Ordnung und Zerfall

Warum ich den Sinn des Puzzles erst langsam zu verstehen beginne.

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Illustration:
Blagovesta Bakardjieva
DATUM Ausgabe Juni 2026

Ich glaube, ich habe das Puzzle als Spiel nie so richtig ernstgenommen. Mit Puzzle meine ich das, was man im deutschen Sprachraum unter dem englischen ­Begriff versteht: in Schachteln aufbewahrte Teile, die zusammengesetzt ein Bild ergeben, wobei der Schwierigkeitsgrad mit der Anzahl der Teile sowie dem Ausmaß an Hinterfotzigkeit des Motivs (hoch: ›Buntes Herbstlaub auf der Rustenschacherallee‹) variiert.

Mein Spiele-Snobismus ging so weit, dass ich einen Bekannten, der mir einst nebenbei erzählte, vielteilige Puzzles seien sein liebstes Hobby, nach diesem Geständnis nicht mehr ganz für voll nahm.

Dann aber sind zwei, nein eigentlich sogar drei Dinge passiert: Erstens habe ich mit Frau und Kind kürzlich ein 100-Teile-Puzzle mit Waschbären, Rehen, sowie einer nächtlich beleuchteten, irgendwie romantischen Villa zusammengesetzt – und wir hatten dabei, glaube ich, alle drei so eine Art Puzzle-Erweckungserlebnis; was bei den beiden Erwachsenen vielleicht etwas mehr verwundert als bei der mitpuzzelnden Dreijährigen.

Zweitens fand ich heraus, dass es eine österreichische Meisterschaft im Speed-Puzzeln gibt, was bedeutet, dass die Puzzelei, wenn schon kein richtiges Spiel, so doch zumindest ein (etwas merkwürdiger) Sport ist.

Drittens habe ich kürzlich endlich angefangen, den Roman ›La vie, mode d’emploi‹ (D: ›Das Leben, Gebrauchsanweisung‹) von Georges Perec zu lesen. Die Hauptfigur dieses selbst wie ein Puzzle angelegten, 777 Seiten umfassenden Buches ist ein exzentrischer Milliardär, der sein Leben willentlich damit fristet, Seeansichten zu malen, sie danach auf Holzplatten kleben und zu Puzzles zerschneiden zu lassen, um sie dann wieder zusammenzusetzen und am Ende von Personen seines Vertrauens vernichten zu lassen – weil er solchermaßen hofft, keine Spur seines Daseins auf der Erde zu hinterlassen.

Und da kamen mir plötzlich die Zeilen aus Rilkes Achter Duineser Elegie in den Sinn: ›Wir ordnens. Es zerfällt. Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.‹

Ist das am Ende der geheime, der wahre Sinn alles Puzzle-Spielens? •

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