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Unerwünschte Mitbewohner

Kaum einer mag sie, trotzdem sind Tauben aus unseren Städten nicht zu vertreiben. Der Salzburger Hans Lutsch kämpft seit Jahrzehnten für einen humanen Umgang mit den Tieren, die vom Menschen selbst einst gezüchtet wurden.

DATUM Ausgabe Februar 2026

Hans Lutsch hält ein Foto in der Hand. Darauf: eine Taube mit gebrochenem Flügel, reglos zwischen Mülltonnen. Kowalski, so nannten er und seine Frau das Tier, das vor fast zwanzig Jahren alles ins Rollen brachte. Niemand in der Stadt Salzburg fühlte sich zuständig. Tierheime lehnten die Aufnahme ab, die meisten Tierärzte hatten keine Erfahrung mit Stadttauben. ›Man hat uns geraten, sie einzuschläfern‹, erzählt Lutsch. ›Aber das wollten wir nicht. Die Taube wollte leben.‹

Sie wollte essen, sie putzte sich, sie gab nicht auf. Nach Wochen der Pflege flog Kowalski wieder. Für Lutsch war das der Anfang. Seitdem lässt ihn die Frage nicht los: Warum kümmert sich niemand um unsere Stadttauben?

In Österreichs Städten leben Zehntausende Tauben, für viele Menschen sind sie nichts weiter als ein Ärgernis: Sie verschmutzen Balkone und Fassaden, gelten als Krankheitsüberträger und wirken in großen Schwärmen bedrohlich. Schon vor Jahrzehnten sang Georg Kreisler vom ›Taubenvergiften im Park‹ – und brachte damit das Verhältnis vieler Menschen in Österreich zu den gefiederten Mitbewohnern auf den Punkt. Deshalb haben Stadtverwaltungen den Tauben längst den Kampf angesagt: mit Fütterungsverboten, Spikes auf Simsen, Netzen in Durchgängen. Das ist nicht nur tierethisch fragwürdig, sondern verschärft auch das Problem, anstatt es zu lösen. Das zumindest behauptet Hans Lutsch, der es  sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, die Salzburger Taubenpolitik zu reformieren. 

Heute, fast zwanzig Jahre nachdem er Kowalski zwischen den Mülltonnen fand, sitzt er in seinem Büro, umgeben von Akten, Gutachten und Zeitungsartikeln. Jede Anfrage hat er dokumentiert, jede Absage, jedes Mail aus dem Salzburger Magistrat. Der 64-jährige diplomierte Gesundheits- und Krankenpfleger ist seit kurzem in Pension. Vor Jahren betreute er gemeinsam mit seiner Frau eine Zeitlang einen Taubenschlag direkt am Salzburger Hauptbahnhof, es war der erste geschützte Unterschlupf für die Tiere in der Stadt. Damals sah Lutsch, wie es gehen könnte. 

›Wir brauchen das Augsburger Modell‹, sagt er. Das Konzept ist nach der bayerischen – und taubenfreundlichen – Stadt Augsburg benannt und umfasst neben Taubenschlägen auch eine Geburtenkontrolle und artgerechte Haltung. Denn Taubenschläge sind weniger Tierliebe als Stadtmanagement: Sie bündeln Kot, kontrollieren Nachwuchs und reduzieren Konflikte. Lutsch lobbyiert bereits seit Jahren dafür, lange erfolglos. Noch im März des Vorjahres betonte der Salzburger Vizebürgermeister Florian Kreibich (ÖVP), dass es angesichts der ›extensiven Taubenfütterungen‹ in der Stadt wenig sinnvoll sei, ›jetzt mit Steuergeld ein Taubenhaus zu finanzieren‹.

Doch im Oktober 2025 geschah dann, was Lutsch fast nicht mehr zu hoffen gewagt hatte: Die Salzburger Stadtregierung sprach sich nach öffentlichem Druck nun doch für das Augsburger Modell aus. Lutsch bleibt trotzdem skeptisch. Bis heute ist kein Standort gefunden oder ein Betreiber benannt. Die zuständige Magistratsabteilung soll erst ein Konzept erarbeiten. ›Ich warte ab‹, sagt Lutsch.

Macht die Stadtregierung ihr Versprechen tatsächlich wahr, wäre das eine Kehrtwende in der Salzburger Taubenpolitik. Jahrzehntelang versuchte die Stadt, die Population der Tiere mit Verboten und Abwehrmaßnahmen zu kontrollieren. Vor rund dreißig Jahren führte Salzburg ein striktes Fütterungsverbot ein, das erst im Vorjahr verschärft wurde. Wer dagegen verstößt, muss mit einer Geldstrafe von bis zu 218 Euro rechnen. Die Idee dahinter: Weniger Futter bedeutet weniger Vermehrung. Dazu kamen Spikes auf Fensterbrettern, Netze in Durchgängen, optische Abschreckung. Das Problem: Diese Maßnahmen funktionieren nicht nachhaltig. 

