›Komplikationen gibt es bei jedem Chirurgen‹

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Fotografie:
Ursula Röck
DATUM Ausgabe Juli/August 2026

Name: Stefan Riss, 47

Beruf: Leiter der Chirurgie bei den Barmherzigen Brüdern in Wien

Sie kommen gerade aus dem OP. Was haben Sie gemacht?

Ich habe einer Patientin mit Darmkrebs den rechten Dickdarm entfernt. Die Operation ist glücklicherweise gut verlaufen.

Wie ist das eigentlich, einen Menschen zu operieren?

Am Anfang war es vor allem spannend. Ich trage ja eine enorme Verantwortung. Aber nach tausenden Operationen weiß ich: Selbst, wenn etwas Unerwartetes passiert, kann ich damit umgehen. Und die Arbeit macht mir wirklich Spaß.

Menschen aufzuschneiden macht Ihnen Spaß?

So würde ich es nicht formulieren. (lacht) Aber ja, Operieren macht mir Spaß. Es ist anspruchsvoll und gerade als junger Chirurg sehr aufregend. Wobei ich sagen muss, dass das Arbeiten mit den Menschen davor und danach genauso wichtig ist wie der Eingriff selbst. 

Warum?

Ich habe irgendwann gemerkt, dass Medizin nicht nur aus Diagnosen und Operationen besteht. Zuhören ist oft wichtiger als Reden. Es gibt Studien, die zeigen, wie viel wohler sich Patienten fühlen, wenn man sie einfach ein paar Minuten ohne Unterbrechung sprechen lässt.

Klingt banal.

Ist es aber nicht. Viele Ärzte unterbrechen Patienten sehr früh, weil sie glauben, ohnehin schon zu wissen, worum es geht.

Wie viel Ihrer Arbeitszeit verbringen Sie tatsächlich im OP?

Ich leite die chirurgische Abteilung hier. Trotzdem arbeite ich 70 Prozent meiner Zeit noch immer mit Patienten.

Können Sie sich an Ihre erste Operation erinnern?

Natürlich. In der Ausbildung assistiert man zunächst nur und hält zum Beispiel die Kamera für den Operateur. Schritt für Schritt bekommt man dann mehr Verantwortung. Eines Nachts kam der Moment, an dem ich allein Dienst hatte. Ich erinnere mich noch an meine erste Blinddarmoperation. Danach bin ich fünfmal am Tag zu der Patientin gegangen, um nachzuschauen, ob bei ihr eh alles in Ordnung ist.

Ist Ihnen jemals ein fataler Fehler passiert?

Glücklicherweise nicht. Aber Komplikationen gibt es bei jedem Chirurgen. Wenn man zum Beispiel zwei Darmenden zusammennäht und die Verbindung nicht heilt, kann Stuhl in den Bauchraum gelangen und eine Entzündung verursachen. Das kommt selten vor, aber wenn man jung ist, fragt man sich dann sofort: Bin ich überhaupt der Richtige für diesen Beruf? Früher haben wir über solche Dinge kaum gesprochen.

War das ein Fehler?

Ja. Ich halte das für problematisch. Heute würde ich anders damit umgehen. Wenn etwas passiert, sollten wir darüber sprechen – nicht nur fachlich, sondern auch emotional.

Ekeln Sie sich eigentlich manchmal noch?

Nein, echt nicht. Mein Spezialgebiet umfasst auch die Proktologie. Da arbeitet man in Körperregionen, die andere eher meiden.

Was war das Skurrilste, das Sie je erlebt haben?

Menschen kommen regelmäßig ins Krankenhaus mit Fremdkörpern, die sie sich eingeführt haben und nicht mehr rausbekommen. Spraydosen, Glasflaschen, Zucchinis. Einmal hatte ein Mann einen ganzen Apfel in sich. Den mussten wir um drei Uhr früh bergen.

Wie viel bekommen Sie für Ihre Arbeit gezahlt? 

Als Facharzt liegt man laut Kollektivvertrag ungefähr bei 7.500 Euro brutto, dazu kommen Nachtdienste und Überstunden. Netto hängt  es stark von der individuellen Situation ab. Mit meinem All-in-Vertrag liege ich ungefähr bei 6.000 Euro netto im Monat.

In vielen Krankenhäusern wird gespart. Spüren Sie das?

Natürlich, es gibt immer mehr Patienten und gleichzeitig weniger Personal. Aber wenn die Arbeitsbelastung steigt und die Mitarbeiterzahlen sinken, stößt das System irgendwann an seine Grenzen. Dann wird es gefährlich.

Zahlen und Daten

Österreich verfügte mit Stichtag 31. Dezember 2024 über mehr als 50.000 Ärzte

Eine Sterblichkeitsrate für Operationen wird in Österreich nicht als Gesamtzahl veröffentlicht. Die Rate sank die letzten Jahrzehnte über aber stark. 2024 wurden in Österreich rund 1,25 Millionen operative Eingriffe durchgeführt.  

Quellen: Österreichische Ärztekammer, Statistik Austria & BMASGPK

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