Viel Lärm um Wind
In einem der wichtigsten Greifvogelgebiete Österreichs soll ein neuer Windpark entstehen. Der Konflikt zeigt, wie schnell Klima- und Naturschutz aneinandergeraten, wenn klare Regeln fehlen.
Kaum hat man Dürnkrut, eine kleine Gemeinde am Ostrand des Weinviertels, hinter sich gelassen, ragen links der Bundesstraße zahlreiche Windräder auf. Mehr als hundert Anlagen stehen hier, gebaut in unterschiedlichen Generationen. Kurz vor Zistersdorf lenkt Matthias Schmidt seinen marineblauen Van von der Landstraße auf einen Feldweg und stellt den Motor ab. Er ist 46 Jahre alt und arbeitet seit 15 Jahren für die Vogelschutzorganisation BirdLife in der Region. Schmidt trägt einen schwarzen Kapuzenpullover, unter der schmalrandigen Brille sitzt ein rotblonder Bart. Auf dem Armaturenbrett liegen zwei Ferngläser. Er greift danach, steigt aus und blickt in den grauen Himmel.
›Viele Greifvögel sind heute Vormittag nicht unterwegs‹, sagt er. Es sei zu windig. Trotzdem: ›Die nördlichen March-Thaya-Auen sind eines der bedeutendsten Gebiete für Greifvögel in Mitteleuropa‹, sagt Schmidt, ›ein Herzstück des Greifvogelschutzes in Österreich.‹ Die Region sei ein wichtiger Durchzugsraum, Winterquartier, Brut- und Jagdgebiet – unter anderem für den Kaiseradler. Die Art war in Österreich lange verschwunden und kehrte erst Ende der 1990er-Jahre zurück. Von den rund 60 Kaiseradler-Paaren Österreichs lebt ein großer Teil hier. Die Bundesstraße von Dürnkrut nach Zistersdorf verläuft wie eine Grenze durch die Landschaft. Links der Straße reiht sich eine Windkraftanlage an die nächste. Rechts liegen offene, frisch gepflügte Felder, unterbrochen von Gehölzstreifen, Windschutzhecken und einzelnen Baumreihen. Genau dort soll nun ein weiterer Windpark entstehen: Dürnkrut IV, mit 17 weiteren Anlagen.
Für BirdLife ist die Bundesstraße eine rote Linie. Auf diesen Kompromiss hätten sich Windkraftbetreiber, Gemeinde und Vogelschutzorganisation vor Jahren geeinigt: Windräder links der Straße, Schutzflächen rechts davon. Ob diese Grenze hält, wird nun vor Gericht verhandelt, denn Dürnkrut IV würde mitten in einem hochsensiblen Gebiet für Greifvögel stehen.
Während der Bürgermeister von Dürnkrut, Stefan Istvanek von der SPÖ, und die Windkraftbetreiber auf Entwicklungschancen für die Gemeinde verweisen, warnt BirdLife vor schweren Folgen für die Greifvögel. Laut der Organisation gehen bereits heute 10 bis 25 Prozent der bekannten Todesfälle von Kaiseradlern in Österreich auf Kollisionen mit Windrädern zurück. In der Genehmigung vom Windpark Dürnkrut IV sieht BirdLife einen Präzedenzfall: Bleibt der Windpark in dieser Form genehmigt, könnten künftig auch andere ähnlich sensible Flächen kaum noch geschützt werden. Ende April brachte die Organisation gemeinsam mit der Niederösterreichischen Umweltanwaltschaft sowie der NGO Virus einen Antrag für eine außerordentliche Revision beim Verwaltungsgerichtshof ein, um die Genehmigung des Windparks aufzuheben.
Dürnkrut IV ist für Schmidt mehr als ein lokaler Streit um zusätzliche Windräder. Österreich will bis 2040 klimaneutral werden. Eine Studie des Bundesministeriums für Innovation, Mobilität und Infrastruktur sieht dabei besonders großes Potenzial bei Photovoltaik und Windkraft. Letztere könne bis 2040 einen Beitrag von bis zu rund 42 TWh pro Jahr leisten. Doch je mehr Anlagen geplant werden, desto wichtiger wird die Frage, welche Flächen dafür infrage kommen – und welche nicht. ›Eigentlich müssen sich Windkraftausbau und Vogelschutz nicht ausschließen‹, sagt Schmidt. ›Aber auch der Naturschutz braucht Rechtssicherheit.‹
Das sieht auch Rafaela Schinegger so, die an der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) zu Naturschutzplanung lehrt und forscht. Österreich denke beim Ausbau der Windkraft zu wenig in Landschaftsräumen und oft nur von Projekt zu Projekt, sagt die Wissenschaftlerin: ›Das ist, wie wenn man ein Haus baut, Handwerker bestellt und sie machen lässt – und erst am Ende schaut, ob man einen Plan hat.‹ Naturschutz habe oft ein ›Imageproblem‹, weil er häufig nur auf einzelne Vogel- oder Insektenarten reduziert werde. ›Doch der Schutz von Ökosystemen ist Menschenschutz‹, sagt Schinegger. Greifvögel und Fledermäuse seien ein Indikator dafür, wie intakt unsere Ökosysteme sind. Wenn ihre Bestände zurückgehen, deute das oft auf tiefere Probleme hin. Intakte Ökosysteme sichern laut Schinegger Wasserhaushalt, Bodenfruchtbarkeit, Bestäubung, Hochwasserschutz und Klimaregulation. Sie schützen vor Dürre, speichern Kohlenstoff und kühlen Landschaften. ›Landschaften sind auch wichtig für unsere Erholung und unsere Gesundheit. Schon jetzt sind mehr als 80 Prozent der EU-geschützten Lebensräume und Arten in Österreich in einem ungünstigen Erhaltungszustand.‹ Eine Energiewende, die nicht naturverträglich sei, gefährde damit langfristig menschliche Lebensgrundlagen.
