächst zu den Protagonisten: Gnossos Pappadopoulis aus ›Been Down So Long It Looks Like Up to Me‹ von Richard Fariña (1966) ist ein extravaganter, anarchischer Einserstudent an einer Eliteuni, der stets einen Rucksack mit einem Vorrat an Dope und Fetakäse dabeihat, Retsina liebt, es mit einvernehmlichem Sex nicht so genau nimmt und in eine Kommilitonin mit grünen Kniestrümpfen verliebt ist.

Oedipa Maas aus ›The Crying of Lot 49‹ (›Die Versteigerung von No. 49‹) von 1966 ist eine an sich konservative, nicht mehr ganz junge Frau. In Investigationen verstrickt, verirrt sie sich in eine Welt des kulturellen Umbruchs, charakterisiert durch Beatles-Imitatoren (The Paranoids), LSD und leicht abseitige Liebespraktiken.

Trout Fishing in America aus dem gleichnamigen Roman von Richard Brautigan von 1967 (›Forellenfischen in Amerika‹) ist schwer zu beschreiben: In zwei Sequenzen ist es eine Person, manchmal ist es das Buch beziehungsweise dessen Cover selbst, es kann aber auch ein Hotel sein, der Autor oder die Tätigkeit des Forellenfischens an sich.

Ken Kesey und seine Merry Pranksters, die Tom Wolfe in ›The Electric Kool-Aid Acid Test‹ (deutsch zuerst als ›Unter Strom‹, nunmehr unter dem Originaltitel erhältlich) von 1968 beschreibt, sind eine reale Kommune, die sich, so das ›Hippie Dictionary‹ von John Bassett McCleary von 2004, zu keinem anderen Zweck zusammengefunden habe, als Drogen zu nehmen und Partys zu feiern. Unterwegs durch die USA in einem bunt bemalten Bus, verbreiteten sie die Botschaft.

Die Hauptperson in Norman Mailers ›The Armies of the Night‹ (1968) ist ein verhaltensauffälliger, dem Bourbon zugeneigter Autor, der bei einer großangelegten Antikriegsdemonstration aus dem Rahmen fällt, im Gefängnis landet und berserkerhaft, aber treffend die US-Politik zur Zeit des Vietnamkriegs seziert. Es ist Mailer selbst, der von sich in der dritten Person berichtet.

Der letzte Protagonist ist der interessanteste: Kurt Vonnegut macht uns 1969 in ›Slaughterhouse-Five‹ (›Schlachthof 5‹) mit Billy Pilgrim bekannt, der im Jahr 1968 einer Welt entkommt, die von Pflicht und Konformität geprägt ist. Pilgrim gerät schon 1944 in Zeitschleifen und wird unter anderem von Außerirdischen zum Planeten Tralfamadore entführt und dort gemeinsam mit einem Erotik-Filmstar in einem Zoo ausgestellt. Dazwischen entfaltet sich die amerikanische Geschichte vom Zweiten Weltkrieg bis zum Vietnamkrieg.

Was lässt sich nun lernen aus einer kritischen Lektüre der genannten Bücher? Bis auf den Erzähler in ›Forellenfischen in Amerika‹ entziehen sich alle Protagonisten einem Verhalten, das man als ›erwachsen‹ bezeichnen könnte, aber auch er ist dem Dionysischen, der Rauschhaftigkeit zugewandt. Der mit diesem Prinzip zusammenhängenden Experimentierfreude wird gemeinhin die sogenannte Sexuelle Revolution der Sechzigerjahre zugerechnet. Sex wird in den Büchern sehr offenherzig beschrieben; dem heutigen Leser offenbart sich dabei das nicht unproblematische Geschlechterverhältnis der Zeit. Gnossos Pappadopoulos’ Begegnung mit einer Studentin etwa endet mit etwas, was man heute als Date-Rape bezeichnen würde, und niemand scheint ein Problem damit zu haben. Neben vielen Ausdrücken, die erst Ende der Sechziger verbreitet in Mode kommen, wie groovy, cool, hip oder joint, verwendet Fariña für Frauen praktisch ausschließlich den Ausdruck ›chic‹. Auch die vier Freundinnen der Beatgruppe The Paranoids bei Pynchon haben anders als die Burschen keine Namen, sie sind einfach die ›chicks‹ (hier mit k).

