Der zweifelhafte Umgang mit Autismus in den USA

Der 2. April gilt als ›Weltautismustag‹, an dem Sehenswürdigkeiten blau beleuchtet werden. Propagiert wird das auch von einer umstrittenen Autismus-Charity.

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Felix Hübner ist 16 Jahre alt und macht derzeit ein Praktikum bei DATUM. Seit vergangenem September besucht er die I-FIT-Schule mit sozialpädagogischem Schwerpunkt im zweiten Bezirk in Wien. Er interessiert sich für Politik und Journalismus und ist Asperger-Autist.
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Dan Scavino/Public domain

Wenn wir in Europa an Gesellschaftsschichten denken, die es in den USA schwer haben, dann denken wir zumeist an Menschen ohne Krankenversicherung, arbeitslose Weiße in Bundestaaten mit schlechter Infrastruktur, Schwarze, die in Ghettos leben, in Reservate gedrängte Ureinwohner, und lateinamerikanische Immigranten. Doch auch andere Minderheiten haben es in Amerika nicht leicht. Die Lage von Menschen mit Autismus in den Vereinigten Staaten ist vielen Europäern nicht bewusst. Zwar führen viele von ihnen ein anständiges Leben, doch die autistische Gemeinschaft hat dort auch viele Probleme. Eines davon ist die international größte auf Autismus spezialisierte Wohltätigkeitsorganisation der Welt.

Vielen Europäern außerhalb des englischsprachigen Raums sagt der Name „Autism Speaks“ („Autismus spricht“, AS) gar nichts. Die Organisation, die auch in Kanada, Großbritannien, Australien und Neuseeland aktiv ist, wurde 2005 vom US-Medienmogul Bob Wright und seiner Frau Suzanne gegründet, als ihrem Enkelsohn Autismus diagnostiziert wurde. Erklärtes Ziel der Organisation ist es, Bewusstsein für die Lebenswelt von Autisten und deren Familien zu schaffen. Hierzu kooperiert AS mit zahlreichen Organisationen wie dem TV-Netzwerk NBC (welcher Wright zuvor als CEO vorstand), dem von öffentlichen Geldern finanzierten Fernsehsender PBS, Google, den Vereinten Nationen, dem Weißen Haus und mehreren anderen Hilfsorganisationen für neurotypische Menschen. Den Monat April widmet AS alljährlich voll und ganz der „Autism awareness“, also dem „Bewusstsein für Autismus“.  Unter dem Motto „Light it up blue“ („Beleuchtet es blau“) werden dann Denkmäler weltweit in Blau, der Farbe der Organisation, angestrahlt. Im selben Monat findet auch der „Walk for Autism“ („Marsch für Autismus“) statt.

Was genau ist daran nun problematisch? Schließlich scheint AS ein echtes Herzensprojekt von Wright zu sein. Doch wenn man ein wenig recherchiert, findet man heraus, dass die Organisation von vielen autistischen Menschen gehasst wird.

AS finanziert sich durch Spenden, ein Großteil davon wird wiederum in Marketing investiert. Die Werbefilme, welche zu Vermarktungszwecken produziert wurden, sorgten schon mehrmals für Aufschreie und Kontroversen. Beispiele dafür sind „I am Autism“ („Ich bin Autismus“) aus dem Jahr 2006 und „Autism everyday“ („Autismus jeden Tag“) aus 2007. In „I am Autism“ sieht man Videoaufnahmen von Kindern, während eine Stimme, die sich selbst als „Autism“ bezeichnet, darüber spricht. Es fallen Sätze wie: „Ich schlafe nicht, darum werde ich dafür sorgen, dass ihr auch nicht schlafen werdet“, „Ihr werdet keine Kirche, keinen öffentlichen Spielplatz, keinen Geburtstag, keine Hochzeit betreten können, ohne Demütigung und Scham“, „Und wenn ihr eine glückliche Ehe habt, werde ich dafür sorgen dass eure  Ehe scheitert“, und schließlich: „Ich bin Autismus. Ihr habt mich ignoriert. Das war ein Fehler“.

