Entbestialisierung
Auf ein neues Jahr mit der Normalisierung des Humanen.
Es gibt verschiedene Formen der Komplizenschaft. Gleichgültigkeit ist vermutlich die am weitesten verbreitete. Jene, der sich jeder und jede schon einmal schuldig gemacht hat. Selbst beim Bestialischsten. Da ist sie unentschuldbar. Weil sie das Bestialische normalisiert. Es zum Konsens einer Gesellschaft werden lässt. Deswegen hört man auch so oft die Empörten sagen: Wo bleibt der Aufschrei? Wo bleibt der Aufschrei über die Gräuel im Sudan, an Europas Grenzen, im eigenen Land, wenn ein Innenminister sich mit Frauenhassern zur Identifizierung von Straftätern beratschlagt, um sie nach Afghanistan abschieben zu können; und wenn Medienvertreter Verständnis dafür und für viel zu vieles mehr in ihren Kommentaren und berührenden Reportagen suggerieren?
Das mit dem Aufschreien haben wir uns für dieses Jahr besonders abgewöhnt. Jenen, die am Anfang noch gebrüllt haben, ist binnen kürzester Zeit die Puste ausgegangen. Bei all dem Bestialischen, das eine Elite zu verantworten hat und das fast widerstandslos nach unten sickert. Insbesondere in den USA, der mächtigsten Demokratie der Welt. Zuerst die Wahl, dann die ›Executive Orders‹, dann alles Übrige. Jeden Tag ein weiteres Übriges, das einen dazu verleitet, das mit dem Aufschreien gleich bleiben zu lassen. Stattdessen arrangiert man sich, normalisiert das Bestialische im Anzug auf der Weltbühne mit ›Daddy‹-Jokes, aus Angst, in Ungnade zu fallen und zum nächsten Opfer gemacht zu werden.
Daher will ich zum Jahresende versöhnlich den Fokus auf jene richten, die sich das noch nicht abgewöhnt haben, das mit dem Aufschreien und der ewigen Empörung, die so viele andere empört. Etwa, wenn die Stadt Wien das warme Mittagessen in Winter-Notquartieren für Obdachlose einspart, oder bei der Sucht-und Drogenhilfe gekürzt wird, oder wenn den 11.000 subsidiär Schutzberechtigten in der Stadt ab kommendem Jahr die Aufstockung von der Grundversorgung auf die Mindestsicherung gestrichen wird. Oder wenn sich herausstellt, dass ein Wirtschaftskammerpräsident mit seinen Nebeneinkünften insgesamt 28.000 Euro brutto im Monat verdient und eine Empörungswelle die Bevölkerung erfasst, die sie meistens nur dann in diesem Ausmaß spürt, wenn mehrköpfige Familien ihnen zustehende Beihilfen beanspruchen.
Diese Empörung beruhigt, weil sie signalisiert, dass eine Gesellschaft die Enthumanisierung noch nicht ganz normalisiert hat. In Zeiten, in denen alles, was mit der Beschwörung der Bewahrung der Menschenwürde einhergeht, als altmodisch und weltfremd abgetan wird, kann sie fast schon als Widerstand gewertet werden. Ein lautes ›Nein‹ gegen die Komplizenschaft, die Enthumanisierung als ›Pragmatismus‹ und ›Handlungsfähigkeit‹ tarnt.
Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, das sich immer wieder an ein neues ›Normal‹ anpasst. Das, was gestern noch undenkbar war, kann morgen schon möglich sein. In jede Richtung. Vielleicht wird 2026 ein Jahr, in dem einmal ganz andere Dinge normalisiert werden. In dem es normal wird, sich für seine Mitmenschen einzusetzen, ohne verspottet zu werden. In dem eine gesamte Gesellschaft zu zucken beginnt, wenn Ausdrücke im öffentlichen Diskurs – selbst von vermeintlich Progressiven – verwendet werden, die anderen die Zugehörigkeit in dieser Gesellschaft absprechen. Ein Jahr, in dem es normal sein wird, dass Parteien zivilisatorische Errungenschaften wie die Menschenrechtskonvention voller Inbrunst verteidigen und sich nicht fast schon peinlich berührt dafür entschuldigen, sich an ein so veraltetes Regelwerk zu halten, das sie am herzhaften Handeln hindert.
Auf ein ›Normal‹ im neuen Jahr, in dem das Bestialische wieder als solches benannt wird. Und in dem man alles dafür tut, nicht zu seinem Komplizen gemacht zu werden. •