Was sich in ›Been Down So Long‹ schon abzeichnet, dass nämlich das Individuum Spielball von allerlei Machinationen ist und dieser Umstand paranoide Gefühle weckt, ist bei Pynchon Hauptthema. Gnossos und Oedipa teilen eine tiefsitzende Abneigung gegen Autoritäten. Ihr unbestimmter Verdacht, dass es dazu noch verborgene Strukturen gibt, die das tägliche Leben unauffällig mitbestimmen, wird laufend durch Zufälle und entdeckte oder eingebildete Verbindungen bestätigt. Oedipas Leben gerät dadurch vollkommen aus den Fugen. Und so gerät auch die Handlung, der Leser wird mit jeder Seite weniger schlau. Immerhin kann er sich an den zahlreichen literarischen Anspielungen laben, die aber nicht helfen.

›Forellenfischen in Amerika‹ ist das Werk eines Autors, der 1967 tatsächlich am Hauptschauplatz des Sommers der Liebe, San Francisco, lebte und dort zur Gegenkultur-Prominenz zählte. In dem Jahr erschien auch sein Buch, das er allerdings schon Jahre zuvor geschrieben hatte. Erscheinungszeit und Thema machten es zu einem Teil des Hippie­narrativs, in zweifacher Weise: als Erzählung selbst, die dem zeitgenössischen Leser als ›trippy‹ erscheinen musste, und wegen der Thematisierung des Ökologiegedankens. Die Flüsse und Bäche, von denen naturgemäß die Rede ist, dienen als Metapher für die amerikanische Natur an der Grenze zu ihrem Niedergang. Dazu ist der Text keineswegs moralisierend, vielmehr immens witzig.

Tatsächlich erlebt Haight-Ashbury in San Francisco, das als Epizentrum der Hippiebewegung gegolten hatte, gerade 1967 aufgrund des Medienauflaufs und des Zulaufs an Menschen mit falschen Vorstellungen vom dortigen Leben einen Exodus der ursprünglichen Bewohner aufs Land. Das Land wird der neue Sehnsuchtsort der Hippies. In einer 1970 erschienenen Kurzgeschichte Brautigans trifft der Ich-Erzähler ein Hippiemädchen, das eben aus der Provinz angekommen ist. In zeit- und genretypischer Manier heißt es: ›Ein großes – Gott, ich mag die Großen – Mädchen kommt die Straße herauf, lässig wie ein Tier in Levi’s. Sie trägt einen blauen Pullover. Sie hat nichts drunter an, und ihre Brüste schwingen in einem festen und jugendlichen Rhythmus.‹ Als er von ihr nach dem Weg nach Haight-Ashbury gefragt wird, erweist er sich jedoch als verantwortungsvoller Erwachsener: ›Das ist ein schlimmer Ort.‹

Die Bücher von Norman Mailer und Tom Wolfe in unserer Auswahl, beide 1968 erschienen, sind frühe Zeugnisse des New Journalism, Tatsachenberichte aus radikal subjektiver Sicht, bei denen der ›Wahrheit‹ vor den ›Tatsachen‹ der Vorzug gegeben wird. Wolfe begleitete für ›The Electric Kool-Aid Acid Test‹ Ken Kesey und seine Merry Pranksters in ihrem Bus, dessen Personal als Bindeglied zwischen der Beat Generation der Fünfzigerjahre und der entstehenden Gegenkultur fungiert. Man begegnet berühmten und berühmt-berüchtigten Personen – Timothy Leary, den Grateful Dead, Allen Ginsberg, den Hells Angels – und hat als Ziel Subversion durch Hingabe an das Dionysische. Porträtiert Wolfe die eher unpolitische Seite der US-Gegenkultur, so beschreibt Mailer das andere Ende des Spektrums. Wie Wolfe ist er stets adrett im Dreiteiler unterwegs, aber anders als jener ist er Teil der Bewegung, von der er erzählt. Es geht in ›The Armies of the Night‹ um eine Großdemonstration gegen den Vietnamkrieg im Oktober 1967, die zwischen zahllosen politischen Reden Prominenter und Versuchen, das Pentagon zu stürmen oder es durch Meditation zum Schweben zu bringen, vonstattengeht.

Von den oben angeführten Ingredienzien der Sechzigerjahre fehlt noch die ausgefallene Kleidung. Billy Pilgrim aus ›Schlachthof 5‹ sticht diesbezüglich aus einer Unzahl von Uniformierten hervor: Deutsche Soldaten bewachen 1945 Gefangene, ›große, herausfordernde, mörderische amerikanische Infanteristen, die geradewegs von all dem Töten an der Front gekommen waren. Und dann erblickten sie den bärtigen Billy Pilgrim in seiner blauen Toga und den silbernen Schuhen‹, Requisiten aus einer Cinderella-Aufführung.

