Ungewürdigte Pioniere

Warum jene, die Österreichern am meisten Angst machen, zu Vorbildern werden könnten.

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Illustration:
Blagovesta Bakardjieva
DATUM Ausgabe Juni 2026

Es gibt im Wien-Museum am Karlsplatz eine offene Abstellkammer der Unwürde. Sie befindet sich im dritten Stock, dort, wo die Besucherinnen Kaffee trinken und auf der wunderschönen und sehr würdevollen Terrasse den Blick über den Karlsplatz schweifen lassen können. Gleich hinter den Toiletten liegt ein kleiner Bereich versteckt, der nur für jene auffindbar ist, die von ihr wissen und sie tatsächlich aufsuchen wollen. Obwohl, Ver­zeihung, es ist keine Kammer. Offiziell ist sie eine ›Galerie‹: die ›Community Gallery‹.  Ein paar Quadratmeter Wandfläche und Boden, um Wiens ›unterschiedlichen Communities‹ den ›notwendigen Raum‹ zu geben für einen ›Perspektivenwechsel‹, wie es auf der Website des Museums heißt. Also alles, was in Wien als ›Community‹ definiert wird, darf hier seine Arbeiten wie kleine Kinder ihre Krakelmalereien auf dem Kühlschrank jenen präsentieren, die unbeabsichtigt auf den Weg zu den Toiletten an ihnen vorbeistolpern: ob armenische Wiener, philippinische Krankenpflegerinnen, oder wie zuletzt im Mai Personen aus den lateinamerikanischen Communities, weil ›Wien, das sind wir alle!‹ 

Wie wenig ›wir alle‹ das tatsächlich sind, macht dieser Ort auf schmerzhafte und respektlose Weise klar. Unten der große Auftritt im Licht, oben das Dasein im Schatten bei den Toiletten, um, ja wofür eigentlich? Für wen dieses kuratierte Notdurft-Begleitungs-›Wir‹? 

Aber gut. Auch Wiener Museen müssen offenbar Rücksicht auf die Ur-Angst der hiesigen Gesellschaft nehmen: Migration. In einer im Mai publizierten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ipsos mit dem Titel ›What Worries the World‹ gab eine Mehrheit der österreichischen Befragten an, dass sie dieses Thema am meisten beschäftigt. Noch vor Inflation, Gewalt, Armut, sozialer Ungleichheit, Arbeitslosigkeit. Stabil bemitleidenswert.

Dieser dauerverängstigten Mehrheit seien die Werke und Vorträge der türkischen Schriftstellerin und Journalistin Ece Temelkuran ans Herz gelegt. Sie formuliert etwas, das tatsächlich ein Perspektivenwechsel wäre: Migrantinnen und Geflüchtete seien ›die Pioniere der Geschichte, weil sie der Welt verkünden: Ihr verliert eure Heimat, euer Land, und es gibt keinen Weg zurück in die alte Heimat. Nichts wird so bleiben wie vorher. Man kann nur hier und jetzt etwas Neues aufbauen.‹ Ece Temelkuran ist selbst so eine Pionierin. Wegen ihrer Arbeit musste sie die Türkei 2016 verlassen und lebt seither im Exil in Kroatien und Deutschland. Dort wollte sie die Menschen vor dem Faschismus warnen, wie leicht er auch ihre ach so stabilen Demokratien kapert, wieder einmal. Sie wurde mit westlicher Arroganz gestraft. 

Jetzt nicht mehr. 

Jetzt soll Temelkuran wie eine Prophetin aus der Zukunft Menschen in Demokratien erklären, wie sie sich wappnen können und wie sie angesichts all der Krisen überleben sollen. Temelkuran weiß Rat. Aber vermutlich nicht solchen, den sich die meisten wünschen würden. Sie zwingt die Fragenden in die Richtung der Migranten und Exilierten zu sehen – und zwar anerkennend. Nicht wie bislang belächelnd, verachtend oder mit Furcht. ›Sie besitzen die Weisheit, moralisch zu überleben‹, sagt Temelkuran. Während die Gegenwart predige, dass jeder alleine überleben müsse und sich gegenseitig ausbeuten, wüssten Menschen mit Flucht- und Exilerfahrung etwas anderes: dass Überleben nur gemeinsam funktioniert. 

Vielleicht werden eines Tages auch Wiener Museen die Weisheit dieser Pioniere angemessen zu würdigen wissen. •

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