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Doktor Molly

In Gestalt von ›Ecstasy‹ wurde MDMA zur Partydroge der Raver. Jetzt steht die Substanz in den USA kurz vor der Zulassung als Medikament gegen Traumata. Aber es gibt auch warnende Stimmen.

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Illustration:
Cruella Bobo
DATUM Ausgabe Februar 2024

Juni 2023: Ein 13-jähriges Mädchen stirbt im deutschen Mecklenburg-Vorpommern an einer hochdosierten Ecstasypille, die wegen ihrer babyblauen Färbung und dem aufgeprägten Totenkopf ›Blue Punisher‹ genannt wird. Die Öffentlichkeit ist in Aufruhr. Drei Tage nach dem Tod des Mädchens warnt die Brandenburger Polizei in ›aller Dringlichkeit‹ vor den blauen Pillen. Doch jeden Monat bringen Untergrundlabore unzählige neue Pressungen mit anderen Farben und Motiven in Umlauf. Gibt man bei Google Trends ›Blue Punisher‹ ein, zeigt sich, dass nach Polizei- und Medienberichten zu den Pillen die Suchanfragen explodieren.

Methylendioxymethylamphetamin (MDMA), bekannt unter dem Straßennamen ›Ecstasy‹, ist eine global verbreitete Partydroge. Es erzeugt Verbundenheitsgefühle, gleichzeitig mildert es ängstigende Gedanken. Wer es konsumiert, fühlt sich nicht nur den Gefühlen anderer mehr verbunden, sondern auch den eigenen. Häufig in kleine, bunte Pillen gepresst, zählt MDMA, nach Alkohol, Tabak und Cannabis, zu den beliebtesten Drogen weltweit. Laut dem jüngsten European Drug Report beschlagnahmten Behörden in EU-Ländern alleine 2021 rund 1,6 Tonnen MDMA-Pulver und 3,5 Millionen Ecstasypillen. Weit mehr wird jährlich ­konsumiert. Das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) schätzt, dass jedes Jahr weltweit über 20 Millionen Menschen Ecstasy-Tabletten konsumieren. Die aktuelle Forschungslage besagt, dass MDMA im Vergleich zu den meisten anderen Drogen wenig Suchtpotenzial aufweist, aber in hohen Dosen lebensgefährlich ist.

›MDMA kann man sich als ein Gefühl reiner Liebe vorstellen‹, sagt der ehemalige Raver Markus Harrer. ›Ein Briefchen mit puren Kristallen war mit Freunden schnell weggedippt. Ecstasypillen streuten wir noch darüber‹, erinnert er sich. Einige Jahre lang konsumierte der Wiener, der in seiner frühen Jugend Skinhead war, höhere Mengen. In seiner Floridsdorfer Gemeindewohnung hat Harrer ein Foto von sich zwischen buntgerahmte Bilder seiner Kinder gehängt. Es zeigt ihn als Mitte-20-Jährigen, mit nacktem Oberkörper, außergewöhnlich schlank und muskulös. Sein Kopf ist kahlrasiert. Eine futuristische Sonnenbrille verdeckt die Augen. ›Schon damals hatte ich eine Glatze. Skinhead war ich da nicht mehr.‹ Angefeuert durch massiven MDMA-Konsum, trat für Harrer das Motto der Raver ›Love, Peace and Happiness‹ an die Stelle von Springerstiefel, Fliegerjacke und Jugendgeplänkel auf der Parkbank. Harrer gehört einer Generation an, die das Tor zur chemisch modulierten Partykultur der Gegenwart aufgestoßen hat.

Während MDMA heute immer noch das Stigma einer tödlichen Droge trägt, könnte in den USA bald entschieden werden, ob es legal als Medikament erhältlich sein soll. Die Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies (MAPS) unter der Leitung von Drogenaktivist Rick Doblin kämpft dort seit 1986 für eine Entkriminalisierung. Die jüngsten von MAPS in Auftrag gegebenen Phase-III-Studien suggerieren enormes therapeutisches Potenzial. Deshalb hat Australien, als erstes Land der Welt, MDMA den Status eines Arzneimittels verliehen. Es kann dort seit dem 1. Juli 2023 verschrieben werden. Bereits 2017 hat die amerikanische Food and Drug Administration (FDA) MDMA-unterstützte Psychotherapie zur Durchbruchstherapie bei der Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) erklärt: Wo sich mit etablierten Therapien kein Erfolg mehr einstellt, könnte MDMA helfen. Deshalb wird die FDA in wenigen Wochen entscheiden, ob sie MDMA einer Zulassungsprüfung unterzieht. MDMA könnte in den USA so noch 2024 seinen Status als hochgefährliche illegale Droge verlieren. 