Ähnlich bizarr sind Figuren in den erwähnten Büchern gekleidet, die Merry Pranksters sowieso, Kesey trägt zeitweise ein Superman-Cape, die Rockgruppe The Fugs, die am Pentagon spielt, sieht aus wie viele ihrer Fans. ›Sie trugen orange und gelbe und rosa Capes und sahen wie Hindu-Gurus, Musketiere und Kavallerieoffiziere gleichzeitig aus.‹ Für Mailer hatte diese neue Ästhetik politischen Gehalt.

Billy Pilgrims Kinder werden in den Sechzigerjahren Musteramerikaner, sein Sohn ›trug die Uniform der berühmten Green Berets. […] Seine Körperhaltung war wundervoll, seine Schuhe waren spiegelblank poliert, seine Hose tadellos gebügelt, und er war ein Menschenführer.‹ Als Billy ihn so vor seinem Krankenbett stehen sieht, schließt er wieder die Augen.

Im Jahr 1968 hat sich Billy schon zur Schande seiner Familie als Zeitreisender geoutet. Billys Kinder repräsentieren das Establishment, es ist der Vater, der ausflippt. Schließlich wird er gerade 1967 auf den fremden Planeten entführt. Er lebt dort mit der sexuell freizügigen und attraktiven Montana Wildhack zusammen und sieht die Gesellschaft und den Lauf der Dinge aus einer radikal anderen Perspektive. Die Schicksalsergebenheit und der Gleichmut, die Billy von den Außerirdischen lernt, erinnern an das ›Go with the flow‹ der Hippies.

Aber Vonnegut thematisiert auch das Scheitern der Träume der Sechzigerjahre, im letzten Kapitel erwähnt der Ich-Erzähler der Rahmenhandlung, die ebenfalls 1968 spielt, zwei Morde. ›Robert Kennedy wurde vor zwei Nächten erschossen. Er starb in der vergangenen Nacht. So geht das. Martin Luther King wurde vor einem Monat erschossen. Auch er ist gestorben.‹ Tatsächlich war 1968 ein Jahr der großen Niederlagen: die Niederschlagung des Prager Frühlings. Das Massaker an Studenten in Mexico City. Der Parteitag der Demokraten in Chicago, bei dem der konservativere Kandidat nominiert wurde. Die Wahl des Republikaners Richard Nixon zum Präsidenten.

Hunter S. Thompson erwähnt in seinem Abgesang auf das aufgedrehte drogeninduzierte Ausflippen, ›Fear and Loathing in Las Vegas‹ von 1971, ein wesentliches Indiz der sich ändernden Zeiten: ›Aufputschmittel sind nicht länger in. Die Bewusstseinserweiterung ging mit Lyndon B. Johnson zu Ende, und es ist historisch gesehen bemerkenswert, dass die sedierenden Drogen mit Nixon kamen.‹ Thompson schaut mit Wehmut zurück auf die Jahre unter Präsident Lyndon B. Johnson, seine Generation sei in Kalifornien auf dem Kamm einer hohen und wunderbaren Welle geritten, und weniger als fünf Jahre später könne man von einem Hügel in Las Vegas aus westwärts schauen und fast die Hochwassermarke sehen, wo die Welle schließlich brach und zurückrollte.

Die jähen Sprünge Billy Pilgrims in eine andere Wirklichkeit lassen sich als Flashbacks nach einem Drogentrip interpretieren. Sie könnten aber auch Wunschtraum eines Gegenmodells zur herrschenden Gesellschaft und ihrer Moral sein. Tom Robbins zufolge können die Sechzigerjahre nicht sterben, obwohl sie von der Leiter gefallen seien, wo sie hoch über allen anderen Perioden der jüngeren Vergangenheit als ein leuchtendes Versprechen gethront hätten. Zwar räumt er ein, dass es möglicherweise sentimental und dumm sei, das Jahrzehnt zu romantisieren, doch habe es seit dem Zweiten Weltkrieg keine Ära gegeben, in der es mehr ›romantische und idealistische Suchende‹ gegeben habe. Einige davon kann man in den erwähnten Büchern kennenlernen.