Ein Land im Aufbruch
Nach dem Ende der Orbán-Ära in Ungarn, sind die Erwartungen an die neue Regierung von Péter Magyar enorm. Wird sie ihre Versprechen halten können?
Krisztina steht inmitten einer feiernden Menschenmenge und blickt hinauf zum ungarischen Parlament, an dem neben der ungarischen Nationalflagge erstmals seit Jahren wieder die blaue Fahne der Europäischen Union flattert. Es ist der 9. Mai, und am Kossuth-Platz in Budapest liegt Euphorie in der Luft. In wenigen Minuten wird Péter Magyar zum neuen Ministerpräsidenten Ungarns vereidigt. Sein Vorgänger Viktor Orbán, der das Land 16 Jahre lang mit zunehmend autoritärer Hand regiert hat, ist nicht zum Staatsakt erschienen. Auch sein Mandat nimmt er nicht an. ›Ein Albtraum ist vorbei‹, sagt Krisztina und seufzt erleichtert.
Krisztina, Mitte 40, ist eine von rund 3,4 Millionen Menschen in Ungarn, die im April für Magyars Tisza-Partei gestimmt haben. Sie möchte ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen, weil ihre Stimme für Tisza zu einem Zerwürfnis innerhalb ihrer Familie führte. Während ihre Mutter am Wahlabend völlig zerknirscht zu Hause saß, zog sie durch die Straßen Budapests, voller Freude und zugleich ungläubig, dass die Ära Orbán tatsächlich zu Ende ist. Krisztina hat früher selbst Fidesz gewählt, wie viele andere, die nun Péter Magyar zujubeln.
Mit dem Wahlsieg der Tisza-Partei Ende April ging eine politische Ära zu Ende, die weit über Ungarn hinausstrahlte. Viktor Orbán hatte das Land seit 2010 mit seiner Zweidrittelmehrheit Schritt für Schritt nach den Bedürfnissen seiner Partei umgebaut: Er ließ eine neue Verfassung schreiben, veränderte das Wahlrecht zugunsten der Fidesz, besetzte Schlüsselstellen in Justiz, Medienaufsicht und Verwaltung mit loyalen Personen und brachte den öffentlich-rechtlichen Rundfunk auf Regierungslinie. Für Europas Rechte wurde Orbán damit zum Vorbild, für seine Kritiker zum Symbol des demokratischen Rückbaus innerhalb der Europäischen Union.
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