Die Menschenfischer

Gerade auf junge Leute wirken Freikirchen attraktiver als traditionelle religiöse Gemeinschaften. Für Aussteiger wie Sarah L. wurden sie jedoch zur Quelle der Unfreiheit.

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Illustration:
Petra Holländer
DATUM Ausgabe April 2022

Zehn Sekunden noch, dann geht es los. Zwei mal zwei Meter Videowall zeigen den Countdown. Gerade noch war der Saal in perfekt gedimmtes, orangenes Licht gehüllt, da gehen die Scheinwerfer an. Die junge Frau am Keyboard drückt fester in die Tasten. Sechs Sekunden. Der Bass setzt ein. Ein Mann, vermutlich in seinen 40ern, betritt die Bühne. Die Levis-Jeans sitzen locker. Die Trainingsjacke auch. Ein Schlag auf die Bass-Drum. ›Amen‹, ruft er ins Mikrofon. Das E zieht er in die Länge.

Der Mann mit den gegelten Haaren und den weißen Sneakers ist nicht der Frontman einer in die Jahre gekommenen Rockband auf Wienbesuch, und auch wenn der schwarze Boden, die Visuals auf der Videowall und die Bar auf der Galerie das vermuten lassen, geht es hier nicht vorrangig um die Musik. Er ist Pastor der International Christian Fellowship (icf) Wien, einer der rund 300 freikirchlichen Gemeinden in Österreich. Und er ist wahrscheinlich der Älteste auf der Bühne. Grauhaarige Männer findet man heute nur im Publikum, auf der Bühne führt eine Band aus jungen Gemeindemitgliedern durch den Vormittag.

Ein Ministranten-Rochett trägt hier niemand, eher könnte ihre Kleidung von der Humana wenige hundert Meter neben der icf sein. Viele Freikirchen sind hip und modern. Rund 150 Menschen sind an diesem Novembersonntag nach Wien Neubau gekommen. Einige mehr sehen im Livestream zu. Der Pastor hält eine Predigt. Er spricht über G20, das Gendern und die 2G-Regel.

Am Vortag waren wieder mehrere tausend Menschen auf Wiens Straßen unterwegs, um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. Auch der Pastor ist genervt. Genervt davon, dass so viel Energie dafür aufgewendet wird, über Maskenpflicht, Kontaktbeschränkungen und Impfen zu diskutieren. ›Weißt du, was schön wäre? Wenn wir die gleiche Energie gegen Abtreibung aufwenden würden‹, ruft er dem Publikum zu.

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