Ist das Kunst oder kann das weg?
Ein humanoider Roboter singt vor Publikum, KI-generierte Songs werden millionenfach gestreamt. Was passiert, wenn Maschinen beginnen, menschliche Kreativität zu simulieren?
Johnny Poon ist verzückt. Es sei, ›als würde man in den Spiegel schauen‹. Dass mit ›Sophia‹ ein humanoider Roboter gemeinsam mit dem Hong Kong Baptist University (HKBU) Symphony Orchestra auftritt, bezeichnet der Dirigent und Dekan der HKBU-Musikfakultät als Zeichen ›menschlicher Handlungsfähigkeit, Einfallsreichtums und Kreativität‹.
Aufsehen erregte die Kreation des Unternehmens Hanson Robotics bereits vor acht Jahren, als sie auf einer Investorenveranstaltung in Saudi-Arabien ein Interview gab und Grimassen schnitt, um Emotionen nachzuahmen. Auch heute scheint es Ziel des Herstellers zu sein, den Roboter so menschenähnlich wie möglich darzustellen. In Hongkong singt ›Sophia‹, der/die/das mittlerweile die saudi-arabische Staatsbürgerschaft hat, nun davon, keine Angst vor dem Neuen zu haben und gibt an, Emotionen zwar nicht zu spüren, sie aber so authentisch wie möglich simulieren zu wollen.
Die Metallarme funkeln dabei mit dem Kleid um die Wette, das über den Rumpf des Roboters gezogen wurde. Die theatralisch verzogene Miene soll menschliche Emotionen nachahmen – und gleichzeitig beim Publikum auslösen. Das Streichquartett geht neben ›Sophia‹ fast unter.
Das Scheinwerferlicht auf der Maschine – der Mensch im Hintergrund? Unter Kritikern der Künstlichen Intelligenz wächst die Angst vor dieser möglichen Realität, gerade auch, weil KI bereits heute Aufgaben übernimmt, die früher Menschen erledigten. Aber die Musik? Die Kunst? Werden in den ur-menschlichsten aller Branchen auch bald vermehrt Maschinen auf der Bühne stehen?
Alexander Köck glaubt nicht daran. Gemeinsam mit Stephanie Widmer tourt er als erfolgreiches österreichisches Indie-Rock-Duo Cari Cari quer über den Globus. ›Live-Auftritte wird es immer geben, sie werden wahrscheinlich noch wichtiger werden‹, sagt Köck. Womit die Musikbranche allerdings zunehmend konfrontiert ist: KI-generierte Musik.
Die Streamingplattform Deezer berichtete zuletzt, dass inzwischen beinahe die Hälfte der täglich hochgeladenen Songs KI-generiert sei. Das hebt die Kapitalisierung von Musik auf ein neues Niveau. Die Blues-Nummer ›Another day old‹ von Eddie Dalton schaffte es innerhalb kürzester Zeit in die internationalen Charts. Dass vor seinen Topplatzierungen noch nie jemand etwas von Eddie gehört hat, liegt daran, dass er keine Beine hat, um auf der Bühne zu stehen, keine Hand, um ein Mikrofon zu halten und keine Stimmbänder, mit denen er Schallwellen erzeugen könnte. Eddies Songs sind ein Produkt der KI. Und unerhört erfolgreich.
›Das ist existenzbedrohend‹, sagt Alexander Köck. Durch KI-generierte Inhalte wächst insgesamt das Angebot auf Spotify, Apple Music oder Deezer, und weil Tantiemen über das Gesamtaufkommen der Musik berechnet werden, schrumpft der eigene Anteil am Gesamten: ›Das verschärft ein Problem, das ohnehin besteht‹, sagt Köck. ›Du verdienst mit dem Streaming fast nichts. Menschen kaufen immer weniger Platten. Und es ist schwieriger, bekannt zu werden oder ein Level zu erreichen, wo man Konzerte spielen kann.‹
Echte Kreativität, die der Dekan der Hongkonger Musikfakultät Johnny Poon im Robotergesang vermutet, stecke nicht hinter KI-generierter Musik, sagt Köck: ›KI kann nur reproduzieren, durch sie entsteht nichts Neues. Würde es Jazz heute nicht geben – die KI oder ein Roboter könnte ihn nicht erfinden.‹ •