Der letzte Zug nach Groß-Schweinbarth

Im Weinviertel wird eine der letzten Regionalbahnen eingestellt . Ein Lehrstück über Verkehrspolitik in Zeiten des Klimawandels.

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Fotografie:
Thomas Gobauer
DATUM Ausgabe Dezember 2019

Der Zug pfeift jetzt öfter als früher. Auch wenn Elfriede Rath von ihrem Haus in Großengersdorf den rot und blau gestreiften Triebwagen nicht sehen kann, so hört sie doch deutlich die Warnsignale, die er vor jedem Bahnübergang abgeben muss. Es gibt mehrere Bahnübergänge in der Marktgemeinde mit 1.500 Einwohnern, 15 Kilometer nordöstlich von Wien gelegen. Rath stört der Lärm nicht. Im Gegenteil : Der Landschaftsplanerin und Weinbäuerin gibt das Pfeifen des › kleinen Zugs ‹ ein Gefühl der Weite und der Verbindung des Dorfes mit der Welt. Weshalb sie findet : › Eine Gemeinde ist mehr wert, wenn sie einen Bahnhof hat. ‹ 

In Großengersdorf aber wird das Pfeifen am 14. Dezember 2019 zum letzten Mal zu hören sein. Auf der Regionalbahn mit dem Kürzel R 18, auch › Weinviertel-­Landesbahn ‹ oder › Schweinbarther Kreuz ‹ genannt, stellen die Österreichischen Bundesbahnen ÖBB den Betrieb ein. Auch wenn der Autoverkehr in Österreich als größter Verursacher von CO2-Emissionen identifiziert ist; auch wenn die meisten Gemeinden rund um Wien unter der Verkehrsbelastung stöhnen : Ab dem 15. Dezember wird der öffentliche Verkehr im sogenannten Speck­gürtel um eine Schienenverbindung ärmer sein. 

› Wir leben hier unmittelbar vor der Wiener Stadtgrenze, viele Menschen aus unserem Ort pendeln, aber unsere Bahn wird nicht mehr fahren ‹, ärgert sich Gerhard Mayer : › In welchem Jahrhundert leben wir eigentlich ? ‹ Gemeinsam mit Familie Rath hat der IT-Techniker und Musiker Mayer eine Initiative zur Erhaltung der Bahn gegründet : › Regionalbahn statt Bus ‹. Sie haben Kundgebungen und Unterschriftenlisten organisiert, haben Protestbriefe an die Niederösterreichische Landesregierung geschickt. › Wir wollen ein Gesamt­konzept von Bahn und Bus ‹, sagt Mayer, › mit der Bahn als Rückgrat des Nahverkehrs. ‹ Aber das wird vorerst am Einstellungsentscheid nichts ändern. Die Geschichte vom langen Sterben der Weinviertel-Landesbahn ist auch eine Geschichte über die österreichische Verkehrspolitik, die sich zwar laut zum Ausbau der Schiene bekennt, in Wirklichkeit aber immer noch auf den Straßenverkehr fokussiert. 

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