Es wäre die vorerst letzte Station auf einem über hundertjährigen Weg: Am trüben Weihnachtstag des Jahres 1912 erreicht ein Schriftstück der Firma Merck das Kaiserliche Patentamt in Berlin-Kreuzberg. Der junge Chemiker Anton Köllisch hat für den Pharmariesen Merck eifrig an einem alternativen Herstellungsweg für den Blutstiller Hydrastinin gearbeitet und dabei erstmals MDMA als Vorstufe synthetisiert. Es dauert ein Jahr, bis Merck, wenige Wochen vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, das Reichspatent No. 274350 für den neuen Syntheseweg erhält. Zwar werden Blutstiller in der Urkatastrophe der Moderne bald dringend benötigt, MDMA kommt aber nicht mehr zur Anwendung. Köllisch fällt als Soldat an der Somme, seine Erfindung gerät in Vergessenheit.

Vermutlich würde die Substanz heute noch im Archiv von Merck verstauben, wenn nicht der amerikanische Auslandsgeheimdienst CIA nach potenziellen ›Wahrheitsdrogen‹ gesucht hätte. Wie der deutsche Psychiater und Bewusstseinsforscher Torsten Passie in seinem Buch ›The History of MDMA‹ schreibt, habe die CIA in den 1950ern Scheinfirmen gegründet, um die besten Universitäten Nordamerikas in die Suche einzubinden. Bewusstseinserweiterung gehört an US-amerikanischen Universitäten laut Passie damals bald zum guten Ton. So auch für den jungen Chemiker Alexander Shulgin. Er gilt als der Wiederentdecker von MDMA. Für seine Fans ist er deshalb ein Heiliger, ein postmoderner Prometheus, der mit der Gabe chemischer Erleuchtung ausgestattet war und dessen Vermächtnis die Menschheit noch lange beschäftigen wird. Sein Lebenswerk, der ›Shulgin Index‹, beinhaltet eine Vielzahl an psychoaktiven Substanzen, von denen viele so ausgefallen sind, dass sie noch keine Rolle als illegale Droge spielen. Es sind mögliche Drogen der Zukunft. Immer wieder tauchen vermeintlich neue Substanzen auf, deren Herstellung in Shulgins Buch beschrieben ist.

Shulgin ist überzeugt, dass MDMA, als ›spirituelles Werkzeug‹, der Menschheit helfen kann, friedlicher, freier und glücklicher zu leben. Im psychedelisch-therapeutischen Untergrund besteht der weitgehende Konsens, die Substanz nicht zu bekannt werden zu lassen, aus Sorge sie könnte, wie schon LSD zuvor, verboten werden. Eine kurze Zeit gelingt das auch. Schließlich aber beginnt ein findiger Geschäftsmann, MDMA per Telefonhotline unter dem Namen ›Ecstasy‹ zu vertreiben. Die US-Behörden reagieren mit einem Eilverfahren und setzen MDMA 1985 auf eine Liste der gefährlichsten Substanzen. Seitdem wird es wie Heroin behandelt, als hochgefährliche Droge ohne medizinischen Nutzen, aber mit hohem Missbrauchspotenzial. Noch in seinen letzten Lebensjahren setzt sich Shulgin gegen das Totalverbot und für eine Entkriminalisierung ein, auch nachdem erste Todesfälle im Rahmen einer neuen Drogenkultur bekannt werden.