Anschließend wird der Film zu einer Kampfansage an den Autismus. Die Kinder sind plötzlich von ihren Familien umgeben, mehrere Stimmen sind zu hören, die davon reden, dass der Autismus  absurderweise sogar „durch Technologie und Vodoo“ bekämpft werden  soll. Die Werbung stellt Autismus als kinderraubenden Dämon, AS und ihre Arbeit dagegen als Rettung für bedrohte Familien dar.

Im zweiten Kurzfilm, „Autism everyday“, werden Mütter von autistischen Kindern interviewt. Sie sagen, man könne „nicht wirklich einen Tag freinehmen vom Autismus“. Wenn man genau aufpasst und nachdenkt, dann sind die Dinge, für die die Eltern die neurotypische Wahrnehmung ihrer Sprösslinge verantwortlich machen ­– schreien, weinen, trotz Straßenverkehrs losrennen, nicht aufessen – völlig typisch für kleine Kinder. Wenn man das im Hinterkopf behält, wirkt die Szene, in der sich eine der Mütter (Väter kommen im Film nicht vor) darüber beschwert, dass ihr einjähriger Sohn nicht redet, eher absurd als anrührend. Ziemlich schnell wird klar, dass es hier nicht um die alltäglichen Probleme der Kinder geht, sondern um die Sorgen und Wünsche der Eltern. Eine Mutter beschwert sich darüber, dass ihr Sohn „niemals verheiratet sein wird und niemals Kinder haben wird“ und sie auf Hochzeiten traurig sei, weil sie niemals mit ihrem Sohn auf seiner Hochzeit tanzen werde können. Nach der Logik des Films ist es unmöglich sich zu Menschen mit Autismus hingezogen zu fühlen, und diese seien prinzipiell abstoßend. Eine weitere Mutter sagt, ihr Ziel sei, ihren Sohn nach Harvard zubringen. Für Aufregung sorgte die Aussage einer anderen Mutter, sie hätte 15 Minuten lang darüber nachgedacht, ihre sechsjährige Tochter im Auto von einer Brücke zu werfen. Außerdem wird erwähnt, dass man auf eine „Heilung für Autismus“ hoffe (ein Ziel, von dem sich die Organisation seit 2016 offiziell distanziert).

In späteren Kampagnen standen Kinder im Mittelpunkt, dennoch lassen sich einige inhaltliche Probleme kritisieren. Autistische Merkmalen wie z. B. Ablehnung von Blickkontakt und Lärm wird als absolute Norm dargestellt, während positive Aspekte zu kurz kommen. Die Zielgruppe sind jedenfalls immer noch nicht: autistische Eltern und Kinder.

Auch Kooperationen mit Dritten führten zu Kontroversen. Als die beliebte Kinderserie Sesamstraße 2017 die autistische Puppe Julia einführte, lobten Kritiker und Zuschauer die Entscheidung und die klischeebefreite Darstellung des Charakters. Die Figur schaffte es sogar in die Thanksgiving Day Parade in New York. Der Charakter wurde, wie viele andere Charaktere des Senders PBS, bald schon zu einer Art Maskottchen der Organisation. Sie erschien in Videos auf AS’ offiziellem YouTube-Kanal, und war auch Bestandteil des „100 Day Kit“, einer kostenlos herunterladbaren Datei mit Tipps für Familienmitglieder. Dies führte zu Kritik des ebenfalls in den Vereinigten Staaten lokalisierten „Autism Self Advocacy Network“ (Autistisches Selbstvertretungsnetzwerk, ASAN), eine Organisation von und für autistische Menschen, welche AS u. a. für ihren Mangel an autistischen Mitarbeitern kritisiert. ASAN hatte die Macher der Serie zuvor bei der Entwicklung von Julia beraten, brach die Partnerschaft jedoch, als Autism Speaks ins Spiel kam.

