Diktatur des Lächelns

China hat die absolute Armut besiegt und die Ungleichheit vervielfacht, seine Gesellschaft digitalisiert und das Internet zensiert. Eine Reise ins Reich der Widersprüche.

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Illustration:
Nicola Ferrarese
DATUM Ausgabe Dezember 2019

Jeder Ort hat seinen charakteristischen Klang. Und wenn sich die Klänge ändern, ändern sich auch die Orte. China, das war das schnelle Schniefen, wenn der Schleim durch Nasennebenhöhlen in den Rachen­raum gesaugt wird. Das langgezogene › Chhrrr ‹, wenn der Speichel am Bereich des Gaumens gesammelt wird. Das Schrillen der Fahrradklingeln und die traditionellen, hoch emotionalen Lieder, die aus alten Lautsprechern durch den öffentlichen Raum schepperten. Diese Klänge sind zumindest aus den großen Städten verschwunden. Untergegangen in dem Mahlstrom des Wandels, der das bevölkerungsreichste Land der Erde in atemberaubendem Tempo umwälzt. 

Im Jahr 2008, ein halbes Jahr vor den Olympischen Spielen, war ich das letzte Mal in China. Als Student, mit Rucksack, zwei Monate durch die Megastädte und über Land. Fast zwölf Jahre später stehe ich wieder am Flughafen Peking, als Teil einer Reisegruppe, die vom chinesischen Journalistenverband eingeladen wurde. 

Zwölf Jahre sind eine lange Zeit, aber eben auch normalerweise keine komplett andere Welt. 

In China reichen zwölf Jahre, um ein anderes Land entstehen zu lassen. In dieser Zeit hat sich die chinesische Wirtschaftsleistung verdreifacht, auf mittlerweile 13,37 Billionen US-Dollar, eine Zahl mit zwölf Nullen. Über 200 Millionen Menschen sind vom Land in die Stadt gezogen, ungefähr so viel wie die Einwohnerzahlen von Deutschland, Frankreich und Italien zusammengerechnet. Immer, wenn China im Spiel ist, werden die Zahlen fast lächerlich hoch. 

Die Volksrepublik China feiert 2019 ihr 70-jähriges Jubiläum und kann vor Kraft kaum noch gehen. Die zweitgrößte Volkswirtschaft, das bevölkerungsreichste Land, das größte Militär der Welt. Ein Land der Widersprüche, in dem viele Dinge gleichzeitig passieren. In den letzten 70 Jahren war China schon Agrarstaat und Werkbank der Welt. Wenn es nach den Ideen der chinesischen Führung geht, soll das Land in Zukunft eine durchdigi­talisierte Weltmacht sein, deren Wirtschaft auf starkem Binnenkonsum, Unternehmertum und Ideenreichtum basiert. Es sind Zeiten des Umbruchs, in denen sich China neu erfindet. Wieder einmal. Mit allen Chancen und Verwerfungen, die das mit sich bringt. › Mögest du in interessanten Zeiten leben ‹, lautet ein alter chinesischer Fluch. 

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