Religiöse Politik und politische Kunst

Über FPÖ-Kulturkämpfe, Trump versus Papst und den heiligen Herbert Kickl.

·
Illustration:
Blagovesta Bakardjieva
DATUM Ausgabe Juni 2026

Dies Österreich ist eine kleine Welt, in der die große ihre Probe hält.‹ Wer würde dem Spruch Hebbels widersprechen, der gut und schön auch von Grillparzer sein könnte? 

Heutzutage hat die große Welt solche Proben nicht nötig. Zum Beispiel streitet der Größte aller Zeiten mit dem Papst herum, der zum Frieden aufruft und für den der Sieg auf allen Linien ›inakzeptabel‹ ist, selbst wenn er bloß ausgerufen wird unter der Androhung, eine ganze Zivilisation auszulöschen, während im Kampf der Wagen, Gesänge und Meerengen die Nation, nämlich Trumps eigene, vor den Augen der Welt gedemütigt wird. 

Vielleicht helfen ihm die Chinesen. Für den Enddeal verbündet sich so ein Präsident auch mit dem Todfeind. Man soll ja seine Feinde lieben, bis sie ­einem den Garaus machen. Trumps Widerworte gegen den Papst haben etwas kleinlaut Schnappendes und seine Anschuldigung, der Papst wolle, dass der Iran Atomwaffen besitze, ist von der klassischen Art der Lächerlichkeit, die nicht zum Lachen ist.

In Österreich hat man ›Trump gegen den Papst‹ nachgespielt. Es war die erste Probe, auf die Hauptprobe darf man gespannt sein, die Premiere wird der reine Wahnsinn. Der Broadway hat bereits seine Späher ausgeschickt. Das Stück steht bereits fest:  Ein Bischof zu Innsbruck schlägt in einer Predigt vor, sich mehr in Solidarität als in Hass zu üben. 

In der ersten Reihe sitzt ein von Berufs wegen empfindsamer FPÖ-Politiker. Er empfindet sofort, das sei doch ›linke politische Agitation‹, gemein gegen die FPÖ. Verdammt noch einmal, sowas gehört doch nicht in die Eucharistie – ganz anders als der passende parlamentarische Zwischenruf des Berufspolitikers. Er unterbricht die Predigt des Bischofs mit der segensreichen Botschaft: ›Wärst besser grüner Politiker geworden.‹

Die Rechten waren immer schon gottgläubig, wenn auch nicht christlich. Der heilige Kickl lässt seine Chance nicht aus und er tritt kommentierend vor den Vorhang. Die Nummer geht so: Die Zeiten seien zum Glück lange vorbei, wo man die Kirche nicht kritisieren durfte! Wenn Kirchenvertreter ›parteipolitische Statements abgeben und das noch dazu bei einer Predigt‹, dann machen sie sich zu einem ›politischen Akteur‹.  Aber dann ›müssen sie sich auch gefallen lassen, dass sie von einem politischen Akteur kritisiert werden‹, erklärte der FPÖ-Chef am Rande eines Medientermins am Wiener Flughafen. Mir jedenfalls kann man alles sagen, nur eines nicht, dass mir alles, was ich mir gefallen lassen muss, nicht gefällt. 

Kickl gefällt mir, denn er ist lehrreich: Was er am Rande eines Medientermins vor dem Abflug ins Treffen führt, ist nämlich das standardisierte Argument auch gegen die Kunst und gegen Künstlerinnen und Künstler. Weder die Religion noch die Kunst kann aus rein sachlichen Gründen, ihrer Objektivität wegen, auf Kritik an der Politik verzichten. Sie kommen einander naturgemäß in die Quere. Und Kickl kann kritisieren wen und wie er will, mit dem entsetzlichen Risiko, dass man auch ihn kritisiert. Die Aussichten, die ihn inspirieren, sieht man in der Slowakei und in Orbáns Ungarn deutlich genug.