Eine noch kontroversere Partnerschaft ist die des alljährlich im April stattfindenden „Walk for Autism“ mit dem umstrittenen Judge Rotenberg Center (JRC). Dabei handelt es sich um ein Erziehungszentrum, welches Methoden wie Nahrungs- und Schlafentzug sowie Elektroschocktherapie anwendet. Zwischen 1981 und 1990 gab es drei Todesfälle in Niederlassungen des JRC. Kritik brachte unter anderem Manfred Nowak in seiner Zeit als UN-Sonderberichterstatter zum Thema Folter vor. Mathew L. Israel, Gründer des Zentrums, war bereits wegen Misshandlung und Vernichtung von Beweismitteln angeklagt.

Autismus im Hause Trump

Wie bereits oben erwähnt ist ein wichtiger Partner von AS das Weiße Haus. Schon unter den Präsidentschaften von George W. Bush und Barack Obama gab es eine Kooperation mit der US-Regierung. Unter Donald Trump wurde dann der „Autism cares Act“, eine Maßnahme zur Unterstützung von autistischen Mitbürgern, unterschrieben und mit 1,8 Millionen Dollar ausgestattet. Was daran bei Trump interessant ist, sind seine früheren Äußerungen zum Thema. So schrieb er im März 2014 auf Twitter: „Gesundes junges Kind kommt zum Arzt, wird mit einen Riesen Schuss Impfstoffen vollgepumpt, fühlt sich nicht wohl und verändert sich: AUTISMUS. [Sowas] Passiert die ganze Zeit.“ Laut eigener Aussage hat Trump grundsätzlich nichts gegen Impfungen, doch man solle es nicht mehrmals machen, denn das würde Autismus verursachen, was „eine Epidemie“ geworden sei. Tatsächlich stieg in den USA zuletzt die Zahl von Menschen mit Autismus an. Es wird jedoch vermutet, dass dies im Zusammenhang mit einem stärkeren Bewusstsein für sie steht. In der Fernsehsendung „Fox & Friends“ bezeichnete Trump Bob Wright und seine Frau Suzanne als „großartige Freunde“. Die Nähe der Trump-Regierung zu AS zeigte sich, als das Weiße Haus am 3. April 2017 blau beleuchtet wurde.

Aber das ist noch nicht alles. Von all jenen, die von den Kontroversen rund um Trump betroffen sind, sticht keiner so heraus wie sein Sohn Barron Trump. Sein Verhalten sorgte schon oft für bizarre Kontroversen. Als er am Abend des Wahlsieges während der Rede seines Vaters ermüdet mit den Augen rollte, spekulierten viele, ob der Junge autistisch sei, dass er den ganzen Wahlabend lang wach gewesen war, wurde von den meisten ignoriert. Zu einem weiteren Eklat kam es, als Barron während der Amtseinführung seines Vaters gähnte. Der Youtuber James Hunter postete ein Video, in dem er darüber spekulierte, dass Trumps Sohn autistisch sein könnte. Daraufhin empfahl Komikerin Rosie O’Donnell auf Twitter das Video mit den Worten: „Barron Trump autistisch? Wenn dem so ist, eine großartige Möglichkeit, um auf die Autismus-Epidemie aufmerksam zu machen.“ Barrons Mutter, Melania Trump, drohte mit rechtlichen Schritten gegen Hunter und warf O’Donnell Mobbing vor. Der Youtuber nahm das Video aus dem Netz und veröffentlichte eine Entschuldigung (Anmerkung: Beide Videos existieren nicht mehr). Auch O’Donnell schrieb eine Entschuldigung, in der sie erklärte, dass ihr Glaube an eine Autismus-Epidemie durch ihre neurotypische Tochter ausgelöst worden sei. Auch wenn sich die Aufregung mittlerweile gelegt hat, hält sich das Gerücht hartnäckig, dass Trump im seinem oben erwähnten Tweet eigentlich über seinen Sohn schrieb.