Der Ausbau erneuerbarer Energien liegt in der Verantwortung der Länder. Eine übergeordnete Planung auf Bundesebene fehle bislang, sagt Schinegger. Damit werde bei der Suche nach geeigneten Standorten häufig nicht ausreichend berücksichtigt, was die Summe vieler einzelner Projekte für Natur, Landschaft und Arten bedeutet. Für den Naturschutz, aber auch für Projektwerber, schaffe das eine große Planungsunsicherheit. Die Folge sei, dass Grundsatzfragen immer wieder in einzelnen Verfahren und Gutachten ausgefochten werden, sagt Schinegger. Für Naturschützer sei es oft schwer nachzuweisen, dass ein einzelnes Projekt bereits zu viel ist. In der Summe vieler Projekte werde die Belastung aber zum Problem. Matthias Schmidt nennt das ›Salamitaktik‹. Sobald ein Verfahren abgeschlossen sei, komme das nächste.
Der Vogelschützer deutet nach Osten. ›Dort drüben fließt die March und dahinter liegt die Slowakei‹, sagt er. Früher wurde das Gebiet durch den Eisernen Vorhang getrennt, heute verbindet es das ›grüne Band‹: ein schmaler Streifen verwilderter, unberührter Natur quer durch Europa. Die auf den Feldern angebauten Zuckerrüben wurden in der ansässigen Zuckerfabrik bis in die 1970er-Jahre verarbeitet. Mit ihrer Schließung sank die Zahl der Arbeitsplätze.
Heute leben hier rund 2.200 Menschen. Für Bürgermeister Stefan Istvanek ist Dürnkrut IV eine Entwicklungsfrage. Für strukturschwache Gemeinden entlang der March seien Windräder eine verlässliche Einnahmequelle. Dass die Anlagen hier eher akzeptiert würden als anderswo, liege auch daran, dass die Bevölkerung längst an sie gewöhnt sei, sagt Istvanek. Windkraft müsse sich für eine Gemeinde lohnen, wenn die Akzeptanz bleiben solle, etwa durch einen lokalen Ökostromtarif. Jeder Schadensfall bei Tieren sei bedauerlich, sagt Istvanek. Zugleich müsse die Gesellschaft aber unterschiedliche Interessen abwägen: Natur- und Artenschutz gegen Energiewende und die Entwicklung ländlicher Gemeinden.
Das Projekt Dürnkrut IV hat die Umweltverträglichkeitsprüfung bereits durchlaufen und wurde genehmigt. Istvanek verweist darauf, dass die Auswirkungen auf einzelne Vogelarten auf Grundlage fachlicher Gutachten bewertet worden seien. Vogelschützer Schmidt kritisiert dagegen, dass die Gutachten von technischen Büros erstellt werden, die direkt von den Projektwerbern bezahlt und in Folge von weiteren Aufträgen abhängig seien.
Laut dem Gutachten darf der Windpark zwar gebaut werden – allerdings nur mit zusätzlichen Vogelschutzmaßnahmen wie etwa Anti-Kollisionssystemen, die die Zusammenstöße von Vögeln und Windrädern verhindern sollen. Genau darüber wird nun gestritten.
Die Betreiber, die WEB Windenergie AG und die Windkraft Simonsfeld AG, wollen vor Abschluss des Verfahrens keine Stellungnahme abgeben. BirdLife hingegen lehnt das Projekt grundsätzlich ab. Das Argument der NGO: In den vergangenen Jahrzehnten sei die Windkraft im Gebiet bereits massiv ausgebaut worden und zusätzliche Vogelschutzmaßnahmen würden die Greifvögel in der Region nicht ausreichend schützen.
