Nach dem Schweigen
Es gibt immer weniger Holocaust-Überlebende, die in Österreichs Schulen über Nationalsozialismus und Verfolgung aufklären. Daher übernehmen ihre Nachkommen diese Aufgabe – und stoßen dabei auf neue politische Konflikte.
Auf der Leinwand über der Tafel ist der Titel des Videos bereits eingeblendet: ›Dem Buchenwald-Häftling Robert Böhmer auf der Spur‹. Vor der Klasse steht ein älterer Mann mit weißem Haar, dickem Pullover und ruhiger Stimme. ›Nach dem Film könnt ihr mich fragen, was ihr wollt‹, sagt Ronny Böhmer zu den 15 Schülerinnen und Schülern einer Wiener Schule, bevor er sich in die letzte Reihe neben die Lehrerin setzt und die Videoaufnahme losgeht. Der 80-Jährige ist der Sohn eines Holocaust-Überlebenden, eines Wiener Juden, der 1938 verhaftet und in die Konzentrationslager Dachau und Buchenwald deportiert wurde. Heute besucht Ronny Böhmer Schulklassen, um über die Geschichte seines Vaters zu sprechen, und darüber, wie Verfolgung und Exil in Familien weiterwirken. Immer noch sind es großteils Überlebende selbst, die in Österreichs Schulen vom Nationalsozialismus und dem Holocaust erzählen. Doch die ältere Generation verschwindet zunehmend, aktuell stehen nur noch 15 Personen für diese Aufklärungsarbeit zur Verfügung. Immer häufiger übernehmen Kinder, Enkel und andere Nachkommen die Zeitzeugenschaft. Damit verändert sich die Form des Erinnerns.
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