Musk der Wunderheiler

Es gibt weltweit viele Menschen, die meinen, man müsse oder könne Autismus heilen. Laut ihnen entsteht er durch Impfungen, Umweltgifte und Parasiten im Körper. Als Heilungsmöglichkeiten gelten das Bleichmittel MMS und Homöopathie. Diese Theorie ist jedoch falsch, Autismus ist nämlich keine Krankheit und führt lediglich zu einer anderen Denk- und Wahrnehmungsweise. Sie ist kein behebbarer „Defekt“.

Zu den einflussreichsten Vertretern der Heilbarkeitsthese zählt der Unternehmer und Multimilliardär Elon Musk. Musk ist größtenteils für seine Arbeiten mit E-Autos und Raumfahrt bekannt. Eines seiner weniger bekannten Nebenprojekte ist Neuralink, eine Firma die Gehirn-Chips herstellt, die zur Heilung von Schizophrenie, Alzheimer und Autismus führen sollen. Zu den Kritikern des Projekts zählt der Neurowissenschaftler Randy Bruno, welcher an der Columbia-Universität arbeitet. Er sagte im Interview mit dem Magazin Insider, Musk und Neuralink sollten sich stattdessen lieber um das Herstellen von Prothesen und das Heilen von Blindheit kümmern, da dies definitiv hilfreicher als ein Gehirnchip sei.

Die Folgen

Es gibt viele schockierende Beispiele für die Folgen von Mangel an Informationen über Autismus, auch außerhalb der USA. Das chinesische Videoportal Tik Tok etwa versteckt Videos von augenscheinlich behinderten Menschen, auch jene (vermeintlicher) Autisten. Die Moderatoren der Seite müssen dabei innerhalb von Sekunden nach Aussehen der Nutzer entscheiden, ob eine geistige oder physische Einschränkung vorliegt oder nicht. Laut Tik Tok dient dies dem Zweck, Cyber-Mobbing auf der Plattform einzuschränken, Kritiker vermuten jedoch die Erhaltung eines makellosen Weltbilds als Intention.

In Kanada kam es 2013 zu einem Skandal, als eine Familie einen Hassbrief von einer Nachbarin erhielt, in der ihr geraten wurde, ihren autistischen Sohn, welcher zu der Zeit bei seiner Großmutter lebte, zur Euthanasie freizugeben und seine „nicht-behinderten Körperteile der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen“, da kein Arbeitgeber ihn anstellen und kein normales Mädchen ihn lieben würde. Die Laute, die er mache, würden ihre „normalen“ Kinder verängstigen. Die Familie erfuhr große Solidarität von Seiten der restlichen Nachbarschaft. Nach dem kanadischen Gesetz ist die Tat juristisch gesehen kein Verbrechen. Natürlich können „Hate Crimes“ wie dieses immer und jeder Zeit passieren. Man sollte sich aber die Frage stellen, ob ein von Organisationen wie Autism Speaks befördertes Klima, in dem Autismus als Defekt und auszumerzende Krankheit betrachtet wird, Menschen nicht dazu ermutigen, ihrem Hass auf andere Ausdruck zu verleihen.

Zwar ist Autism Speaks derzeit nur im englischsprachigen Raum aktiv, doch die Folgen ihrer Kampagnen sind weltweit beobachtbar, und da die Organisation mit der UN zusammenarbeitet, erscheint eine Expansion in andere Länder langfristig nicht unwahrscheinlich. Autisten sind in den USA gesetzlich keineswegs Menschen zweiter Klasse. Dennoch sollte der gesellschaftliche Umgang mit ihnen dort dem Rest der Welt eine Lektion im Umgang mit Minderheiten sein.