Tauben finden in einer Stadt immer etwas zu essen – trotz Fütterungsverbote, die zudem oft schlecht kontrolliert werden. Sind auf einem Fensterbrett Spikes montiert, dann weichen die Vögel einfach auf ein anderes Fensterbrett aus.  Und Salzburg bietet ideale Bedingungen für die gefiederten Tiere: barocke Fassaden mit Brutnischen, enge Gassen, Touristen, die Futter hinterlassen.

Wie viele Tauben genau in Salzburg leben, weiß niemand – sie werden nicht gezählt. Laut Schätzung des Ordnungsamts der Stadt sind es rund 3.000. Bei 150.000 Salzburgern wären das etwa 20 Tauben pro 1.000 Einwohner. In Wien, wo seit 2021 regelmäßig gezählt wird, leben rund 25 Tauben pro 1.000 Einwohner – insgesamt 50.000 bis 60.000.

Dass es überhaupt so viele Tauben in den Städten gibt, ist übrigens selbstgemacht. Es liegt am Menschen – auch wenn das Feinde von Tauben nicht gerne hören. Die Stadttaube ist keine wilde Art, zumindest ›nicht im engeren Sinn‹, sagt Richard Zink von der Veterinärmedizinischen Universität in Wien. Sie gehe auf domestizierte Felsentauben zurück. Es handelt sich heute um eine weitgehend verwilderte, autarke Population eines ursprünglich vom Menschen gezüchteten Tieres. Jahrhundertelang wurden Tauben als Brieftauben gezüchtet, als Nahrungsquelle gehalten und als Symbol verehrt. Kasernen hielten Brieftauben, Kirchen ließen sie bei Einweihungen fliegen. Als man sie nicht mehr brauchte, hat man sie einfach ihrem Schicksal überlassen.

›Das ist das eigentliche Drama‹, sagt Lutsch. ›Wir haben ein Tier auf Abhängigkeit konditioniert und dann vergessen.‹

Das Augsburger Modell setzt auf eine andere Logik als Städte wie Salzburg. Statt die Tauben zu verdrängen, gibt man ihnen kontrollierte Lebensräume. In betreuten Taubenschlägen, oft auf Dachböden oder in eigens errichteten Gebäuden, werden die Tiere artgerecht versorgt, mit entsprechendem Körnerfutter gefüttert und ihre Eier gegen Gipsattrappen ausgetauscht. So wird die Vermehrung tierschutzgerecht reguliert, ohne die Tiere verhungern zu lassen oder zu vergiften. Die Tauben ziehen freiwillig in die Schläge ein, weil sie dort bessere Bedingungen vorfinden als auf der Straße. Verschmutzungen in der Stadt gehen zurück, weil die Tiere sich nicht mehr unkontrolliert auf Balkonen und Fassaden ansiedeln. 

Auch der Taubenschlag am Salzburger Bahnhof, der 2009 eingerichtet und von Lutsch betreut wurde, zeigte rasch Erfolge. 1.250 Eier wurden gegen Gipsattrappen getauscht, die Population stabilisierte sich. Knapp 450 Tauben zogen ein. ›Sie haben vor der Tür gewartet, wenn wir zum Putzen rein mussten‹, erzählt Lutsch. ›99 Prozent der Zeit blieben sie drinnen.‹

2012 brauchte die ÖBB die Räumlichkeiten dann aber für einen Technikraum. Der Taubenschlag wurde geschlossen. Knapp die Hälfte wurde von Gut Aiderbichl, einem österreichischen Tiergnadenhof, übernommen, ein kleiner Teil kam vorübergehend in eine Krankenstation. 200 Tauben landeten auf der Straße. 

An einem Herbstnachmittag steht Lutsch vor dem weitläufigen Platz vor dem Salzburger Hauptbahnhof. Seit der Taubenschlag weg ist, sind die umliegenden Gebäude und der Boden wieder mit Taubenkot und Federn verschmutzt. Lutsch deutet auf ein Dach, auf dem Spikes angebracht sind. Eine Taube sitzt keine drei Meter weiter auf einem Fenstersims, das Gefieder aufgeplustert gegen die Kälte. 

Suche man Vorbilder für gute Taubenprojekte, müsse man nicht mal nach Augsburg schauen, es reiche ein Blick in die Hauptstadt, sagt Lutsch: ›In Wien funktioniert seit Jahren, woran Salzburg scheitert.‹ Die Stadt Wien duldet maßvolles Füttern mit artgerechtem Futter – in Mengen, die sofort aufgefressen werden. 2022 hat die Stadt nahe des Hauptbahnhofs einen betreuten Taubenschlag eingerichtet, inzwischen zogen hier 500 bis 600 Tauben ein. Auch hier werden die Eier durch Attrappen ausgetauscht, um die Population zu kontrollieren. Schon nach zwei Jahren sah man die Auswirkungen: Weniger Tiere, weniger Mist. ›Ein gut betreuter Taubenschlag ist langfristig die nachhaltigste und wirtschaftlich sinnvollste Lösung‹, heißt es aus dem Büro des Wildtierservice Wien, das die Taubenschläge betreut. Abwehrmaßnahmen wie Spikes oder Netze würden ›das Problem eher verlagern als lösen‹. 

