2022: Ein Jahr ohne Elena

Elena ist 14 Jahre alt, als sie beschließt zu sterben. Wie lebt ihre Mutter nun mit dem Tod des Kindes?

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Illustration:
Alina Mosbacher
DATUM Ausgabe Juli/August 2024

Nachrichteneingang.
Mama, ich kann nicht mehr.
Ich will nicht mehr.

Samstag, 2. Januar 2021, 15.33.
Absender: Elena. 

Es ist ihr erster Arbeitstag im neuen Jahr. Denise sitzt im Pausenraum des Pflegeheims, in dem sie arbeitet. Schwatzt mit einer Kollegin. Der Jahreswechsel, an dem sie mit Freunden – ein Glas Sekt in der Hand – auf das neue Jahrzehnt ­angestoßen hat, das unsägliche 20er- Jahr mit seiner Pandemie hinter sich lassend, ist erst zwei Tage her. Das Gefühl, eine harte Zeit überstanden zu haben, schwingt im Gläserklirren mit: ›Schlechter kann das neue Jahr nicht werden!‹ Ein Gedanke, den sie mit der Welt teilt, die ebenfalls glaubt, mit dem alten Jahr ginge auch das Virus. Lachen, Donauwalzer und das Gefühl im Bauch: ›Jetzt wird alles besser!‹

Denise ist 41 Jahre alt. Sie ist Mutter zweier Kinder, studiert neben ihrem Beruf als Heimassistentin an einer Fachhochschule. Sie ist geschieden und lebt mit ihrem Partner und ihren Kindern im idyllischen Vorort einer österreichischen Landeshauptstadt. Ein schmuckes altes Haus mit Teich und Schaukel im Garten, auf den Wiesen flattern Schmetterlinge, ein kleines Kirchlein, Berge am Horizont. Denise ist ein geselliger Mensch. Wenn sie lacht, dann tut sie das laut. Sie hat viel zu erzählen, hört zu, hat einen guten Spruch auf den Lippen und einen wachen Blick. Sie hat diese Aura, die Menschen oft haben, wenn sie berufsbedingt Leid als reale Größe kennen und nicht nur über Netflix. Die um den Wert von Zuwendung wissen und die ein Quäntchen mehr Kummer als andere verkraften, bevor es sie aus der Bahn wirft. Denise ist jemand, den man gern zur Freundin hätte.

Hinter der Geschichte

Ich hatte von Elenas Tod gehört, weil Denise eine entfernte Bekannte von mir ist. Irgendwann habe ich sie einfach gefragt, ob sie sich vorstellen kann, dass ich ihre Geschichte erzähle. Wie sie über den Tod ihrer Tochter sprechen konnte, hat mich sehr beeindruckt. Sie erzählte auch, wie die Menschen in ihrem Umfeld auf den Umstand reagiert haben: Sie gingen ihr aus dem Weg und sie wurde sogar gemieden. Ihre Worte waren klar und reflektiert. 

Die Geschichte stieß auf viel Resonanz. Mir wurden E-Mails und auf Facebook eine Menge Nachrichten geschickt. Sie wurde auch für den deutschen Reporterpreis nominiert. Der Text hat viele berührt und getroffen, weil die Geschichte keine alltägliche ist, mit der Menschen sonst konfrontiert werden. Mit Denise habe ich den Kontakt in den letzten Jahren lose gehalten. Mein Gefühl ist, dass es ihr im Jahr nach Elenas Tod schlecht ging und dann in der Zeit danach noch schlechter. Sie war einige Monate im Krankenstand und wegen einer depressiven Episode mit posttraumatischem Hintergrund auch im Krankenhaus. Seit gut einem Jahr geht es ihr wieder besser.

Ich habe einige Jahre als freie Journalistin für DATUM und andere Medien wie die Zeit und den Falter geschrieben, mittlerweile bin ich beim Red-Bull-Verlag fest angestellt.

Verena Randolf

Seit dem Tag, an dem die Nachricht kam, hält Denise kurz inne, wenn sie lacht, was nicht mehr oft, aber noch manchmal vorkommt: ›Darf ich das?‹, fragt sie sich dann. ›Jetzt, wo mein Kind tot ist.‹ 45 Tage nach ihrem 14. Geburtstag hat sich Denises Tochter Elena das Leben genommen. Gemessen egal an welcher Skala: das Schlimmste, was einem im Leben passieren kann. Allein der Gedanke an ein persönliches ›Was wäre, wenn…‹ ist so schmerzlich, dass das Gehirn anstatt eines Hypothesenkarussells bloß eine blanke Leinwand aufzieht. Die große Frage, die bleibt: Wie überlebt man den Suizid seines Kindes?

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