Brüchige USA

DATUM Ausgabe März 2026

Alison Bechdel, die queerfeministische Ikone theoriegespickter, autofiktionaler Graphic Novels aus den USA, hat mit ›Kaputt‹ (im englischen Original ›Spent‹) ein neues Buch veröffentlicht. Im Gegensatz zu vergangenen Bestsellern wie ›Fun Home‹ (über ihren verdeckt bisexuellen Vater in den 1970ern, ihr eigenes Coming-out und die dazugehörigen Familiendynamiken) geht es dabei aber nicht mehr vorrangig um Gesellschaft, Geschlechterrollen und Familie. Sondern um die US-amerikanische Gegenwart in links-intellektuellen Kreisen vor der Drohkulisse rechtsnationalistischer Politik.

Satirisch überhöht und selbstreferentiell erzählt Bechdel von einem idyllischen Landleben während der Pandemiejahre in einer lesbischen Langzeitbeziehung, umgeben von polyamoren Freundinnen – zwischen Therapiesprache, Gemüsegarten, Medienhäusern und Eliteunis. Sie beschreibt Mikrokonflikte in unkonventionellen WGs und politischen Aktivismus mit besonderem Fokus auf persönliche Befindlichkeiten.

Als ironische Selbstanklage und -überhöhung sogenannter ›progressiver‹ Milieus taugt ›Kaputt‹ einigermaßen. Trotzdem fragt man sich angesichts der – zumindest aus europäischer Sicht – schockierenden Nachrichtenlage, ob jetzt die beste Zeit für private Nabelschau und Identitätsfragen der amerikanischen Linken ist. Möglicherweise ist mit ›Kaputt‹ der Zeitpunkt gekommen, an dem die heute Mitte-60-jährige Bechdel nicht mehr eine hellsichtige Gesellschaftsbeobachterin und Medienkritikerin ist, sondern eine hinreichend verbürgerlichte Dame mit Landhaus. Schade.

Alison Bechdel / Kaputt / Reprodukt Verlag

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