Ähnlich wie bei LSD in den 1960ern ist das Aufkommen von MDMA als Partydroge am Übergang der 1980er zu den 1990er-Jahren eng mit dem Zeitgeschehen verwoben. Die No-Future-Bewegung Punk wird von ›zu viel‹ Zukunft abgelöst, in Berlin fällt die Mauer. Den passenden Soundtrack zu diesen Umbrüchen liefert Techno, eine Musikrichtung, die vom Niedergang der Industriemetropole Detroit erzählt. MDMA ist der chemische Katalysator einer sozialen Kettenreaktion, die Droge der aufkommenden Love-Generation. Bald zieht die erste Loveparade durch die Straßen Berlins. In Wien wird in den monumentalen Innenräumen leerstehender Gasspeicher aus der Kaiserzeit getanzt.

Auch Markus Harrer besuchte die Gasometer-Raves in Wien-Simmering. Damals sei er tagelang auf MDMA-›Reisen‹ gewesen. ›Wir sind oft schon am Donnerstag in der Fun Factory gestanden, um am Freitag dann bei einem Sea Vision im Penzinger Waldbad zu tanzen. Auch Samstag und Sonntag haben wir übertaucht, bis Kommunikation nicht mehr möglich war, bis die Augen nichts mehr gesehen haben.‹ Er kichert: ›Schlafen ging aber auch nicht, weil sich die verschlossenen Augen im Kreis gedreht haben.‹ Um das auszuhalten, habe er begonnen zu meditieren. Flammen züngeln zwischen zwei Scheiten im Holzofen hervor. In warmes Licht getaucht wirkt das Domizil des ehemaligen Ravers wie ein heiliger Schrein und Harrer wie ein Shaolin-Mönch. New Age tropft förmlich von den Wänden. Überall selbstgemalte Akrylbilder in knalligen Farben. Links ein Kruzifix, darüber Klangschalen, ein bronzener Buddha. ›Ich habe nicht nach einem Morgen gefragt‹, sagt Harrer. Man kann den Konsum so weit treiben, dass der ganze Körper von intensiven Serotoninwellen durchflutet wird, erzählt er. Die Muskelspannung steigt. Auch im Kiefer nimmt der Kaureflex unwillkürlich zu, bis zu dem Punkt, wo Kaugummis nichts mehr nützen. Wenn Harrer spricht, fallen seine Zahnprothesen auf.

Weil unbedachter Konsum fatale Folgen haben kann, bietet die Wiener Drogenberatungsstelle checkit! seit 1997 sogenanntes Drugchecking an. Dazu können Proben zwei Mal pro Monat auf Partys, aber auch stationär in der Gumpendorferstraße oder in zwei Apotheken abgegeben werden. 

Der Service richtet sich an Menschen, die aus hedonistischen Gründen Drogen konsumieren, sagt die Bereichsleiterin für Suchtprävention, Bettina Hölblinger: ›Das sind Freizeitkonsumenten, die nicht süchtig sind und deshalb auch keinen Kontakt zu Beratungsstellen haben.‹ Gerade bei MDMA sei aber Konsumreflexion essenziell. ›Was ist in meiner Pille? Wie dosiere ich?‹ Wer mit MDMA einen Höhenflug plant, sollte außerdem wissen, dass es die Serotoninspeicher belastet und diese Wochen benötigen, um sich wieder zu füllen. Ein Mangel, der durch wiederholten Konsum in kurzen Abständen entsteht, führt zu längerer Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit.› Die Kater waren teilweise sehr schlimm‹, erinnert sich Harrer. ›Amphetamine sind ja das Gegenteil von Vitaminen. Natürlich hat mich das auch gesundheitlich belastet.‹ Der gelernte Fliesenleger beginnt damals kiloweise Orangen und Äpfel zu essen, betreibt Sport und geht in die Sauna, um sein Gewissen zu beruhigen. ›Ich wollte berauscht sein, Emotionen fühlen, mich in Ekstase tanzen, aber während dem Flug die Kontrolle haben.‹ Harrer ist nicht abgestürzt. Heute arbeitet er als Industriekletterer, hoch über den Dächern der Stadt.

