Der andere Feind
Ebola fordert Tote, reißt Familien auseinander und bringt ganze Regionen zum Stillstand. Für viele Menschen der Demokratischen Republik Kongo ist das Virus nicht die größte Bedrohung.
In Schutzkleidung gepackte Rot-Kreuz-Mitarbeiter marschieren zu einem Krankenhaus nahe Bunia in der Demokratischen Republik Kongo. Über ihnen ein sommerlicher Himmel, dahinter Baracken und unverputzte Häuser. Die Menschen neben dem Gesundheitspersonal gestikulieren aufgebracht. Sie sind wütend, und sie haben Angst.
Die Truppe in Weiß ist auf dem Weg zu einem Toten. Seit Monaten fordert das Bundibugyo-Virus Menschenleben. Es löst das tödliche hämorrhagische Fieber aus: Ebola ist zurück im Kongo und in Uganda. ›Es trifft eine besonders verletzliche Bevölkerung. Krieg, Vertreibung, Zusammenbruch der Gesundheitsversorgung: Bundibugyo ist schlicht eine Krise zu viel‹, sagt Marcus Bachmann. Der Österreicher war für Ärzte ohne Grenzen mehrfach als Einsatzleiter in Ebola-Gebieten tätig.
Mehrere internationale Organisationen versuchen derzeit, das Virus einzudämmen. Doch WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus musste im Juni einräumen, dass die Maßnahmen den Ausbruch bislang nicht unter Kontrolle bringen. Contact-Tracing und Isolation greifen kaum. Viele Haushalte haben weder Kühlschränke noch fließendes sauberes Wasser. Fixe Jobs sind die Ausnahme: ›Wer sich isoliert, kann seine Familie nicht ernähren‹, sagt Bachmann. Hinzu kommt soziale Ächtung. Bei früheren Ausbrüchen wurde oft nicht das unsichtbare Virus verdammt, sondern die Menschen, die die Krankheit ›ins Dorf‹ gebracht hatten. Das schürt Panik und Misstrauen gegenüber Behörden.
Auch die Behandlungszentren seien in der Vergangenheit zu groß dimensioniert und zu wenig dezentral gewesen, sagt Bachmann. Infizierte mussten sich von ihren Familien trennen und weite Strecken zurücklegen. Bewaffnete Auseinandersetzungen im Land machen den Weg zusätzlich lebensgefährlich: ›Selbst, wenn das Sterblichkeitsrisiko bei bis zu 90 Prozent liegen würde, gehen Betroffene dieses Risiko bewusst ein. Denn wenn sie auf dem Weg bewaffneten Gruppen in die Hände fallen, liegt es näher bei 100 Prozent.‹
Ebola ist eine perfide Krankheit. Die Anfangssymptome ähneln jenen von Malaria, Übelkeit und Fieber können jedoch rasch in starke Blutungen und Tod übergehen. Übertragen wird Ebola durch Kontakt mit Körperflüssigkeiten, direkt oder über Kleidung und Bettwäsche. Das Robert-Koch-Institut weist für Bundibugyo eine Sterblichkeitsrate von 30 bis 40 Prozent aus.
Lokale Begräbnisriten erschweren die Eindämmung. Verstorbene werden offen aufgebahrt, Berührungen und symbolische Waschungen gehören dazu. Zugleich weist der Körper nach dem Tod die höchste Viruslast auf.
Je stärker der Fokus auf Ebola liegt, desto weniger Ressourcen bleiben für Krankheiten mit hohen Opferzahlen. Im Kongo grassieren die Masern, 27.000 Menschen haben sich allein 2026 mit Cholera infiziert, 800 sind daran gestorben. Ebola hat bisher rund 150 Tote gefordert, die Dunkelziffer könnte höher liegen. Betroffene Gebiete bräuchten durchgängige humanitäre Hilfe, um das Gesundheitssystem zu stabilisieren. Als drakonisch empfundene Maßnahmen und punktuelle internationale Einsätze mit großem medialem Echo verstärken sonst das Misstrauen: ›Man kann nicht bei jedem Ebola-Ausbruch mit viel Wirbel hineinfahren – und danach bricht wieder das System zusammen‹, sagt Bachmann.
Das Foto verdeutlicht, woran es vor Ort noch fehlt: Schutzausrüstung ist rar. So rar, dass die linke Hand des letzten Rot-Kreuz-Mitarbeiters in der Reihe in einem rechten Handschuh steckt.