›Der Unterschied? Politischer Wille‹, sagt Lutsch.

Standortversuche für Taubenschläge scheiterten in Salzburg mehrfach, nämlich 2018, 2023 und zuletzt im März 2025. Damals war ein Bau neben einem ehemaligen Seniorenwohnhaus im Norden der Stadt geplant. Doch Vizebürgermeister Kreibich und das städtische Veterinäramt zogen das Projekt kurzfristig zurück. Die Kosten stünden ›in keinem Verhältnis zum tatsächlichen Nutzen‹. 

Laut Lutsch liegt das Problem nicht beim Geld, sondern bei der Verantwortungsdiffusion. Das Veterinäramt verweise darauf, dass Tierschutz nicht dessen Aufgabe sei. Die Immobilienabteilung verweise aufs Veterinäramt. So blockiere sich die Stadt selbst. Ein einzelner Schlag würde in der Errichtung einmalig zwischen 10.000 und 20.000 Euro kosten, so Lutsch. Dazu kommen die monatlichen Kosten für Reinigung, Betreuung und Futter. Die Kosten in der Stadt Augsburg, die insgesamt 13 Taubenschläge betreibt, machen laut dem Verein gegen Tierfabriken zwischen 65.000 und 85.000 Euro jährlich aus.

2013 gründeten Lutsch und seine Frau den Verein ARGE Stadttauben Salzburg. Seitdem schreiben sie Anträge, besuchen Sitzungen, dokumentieren. Lutsch koordiniert ein Netzwerk von ehrenamtlichen Helfern, die verletzte Tauben aufnehmen und pflegen. Wöchentlich kommen neue Anfragen: von Immobilienverwaltungen, Privatvermietern, besorgten Anwohnern. 

Seine Stieftochter verstehe manchmal nicht, warum er sich das antut, sagt Lutsch. ›Aber irgendwer muss ja anfangen.‹

In den letzten zwei Jahren erhöhten Lutsch und andere Taubenfreunde in Salzburg den Druck auf die Stadtregierung. Sie demonstrierten vor dem Schloss Mirabell, nachdem Anfang 2024 eine Vielzahl vergifteter und verstümmelter Tauben in Wals-Siezenheim bei Salzburg aufgefunden wurde. Die Täter wurden nie ermittelt. Zuletzt unterschrieben rund 2.500 Menschen eine Petition, die betreute Taubenschläge in jenen Stadtteilen forderte, die besonders betroffen sind. 

Der Salzburger Bürgermeister Bernhard Auinger von der SPÖ erklärte das Thema schließlich zur Chefsache. Er berief Anfang Oktober 2025 einen Runden Tisch ein, zu dem er eine Tauben-Expertin aus Augsburg einlud. Zuvor sprach er auch mit Lutsch. Nach der Sitzung einigte sich die Stadtregierung einhellig auf das Augsburger Modell. 

Doch vier Monate später ist noch nicht viel passiert. Ob es schon einen Standort für den Taubenschlag gibt? Man sei dabei, einen Grundsatzbericht zu erstellen, heißt es aus der zuständigen Magistratsabteilung 1 der Stadt Salzburg. Welches Budget vorgesehen ist? ›Dazu gibt es noch keine Daten.‹ Wer den Taubenschlag betreiben wird? ›Konkretes gibt es noch nicht.‹ 

Eines steht jedoch schon fest: Trotz Taubenschlägen soll das strenge Fütterungsverbot in Salzburg bestehen bleiben. ›Aus unserer Sicht ist das nicht unbedingt der richtige Ansatz‹, sagt die Biologin Evelyn Hofer von BirdLife Österreich. ›Wichtiger wäre gezielte Aufklärungs- und Bewusstseinsarbeit bei den Menschen, die Straßentauben füttern, und zwar vor allem darüber, was für die Tiere gesundheitsschädlich sein kann.‹ Übermäßiges Füttern sollte allerdings vermieden werden.

Lutsch atmet tief durch und lehnt sich zurück. Zwanzig Jahre. Drei Standortversuche. Ein Beschluss. Trotz aller Skepsis hat er die Hoffnung auf ein besseres Leben für die Tauben in Salzburg nicht aufgegeben. ›Das Modell wird kommen‹, sagt er. ›Vielleicht nicht mehr, solange ich das mache, aber irgendwann.‹ Dann holt er wieder das alte Foto hervor. Kowalski, die Taube mit dem gebrochenen Flügel, zwischen Mülltonnen. Sie lebte 16 Jahre bei Lutsch und seiner Frau; für eine Stadttaube ein bemerkenswert hohes Alter. ›Sie hat es verdient, gelebt zu haben‹, sagt Lutsch. Dann legt er das Foto wieder zurück. •

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