Der Freizeitkonsum von MDMA wird wohl auch in naher Zukunft illegal bleiben, aber auf medizinischer Seite hat sich in den vergangenen Jahren viel bewegt. ›Als ich 1986 mit MAPS begann, blockierte die FDA noch jede Forschung mit Psychedelika‹, schreibt der Legalisierungsaktivist Rick Doblin. ›Wie sich herausstellte, dauerte es 37 Jahre, um die notwendigen Daten für die Genehmigung zu sammeln!‹ Egal, wie das Prüfverfahren in den USA ausgeht, auch in Europa geraten Dinge in Bewegung. Das niederländische Parlament hat eine unabhängige staatliche Kommission beauftragt, den rechtlichen Status von MDMA zu prüfen und Empfehlungen zur medizinischen Nutzung abzugeben. In mehreren europäischen Ländern laufen derzeit klinische Studien.

›Man wird die amerikanischen Studien nicht wiederholen müssen, sondern auf vorhandene Daten zurückgreifen und lediglich durch zusätzliche Studien ergänzen‹, ist sich Claudia Schwarz sicher. Die Sozialwissenschaftlerin hat in den USA zum Wiederaufkommen der Psychedelika in Medizin und Gesellschaft geforscht. Zwar unterscheiden sich die regulativen Rahmenbedingungen, trotzdem würde eine Freigabe in den USA die Zulassung in der EU wohl beschleunigen. Schwarz erachtet MDMA-unterstützte Therapie für sinnvoll, die aktuelle Studienlage bestätige das. Sie übt aber auch Kritik an MAPS. Unter dem Slogan ›Healing for All‹ tritt Rick Doblin an, die Menschheit gänzlich von Traumata zu befreien. So sprach Doblin vor dem versammelten Publikum der MAPS-Psychedelic-Science-Konferenz letztes Jahr von einem ›Net-Zero Trauma‹ bis 2070. ›Keine Substanz der Welt kann das leisten‹, sagt Schwarz, denn Traumata seien auch gesellschaftliche Probleme, die durch soziale Umstände entstehen, wie sie betont. Mittlerweile hänge die langwierige und kostspielige MDMA-Forschung in den USA von privaten Investitionen ab, was Vermarktungs- und auch Profitüberlegungen mit sich bringe.

Ähnlich sieht das Matthäus Willeit, Psychiater und Suchtforscher an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Wien: ›MDMA ist weder der erhoffte Heilsbringer der Menschheit noch eine hochgefährliche Droge.‹ Das zeige sich schon daran, dass die Substanz seit rund 40 Jahren als beliebte Partydroge großflächig erhältlich ist. ›MDMA ist nicht sehr toxisch‹, so Willeit. Aber auch eine vergleichsweise wenig giftige Substanz kann überdosiert werden, wenn ein Bruchteil eines Gramms bereits einer vollen Dosis entspricht. ›Weltweit gibt es aber wenige belegte Fälle fataler Monointoxikationen, wo nachweislich nur MDMA zum Tod geführt hat.‹ Deutlich wird das, wenn man in den European Drug Report 2023 blickt. Verglichen mit den meisten gängigen Drogen, gibt es in ganz Europa nur eine verschwindend kleine Zahl tödlicher Überdosierungen mit MDMA. Es bestehe auch kein hohes Sucht- oder Abhängigkeitspotenzial, hält Willeit fest: ›MDMA ist weder auf gesellschaftlicher noch auf individueller Ebene eine große Gefahr.‹ Zusammen mit dem Psychopharmakologen Harald Sitte setzt sich Willeit für einen rationalen, wissenschaftlich fundierten Zugang zu Substanzgebrauch ein. Dazu gründeten sie die Forschungsplattform Addiction Research and Science (AddRess). Laut Willeit sei die die Suchtmittelgesetzgebung in Europa größtenteils irrational.

Anfang der 1990er-Jahre seien Ecstasypillen recht sauber gewesen, sagt Betina Hölblinger. Nur vereinzelt fand man andere Substanzen darin. ›Mittlerweile haben wir aber ein ganz anderes Problem, denn wir finden vermehrt Pillen mit sehr hohem MDMA-Gehalt.‹ Auch das Aufkommen der blauen Punisher-Pille vor drei Jahren hat checkit! registriert. Es habe sich aber gezeigt, dass es die ›Blue Punisher‹-Pille gar nicht gibt, sondern viele verschiedene, die zwar gleich aussehen, deren Inhalt aber stark variiert. Die bisher stärkste konnte in Manchester von Mandrake, dem dortigen Pendant von checkit!, analysiert werden. Sie enthielt 477 mg MDMA, was der vier- bis fünffachen Menge der üblichen Dosierung entspricht. Schon eine solche Pille kann lebensgefährlich sein. ›Wer hier völlig unbedacht konsumiert, setzt sich einer beträchtlichen Gefahr aus‹, warnt Hölblinger.