Umgekehrt kann ein Politiker wie Herbert Kickl nicht auf die Religion, ja auf die Theologie verzichten. Ich habe Kickl nach seinen eigenen Maßstäben heiliggesprochen: Der Volkskanzler wird kommen ›wie das Amen im Gebet‹. Mit ihm wird kommen die Erlösung vom ›System‹, es ist des Teufels. Anders als des Teufels ist Gott sei Dank der Kickl, er gibt auf Plakaten dem Volk den Weg frei: ›Euer Wille geschehe.‹ 

Jenseits aller Kritik, da es das Numinose der Heiligkeit anspricht, ist ein Bekenntnis, das er im intimen Gespräch bei der Kronen-Zeitung ablegt: ›Ich bete sehr, sehr oft, und ich sage Ihnen auch, es ist mir immer geholfen worden.‹  Der Herrgott war dem Kickl dankbar für jedes seiner Gebete. Dass ER ein bisschen aussieht wie der Erfüllungsgehilfe eines Politikers, nimmt ER ironisch zur Kenntnis, ist es doch nur einer der Fallstricke SEINER Schöpfung.

Es war ein Meinungshaberer der FPÖ, der in einem einschlägigen Fernsehsender als ›Journalist‹ auftritt, weil er schon einmal Geld von einer Zeitung bekommen hat. Er sprach kulturpolitisch und verkörperte dabei, wie es sich gehört, auch die Meinung, die er vertrat: Ein sehr sympathischer Herr, nicht nur äußerlich, sondern auch durch den Ausdruck, mit dem er vorbrachte, was ihn innerlich so grauslich bewegte. Es bewegte ihn der Österreich-Pavillon in Venedig, ein aktionistisches Kunstwerk, das unter anderem dadurch entsteht, dass das in Toiletten gelassene Wasser für die Performance aufbereitet wird. 

Florentina Holzingers Projekt heißt: ›Seaworld Venice‹, und ein Schelm, der so tut, als würde er nicht bemerken, dass damit der Tourismus verspottet wird, der die Venezianer teuflisch quält. Naturgemäß fallen die Wörter ›Urin-Performance‹ oder ›Fäkalkunst‹, und ChatGPT setzt mich sachlich, also parteifrei in Kenntnis einer Selbstverständlichkeit: ›Die Diskussion wird politisch geführt, vor allem von der FPÖ, während internationale Feuilletons den Beitrag teils als radikal und spannend loben.‹

Lehrreich bleibt die Argumentation des Kunstfreundes im Dienste der FPÖ. Es sei ihm wurscht, was so eine Künstlerin treibt. Ganz wurscht scheint es ihm aber doch nicht zu sein, sonst würde der sympathische Herr, der so entschieden das Klo verachtet, nicht ›Scheiße‹ nennen, was ihm Venedig bietet. Darauf folgt – gemäß der standardisierten Rhetorik – der bittere Vorwurf, alle Künstler mögen tun, was sie wollen, aber nicht auf Kosten der Steuerzahler. Sie sollen sich Sponsoren suchen! Auf einmal wird der sonst sehr harte Mann weich und er spricht gerührt von der sprichwörtlichen ›Pensionistin‹, die nichts hat und kaum durchkommt, während 600.000 Euro für Frau Holzinger aus öffentlichen Geldern stammt. 

Ich bin für die Pensionistin, aber dass man ihre verdiente Besserstellung durch Abzüge in der Kunstförderung sichert, will ich nicht einsehen. Der Kunstkritiker stammt aus dem typisch österreichischen Milieu des sogenannten Boulevards, der ordentlich öffentliche Gelder kassiert. Außerhalb dieses Milieus existiert der Typ gar nicht. Allein das Medienhaus des Senders, in dem der Propagandist eine Pensionistin gegen eine Künstlerin ausspielt, erhielt 2024 ›rund 9,1 Millionen Euro an Inseratengeldern von öffentlicher Hand, Bund und Stadt Wien‹. •

Sie können die gesamte Ausgabe, in der dieser Artikel erschien, als ePaper kaufen:

Diese Ausgabe als ePaper für € 6,00 kaufen