Sich wappnen für den Tag nach dem Tag X

Wie uns die Serie ›Handmaid’s Tale‹ aus dem Tiefschlaf reißen könnte.

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Illustration:
Blagovesta Bakardjieva
DATUM Ausgabe Juli/August 2026

In der Regel sieht man sich Serien ja zur Unterhaltung an. Nicht als Gebrauchsanleitung für die Zukunft. Doch seit auf Netflix Margaret Atwoods ›The Handmaid’s Tale‹ gezeigt wird, mache ich mir mentale Notizen. In der Dystopie geht es um ein Amerika, an dessen Spitze sich Fundamentalisten putschen, die der demografischen Krise einer kinderlosen Gesellschaft nach einer Umweltkatastrophe mit staatlich angeordneten Vergewaltigungen begegnen. Einmal im Monat werden die fruchtbaren Frauen, die Mägde, die Handmaids, im Staat Gilead von dem Hausherrn unter Beihilfe der Hausherrin vergewaltigt, um so für Nachwuchs zu sorgen. Hunderte Frauen lassen die ›Zeremonie‹, wie die Gottesstaatler das grausame Ritual nennen, so lange über sich ergehen – bis sie es nicht mehr tun. 

Bis sie sich wehren.  

Und hier beginnen die Notizen. 

Wie kontert man einer Ohnmacht, die eine gesamte Gesellschaft erfasst hat? Wie findet man Komplizinnen unter den weniger sadistischen Ehefrauen? Wie sät man Hoffnung in der absoluten Hoffnungslosigkeit? Wie verbündet man sich mit den ›Ehemaligen‹, die nun in der Fremde, die ihrer langsam leid wird, Exil gefunden haben? 

Was tun nach dem Tag X?

Nun werden sich einige fragen, warum Notizen für den Tag danach? Warum nicht alles daran setzen, den Tag X zu verhindern, den Putsch, die Machtübernahme, die Vernichtung all dessen, was ›Demokratie‹ ausmacht?

Weil bislang all die Appelle zur Bewahrung von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Völkerrecht als moralisierende Predigten abgetan werden. Weil Prävention autoritärer Umtriebe nicht als demokratiepolitisch relevante Kategorie erachtet wird, sondern als paranoides Hirngespinst einiger Übersensibler. Es mag resigniert sein, den Tag X am Horizont zu sehen – aber kann man es uns ›Übersensiblen‹ verübeln? Wenn Begriffe wie ›Remigration‹ normalisiert werden oder völkerrechtswidrige Kriege nicht einmal mehr als solche verurteilt werden können, ist es schwierig, etwas verhindern zu wollen, das sich eine Mehrheit der Gesellschaft früher oder später vermutlich ebenso schönreden wird. ›Als sie den Kongress abschlachteten, sind wir nicht aufgewacht‹, sagt die Protagonistin June in ›Handmaid’s Tale‹. ›Als sie Terroristen beschuldigten und die Verfassung außer Kraft setzten, sind wir auch nicht aufgewacht. Sie sagten, es sei nur vorübergehend. Nichts ändert sich von heute auf morgen.‹

Die meisten sehen bislang wenig Grund aufzuwachen, denn das, was sich – eher rapide als langsam – ändert, betrifft sie ja nicht direkt. Wenn etwa die EU beschließt, abgelehnte Asylwerber in ›Return Hubs‹ in Drittländern wie Ruanda oder Kasachstan abzuschieben, von denen aus sie in ihre Heimatländer oder Nachbarstaaten deportiert werden können. Bis vor einigen Jahren sorgten derartige Outsourcing-Vorschläge für einen Aufschrei, heute werden sie in Brüssel als großer politischer Wurf gefeiert. Ebenso schwingt Stolz mit, wenn Österreichs Innenminister die kostspielige Abwicklung von Asylschnellverfahren am Flughafen anpreist. So soll ab nächstes Jahr ein eigener Terminal am Flughafen Wien-Schwechat eingerichtet werden, in dem jene wenigen Ankommenden, die einen Asylantrag stellen, ›überprüft‹ werden, ob sie richtige Angaben gemacht haben, ein Sicherheitsrisiko darstellen oder aus einem Land geflohen sind, dessen Angehörige maximal eine 20-prozentige Anerkennungswahrscheinlichkeit in Österreich haben. Bis zu 26 Wochen können sie in diesem Terminal eingesperrt werden, Kinder ebenso. Derzeit stehen am Schwechater Gelände Container dafür bereit. Vielleicht rückt der eine oder andere ja in Ihr Sichtfeld beim diesjährigen Start in den Sommerurlaub – und reißt einige aus dem Tiefschlaf. Schönen Sommer! •

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