Anders ist das bei MDMA-gestützter Psychotherapie. Im Unterschied zu hedonistischem Konsum wird der Trip professionell begleitet. Die Dosis ist abgestimmt. Blutdruck und Herzrhythmus werden beobachtet. Verglichen mit herkömmlicher Gesprächstherapie nehmen MDMA-Sitzungen viel mehr Zeit ein. Körperlicher Kontakt, wie das Halten einer Hand, ist kein Tabu. Unter diesen Voraussetzungen hat das Team um Neurologin Jennifer Mitchell an der University of California, San Francisco, mit zwei Phase-III-Studien belegt, dass MDMA gut wirksam und verträglich ist. Keine der mit Drogen assoziierten Nebenwirkungen, wie Abhängigkeit oder Entzugserscheinungen, traten auf. Die Veröffentlichung der Ergebnisse im September 2023 erregte weltweit Aufsehen. Während die Hälfte der Teilnehmenden, ergänzend zu Therapiegesprächen, dreimal MDMA erhielt, besuchte die Kontrollgruppe lediglich Therapiesitzungen und bekam Placebos. Nach 18 Wochen hatten sich die Symptome der MDMA-Gruppe drastisch verbessert. Bei 71 Prozent konnte kein PTBS mehr festgestellt werden. Bei der Kontrollgruppe waren es nur 48 Prozent.

Laut Mitchell schaffe MDMA Zugang zu verdrängten oder verschütteten Emotionen. Diese besonderen Eigenschaften des Stoffes können aber auch missbräuchlich eingesetzt werden, sagt Claudia Schwarz: ›Es scheint, als habe MAPS schon versucht, es etwas unter den Tisch zu kehren, dass bei einer der Studien ein Therapeut eine Beziehung mit einer Patientin anfing, die unter MDMA-Einfluss stand. Im Nachhinein ist der Frau bewusst geworden, dass ihre Gefühle manipuliert wurden.‹ Daran zeige sich, dass längst nicht alle Fragen zur medizinischen Nutzung von MDMA geklärt seien.

Markus Harrer hat MDMA aus ganz anderen Motiven genützt.  ›Es ging um kollektive Ekstase, Verbundenheit und das völlige Verschmelzen mit der Musik.‹ Dass aus der Droge der Love-Generation eine Medizin werden könnte, löst bei ihm gemischte Gefühle aus. ›Therapiesitzungen haben wenig von dem, was uns damals bewegt hat. Wie heute gefeiert wird, kann ich aber auch schwer nachvollziehen.‹ Zu viele Egos überall. Früher sei die Musik mehr im Mittelpunkt gestanden. ›Techno höre ich immer noch, bin aber auch in der Oper gefangen.‹ Verdi zu hören, passt für ihn zu bröckelnden Fassaden von Altbauten. Bei seiner Arbeit hängt Harrer sein Leben an kurze Metallstifte von der Dicke eines Buntstiftes. Eine kleine Musikbox begleitet ihn. Meditation. Vom Regal blickt uns ein Buch seines Namensvetters, des Bergsteigers Heinrich Harrer, an. ›Harrer führte mich zum Buddhismus, zu Osho, zum Dalai Lama. Vielleicht auch zum Klettern.‹ 

Der Früchtetee ist ausgetrunken. Alles ist friedlich, bis auf die böse Mickey Mouse auf einem von Harrers Akrylbildern, sie hat offenbar eine starke Pille genommen und wirkt so, als würden ihr gleich die Augen platzen. Das Brachiale, die Gewalt, das hat Harrer schon in der Schule erfahren. ›Vielleicht hat mich das einst die Stahlkappenschuhe anziehen lassen.‹ Die aber hat er sich als Raver bald wieder ausgezogen, als er zu einer anhaltenden spirituellen Reise aufbrach. Er scherzt: ›Heute habe ich mich, auch durch meine Arbeit, über vieles drüber gestellt.‹ •

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