Der Taucher von Havanna

Der kubanische Künstler J.A. Hernández Cadi bewegt sich mit seinen Arbeiten jenseits gesellschaftlicher Normen und der Regeln des Kunstmarktes.

·
Fotografie:
J.A. Hernández Cadi
DATUM Ausgabe Juni 2026

Wenn du den Koffer schließt, bringst du Menschen zusammen, die sich vorher noch nie gesehen haben. Sie begegnen sich wie auf einer Reise … manchmal in einer anderen Dimension.‹
(›Jorge‹ Alberto Hernández Cadi)

Ein Koffer, innen und außen voll mit Bildern beklebt, zerschnittene Gesichter, die wieder zusammengenäht sind, manchmal kombiniert mit Zeichnungen und Schriften: Seit den 1990er Jahren sammelt ›Jorge‹ Alberto Hernández Cadi Objekte, Schachteln, Foto­grafien, Zeitungsausschnitte und anderes Material auf den Straßen Havannas, die er umgestaltet. Die Einwohnerinnen und Einwohner der kubanischen Großstadt nennen ihn ›den Taucher‹, weil er unermüdlich durch die Straßen streift, in Mülltonnen wühlt und auf der Suche nach seinen Fundstücken und ausrangierten Gegenständen ist. Um seine Collagen, Objekte und Kunstwerke zu realisieren, entstehen künstliche und gleichzeitig ganz konkrete Objekte und ­Bilder. Häufig wirken seine ­Arbeiten auf den ersten Blick wie provokante Kritik an ­bürgerlichen und religiösen Normen, als würde sich Cadi auf archaische Ängste be­ziehen: Indem er Gesichter ­zerschneidet und anders zusammensetzt, entstehen einzigartig collagierte Porträts, die Darstellungen von Geistern, Enthauptungen, teuflische ­Attribute und Zerfleischungen vereinen.

Cadi, geboren 1963 in Kuba, arbeitet autodidaktisch und lebt mit Schizophrenie. Und häufig haben diese leidenschaftlichen Auseinandersetzungen und künstlerischen Prozesse von Autodidaktinnen und Autodidakten – die jenseits eines normativen Kunstverständnisses eigenständige fotografische Kunst- und Bildwelten hervorbringen – einen eigenen ästhetischen Wert. Menschen mit psychischen oder physischen Einschränkungen, die in der Gesellschaft als Außenseiter gelten, öffnen oft neue künstlerische Fragestellungen und ästhetische Wege – unabhängig von einem akademischen Kanon, gesellschaftlichen Normen oder den Regeln des Kunstmarktes.

Mit der Gruppenausstellung ›Photo Brut. Feeling Photo­graphy‹ ermöglicht FOTO ­ARSENAL WIEN erstmals in Österreich einen Einblick in das Werk von mehr als 40 künstlerischen Prozessen aus einer der größten PhotoBrut-Sammlungen, die seit mehr als 30 Jahren vom französischen Filmemacher Bruno Decharme zusammengetragen wird. Cadis Werke, und viele weitere Positionen, sind noch bis zum 6. September 2026 im Arsenal zu sehen. •

Felix Hoffmann ist Kunst- und Kulturwissenschaftler und Direktor des Foto Arsenal Wien. www.fotoarsenalwien.at  

Sie können die gesamte Ausgabe, in der dieser Artikel erschien, als ePaper kaufen:

Diese Ausgabe als ePaper für € 6,00 kaufen