Wie es ist … Wildtiere zu filmen

·
Fotografie:
Jack Mifflin
DATUM Ausgabe Juli/August 2026

Mein Wecker läutet um drei Uhr früh. Eine schreckliche Uhrzeit für Menschen, aber eine gute, um  Biber zu filmen.

Ich schleppe dann 16 Kilogramm Kameraausrüstung auf dem Rücken und ein sieben ­Kilogramm schweres Stativ zur Donauinsel. Dort ist es noch dunkel. Die meisten Menschen schlafen, aber nicht die Biber. Sie sind am aktivsten vor Sonnenaufgang. Wenn ich mein Equipment aufgebaut habe, heißt es erstmal: Warten.

Viele stellen sich meinen Beruf falsch vor. Sie sehen die fertigen Filme und glauben, ich verbringe meine Tage mit den Tieren. In Wahrheit verbringe ich die meiste Zeit damit, auf Tiere zu warten. Manchmal sitze ich dafür über Wochen hinweg stundenlang an derselben Stelle und komme mit leeren Händen nach Hause. Manchmal sehe ich Tiere zwar, bekomme aber keine brauchbare Aufnahme. Und dann gibt es diese seltenen Tage, an denen ich plötzlich mehr ­Material bekomme als im ganzen Monat davor.

Wie das abläuft, hängt vor ­allem vom jeweiligen Tier ab. Wenn ich Eisvögel filme, kann ich ein Buch mitnehmen. Man hört sie, bevor man sie sieht. ­Biber hört man übrigens auch: Sie furzen erstaunlich viel. Das Filmen von Feldhamstern ist ­hingegen sehr anspruchsvoll. Auf ihr Paarungsverhalten habe ich wochenlang gewartet. Da durfte ich keine Sekunde wegschauen, weil in jedem ­Moment etwas passieren kann.

Hamster sind spannende ­Wesen. Sie leben auf Wiener Friedhöfen, weil sie abseits davon kaum noch Rückzugsorte haben. Wien ist tatsächlich eine der letzten Hamster-Bastionen Europas. Während der Pandemie war ich fast jeden Nachmittag auf einem Friedhof und filmte Hamster. Irgendwann akzeptierten mich die Tiere. Sie kletterten auf meine Schuhe, manchmal ­sogar auf meine Beine und schleckten mein Objektiv ab. 

Die zutraulichsten Tiere, die ich kenne, sind wahrscheinlich die Murmeltiere am Großglockner. Wenn ich dort filme, klettern sie auf mir herum und lecken mir den Schweiß von der Haut. Nicht weil sie mich so liebhaben – sie wollen die ­Mineralstoffe im Schweiß. Trotzdem fühlt es sich toll an, wenn ein wildes Murmeltier plötzlich auf mir herumturnt, als würde es mich schon ewig kennen. Das ist auch das Schönste an meinem Beruf: Wenn ein Tier meine Anwesenheit akzeptiert.

Natürlich ist nicht alles toll  an dem Job. Meistens ist mir entweder zu heiß oder zu kalt, es regnet oder ich bin hungrig. Oft sitze ich zwischen Ameisen, Insekten oder anderen Tieren, die deutlich mehr Interesse an mir haben als das Tier, das ich eigentlich filmen möchte.

Trotzdem würde ich ­nirgendwo lieber sein. Tiere ­faszinieren mich – vor allem ­solche, die mitten unter uns ­leben. In Wien gibt es Biber, Feldhamster, Schlangen, Falken und unzählige andere Tiere. ­Genau das möchte ich mit ­meiner Arbeit zeigen. Natur ­existiert überall, und auch in der Stadt müssen wir sie ­schützen. Man muss nur lernen, sie zu sehen. •


Yaz Ellis (28) ist Wildlife-Filmemacherin und Kamerafrau. Die gebürtige Britin lebt in Wien und arbeitet unter anderem für ORF Universum, Terra Mater und an eigenen Dokumentarfilmen.

Sie können die gesamte Ausgabe, in der dieser Artikel erschien, als ePaper kaufen:

Diese Ausgabe als ePaper für € 6,00 kaufen