Editorial Mai 2019

Liebe Leserin, lieber Leser,

neulich bestellte ein Mann am Nebentisch sein zweites großes Bier. Es war acht Uhr morgens. Wir begannen über Politik zu sprechen. Über Irland, wo Menschen im Namen von Buchstaben wieder Menschen ermorden. Über Italien, wo Regierungspolitiker mit Waffen posieren. Über Frankreich, wo Menschen in gelben Westen den Selbstmord von Menschen in Uniform fordern. Und über Österreich, wo eine Partei an der Macht ist, die durchsetzt ist von Rassisten und Neonazis. Zum Abschied sagte der Mann mit dem zweiten Bier: ›Die Lage ist verzwickt.‹ Wie zum Beweis wachelte er mit einer Kronen-Zeitung.

Europa spielt verrückt. Spielen wir mit? Und was steht überhaupt auf dem Spiel? Was nach einem Wahlaufruf klingt, könnte ebenso das Motto jenes Schwerpunktes sein, den Sie in der vorliegenden Ausgabe anlässlich der kommenden EU-Wahl am 26. Mai finden. 

Zum fünfjährigen Jubiläum seines Song-Contest-Sieges besuchte Thomas Neuwirth alias Conchita Wurst uns in der Redaktion. Wir sprachen über sein wechselvolles Leben und künstlerisches Streben und, das tut er selten, über Politik (S. 26). Neuwirth erzählt, wie er Europa zu verstehen gelernt hat, wie eine Pegida-Demonstration in Dresden für ihn zum politischen Erweckungserlebnis wurde und warum er die kommende EU-Wahl für ›die wichtigste unseres Lebens‹ hält. 

Warum wir uns dabei zwischen nur zwei politischen Erzählungen entscheiden können, der wirtschaftlich-liberalen und der nationalistisch-konservativen, und wie eine dritte aussehen könnte, erklärt Anatol Vitouch (S. 32). Er appelliert an den Möglichkeitssinn, wie der Historiker Rutger Bregman ihn gerade in die politische Debatte einbringt. Ihn wiederum porträtiert unsere Europakolumnistin Verena Ringler (S. 49). 

Wie sich eine politische Landschaft trotz scheinbarer Aussichtslosigkeit grundlegend ändern lässt, das erzählt Simone Brunner in ihrer Reportage. Die gebürtige Kärntnerin ist dafür in ihre Heimat zurückgekehrt. Mehr als zehn Jahre nach dem Tod Jörg Haiders hat sie sich die Frage gestellt, ob Kärnten noch ein politischer Sonderfall ist: dafür war sie unter anderem mit Ex-BZÖ-Landeshauptmann Gerhard Dörfler wandern und zu Besuch am Bauernhof der frühen Haider-Unterstützerin Kriemhild Trattnig (S. 68).

Julia Wenzel ist für uns nach Straßburg gereist, um ein höchst skurriles europäisches Ritual zu verstehen: den monatlichen Umzug des EU-Parlaments und damit tausender Menschen für nur drei Tage von Brüssel an die Ill. Wenzel erzählt von der Verschwendung von Zeit, Energie, Geld und warum sich die große Mehrheit der EU-­Parlamentarier vergeblich gegen eben diese ausspricht (S. 16).

Im erwähnten Interview sagt Thomas Neuwirth, es bekommt nur Kraft, wer und was Aufmerksamkeit bekommt. Welche Themen in den vergangenen Jahren Aufmerksamkeit und Kraft bekamen in Europa (und wie die österreichischen Parteien sich dazu positionierten), das visualisiert Daten-Redakteur Vanja Ivancevic (S. 14). Für seine Arbeit erhielt er ­übrigens jüngst einen ›European Magazine Award‹, wozu wir ihm von Herzen gratulieren!

Ihnen darf ich viel Vergnügen wünschen bei der Lektüre der Seiten der Zeit und jetzt schon gratulieren: zu Ihrer Wahl am 26. Mai.

Ihr Stefan Apfl 

stefan.apfl@datum.at