Der falsche Fall

Als Renate H. schwer verletzt vor dem Haus ihrer Schwiegereltern liegt, glauben die Behörden an einen Suizidversuch. Erst im Krankenhaus kommen Zweifel auf. Die Geschichte einer Frau, die überlebt hat.

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Illustration:
Olga Aleksandrova
DATUM Ausgabe Juli/August 2026

KAPITEL I: DIE TÄUSCHUNG

Während Renate H. im Koma liegt, hat sie einen Traum. Sie ist auf einem Schiff, mitten im Ozean. Es ist Nacht, die Wellen schlagen hoch, unter ihren Füßen schwankt der Boden. Sie spürt, dass sie in Gefahr ist, aber sie weiß nicht, warum. Sie läuft durch enge Gänge, an Kabinen vorbei, immer schneller, und flüchtet an Deck. Wovor läuft sie davon? Wer ist hinter ihr her?

Renate H. liegt auf der Intensivstation des Landesklinikums Graz und ringt um ihr Leben. Ihr Kopf ist kahlgeschoren, ein Schlauch führt durch ihren Mund in die Luftröhre. Sie ist mit einem schweren Schädel-Hirn-Trauma und Hirnblutungen eingeliefert worden. Bei der Übergabe hatten die Rettungskräfte weitergegeben, was sie vor Ort erfahren hatten: 28 Jahre alt, Sprung vom Balkon, Suizidversuch. Renate musste mehrmals notoperiert werden. Noch wissen die Ärzte nicht, ob sie jemals wieder aufwachen wird.

Ein paar Tage zuvor, am 14. Februar 2002, geht bei einer Bezirksstelle des Roten Kreuzes in der Steiermark ein Notruf ein. Es ist kurz nach 16 Uhr, Valentinstag. Am Telefon sind Renates Schwiegermutter und ihre Schwägerin. Hier liege eine Frau im Sterben, sagen sie: ›Kommen Sie schnell.‹ Als die Rettungskräfte und zwei Beamte des örtlichen Gendarmeriepostens in dem kleinen Dorf eintreffen, liegt Renate in einer Blutlache auf dem Betonboden vor dem Haus. Neben ihr stehen ihre Schwiegereltern und Thomas, ihr Ehemann.

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Wörter: 3175

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