Angst liest sich gut
Zwischen ›Messerstechern‹ und ›Musterintegration‹ liegen oft nur wenige Seiten. Der Medienwatchblog Kobuk zeigt in einer Langzeituntersuchung, wie stark Herkunft darüber entscheidet, welches Bild von Geflüchteten gezeichnet wird.
›Mit der Flüchtlingswelle kamen auch Messerstecher.‹ So beginnt im August 2025 ein Artikel in der Presse. Wenige Seiten weiter wird die gelungene Integration ukrainischer Familien gelobt. Zwei Geschichten, zwei Tonlagen – und zwei sehr unterschiedliche Bilder von Schutzsuchenden.
Um zu verstehen, wie solche Bilder entstehen, hat der Medienwatchblog Kobuk zwischen Juni und November 2025 insgesamt 547 Artikel ausgewertet – 132 in der Presse, 415 in der Kronen Zeitung. Welches Bild zeichnen österreichische Medien von Geflüchteten, insbesondere von Menschen aus Afghanistan, Syrien, der Ukraine oder Tschetschenien? Und wieso ist das relevant?
Weil Medien nicht nur informieren. Redaktionen setzen Schwerpunkte, wiederholen Narrative und prägen, worüber eine Gesellschaft spricht – und wie sie darüber spricht. Gerade bei Migration, Flucht und Integration wirkt diese Auswahl besonders stark. Die Kronen Zeitung erreicht laut Media-Analyse 24/25 täglich mehr als 1,6 Millionen Menschen, Die Presse rund 411.000. Wer keine eigenen Berührungspunkte mit Geflüchteten hat, kennt sie oft vor allem aus diesen Berichten.
Was dort auffällt: Positive Geschichten sind selten, und wenn sie vorkommen, dann geht es um einzelne Erfolgsgeschichten; um Menschen wie den MMA-Fighter Karim Wadan, den Schauspieler Bagher Ahmadi und die Botschafterin Manizha Bakhtari. Menschen also, die ›es geschafft haben‹. Doch gerade diese Texte bleiben die Ausnahme. Über fast alle Medien hinweg überwiegt ein negativer Grundton, das bestätigt auch eine Medienanalyse des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) aus dem Jahr 2024.
Geflüchtete erscheinen in der Berichterstattung nicht als einheitliche Gruppe. Herkunft macht einen deutlichen Unterschied. Vor allem bei ukrainischen Geflüchteten verknüpft Die Presse häufiger gelungene Integration, Arbeit und gesellschaftliche Nähe als bei Geflüchteten aus Syrien oder Afghanistan. Empfehlungen der EU-Kommission werden zitiert, Studien herangezogen, Schutzstatus und Erwerbstätigkeit betont. Von zehn untersuchten Artikeln im Zusammenhang mit ukrainischen Geflüchteten behandeln nur zwei konkrete Probleme. Das dominante Narrativ: humanitäre Verantwortung und gelingende Aufnahme.
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