Magna Mater Sierra Madre

Eine philologische Fußnote über Kondore

DATUM Ausgabe Juni 2026

Eigentlich sollte an dieser Stelle eine leichtfüßige Kolumne zu einem Beispiel von Fake News avant la lettre stehen. Ein Nationalheiligtum, nämlich das Lied ›Sierra Madre del Sur‹ über die gleichnamige mexikanische Gebirgskette, sollte mit Bezug auf den Vers ›Wo der weiße Kondor so einsam zieht‹ dekonstruiert werden.

Auch die Wikipedia vermerkt dazu nämlich maliziös, dass ›der 🔵 Andenkondor in Mexiko nicht heimisch und der 🔴 Kalifornienkondor nicht weiß ist‹. Also irgendwie alles biologisch anrüchig, schlagerös verzerrt.

Ich habe das nachgeplappert. Das war falsch, nun bin ich klüger. Das bekenne ich vor allen Brüdern und Schwestern und als Gelehrter vor dem ganzen Publikum der Leserwelt.

I. Denn was ist Kondor? Es handelt sich um ein paraphyletisches Taxon, die Kategorie ist also fragwürdig, denn sie müsste kladistisch den  Königsgeier umfassen, der sowohl in Teilen der Sierra Madre del Sur vorkommt (wenn auch, anders als im Lied angedeutet, eher in tieferen Lagen) als auch weiß ist.

II. Folgerichtig ist dieses Tier im Spanischen auch als ›cóndor de la selva‹ bzw. ›cóndor real‹ bekannt, weshalb sich entsprechender Spielraum für die deutsche Lyrik ergibt.

III. Und selbst wenn das nicht so wäre, hätten wir es mit einem bedenklich normativen Kunstverständnis zu tun. Man wirft ja auch Franz Marc nicht vor, dass Pferde nicht blau sind. Warum kann an einem locus amœnus der Kondor nicht metaphorisch weiß sein,  warum ein Geier nicht zum Kondor werden? •

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