Schmidt ist regelmäßig in der Region unterwegs, um Greifvögel, insbesondere den Kaiseradler, zu erfassen. Dabei überprüft er manchmal auch, ob unter den Windrädern tote Vögel liegen. Er zeigt auf die Rotorblätter, die fast lautlos durch den grauen Himmel schneiden. ›Auch wenn man es nicht denkt: Die Spitzen erreichen bis zu 300 Kilometer pro Stunde.‹ Greifvögel seien auf der Jagd oft so fokussiert, dass sie die Geschwindigkeit falsch einschätzen. Fliege ein Vogel im falschen Winkel eine Windkraftanlage an, werde das Rotorblatt zur Gefahr.
Die Betreiber verweisen jedoch nach der Umweltverträglichkeitserklärung auf Anti-Kollisionssysteme wie ›IdentiFlight‹: Kameras und Sensoren sollen anfliegende Vögel erkennen und die Anlagen rechtzeitig stoppen. Laut BirdLife fehlt für deren Wirksamkeit ein wissenschaftlicher Beleg. Ein großer Greifvogel fliegt schnell und muss früh genug erkannt, richtig eingeordnet und die Anlage rechtzeitig gestoppt werden. ›Dort drüben, unmittelbar im Planungsgebiet vom Windpark Dürnkrut IV‹, sagt Schmidt und zeigt auf einen Windschutzstreifen zwischen zwei Feldern, ›hatten Kaiseradler einen Horst gebaut‹. Direkt daneben sei eine Nisthilfe errichtet worden, die von Sakerfalken besetzt wurde, eine weltweit bedrohte Art. Der Windschutzstreifen wurde mittlerweile ausgelichtet, die Nisthilfe abgebaut und später einige Kilometer entfernt wieder errichtet. Die Betreiber betonen, dass die Umsiedelung nicht im Zusammenhang mit den Plänen für den Windpark passiert sei.
Für Schmidt zeigt der Fall, wie problematisch es werde, wenn sich der Schutz einer Art nur auf einzelne Nester konzentriert. ›Wertvolle Lebensräume lassen sich nicht einfach verschieben und wilde Tiere sollten nicht wie Zootiere behandelt werden‹, sagt er.
Denn ein Kaiseradler brütet nicht überall dort, wo er jagt. Er braucht große, offene Räume, in denen er regelmäßig zur Nahrungssuche unterwegs ist. In Genehmigungsverfahren lassen sich Brutplätze leichter schützen als Jagdgebiete, weil Nester leichter erfassbar sind.
Als Ausweg werden in solchen Verfahren häufig Ausgleichsflächen genannt. Äcker werden zu Brachen erklärt, Flächen ökologisch aufgewertet, Verluste an einem Ort sollen an anderer Stelle kompensiert werden. In der Praxis, sagt Schmidt, bleibe oft offen, wie wirksam solche Maßnahmen tatsächlich sind. Flächen könnten umdeklariert, Maßnahmen mehrfach angerechnet oder bestehende Strukturen als neuer Ausgleich verbucht werden. So entstehe ein rein formeller Naturschutzgewinn auf dem Papier, ohne dass sich für die Tiere in der Realität etwas verbessere.
Langfristig, davon ist Schmidt überzeugt, werde sich der Konflikt zwischen Klima- und Naturschutz nur mit klaren Ausschlusszonen entschärfen lassen: besonders sensible Gebiete, in denen der Ausbau von Windkraft von vornherein nicht infrage kommt, weil ihr ökologischer Wert zu hoch ist. Unter österreichischen Umweltschutzorganisationen besteht dazu Einigkeit: Mit guter Planung, effizienterer Nutzung und unter Senkung des Gesamtenergieverbrauchs sind Klima- und Naturschutz in Österreich miteinander vereinbar. Zwar wird es laut BirdLife, um die Ausbauziele bis 2040 zu erreichen, auch notwendig sein, ornithologisch sensiblere Flächen zu nutzen – das könne jedoch keine Rechtfertigung dafür sein, bereits jetzt die heikelsten Gebiete zu nutzen.
Schmidt steuert mit seinem Van an diesem Tag noch eine andere Stelle an. Ein paar Kilometer weiter klappt er auf einer kleinen Anhöhe ein Kamerastativ auf. Vor ihm liegt eine Wiese, dahinter ein Föhrenwäldchen. Konzentriert blickt der Vogelschützer durch das Okular, kneift die Augen zusammen, stellt nach, sucht den Horst. Dann hat er ihn gefunden. ›Da hinten‹, sagt er. Auf einem Nest hoch oben in einem Baum sitzt ein Kaiseradlerweibchen.
Wachsam bewegt es den Kopf. Es ist Mitte April. Bereits zehn Tage brütet es schon, weitere 30 werden folgen, ehe zwei oder drei Jungvögel schlüpfen. Den Sommer werden sie dort oben verbringen, heranwachsen und einige Wochen später ihre ersten Flugversuche unternehmen. Doch auch hier soll ein Windpark vergrößert werden. Geht der Antrag durch, entsteht ein weiterer Konflikt, bei dem der Ausbau erneuerbarer Energien gegen jene Natur arbeitet, die er eigentlich schützen sollte. •