Die aussortierten Opfer
Jedes Jahr landen Tausende Verdachtsfälle wegen Kindesmissbrauch im Bundeskriminalamt. Nach DATUM-Recherchen bleibt ein Großteil der Hinweise unbearbeitet liegen, weil es an Personal fehlt. Wie viele es genau sind, will das Innenministerium nicht preisgeben – und hat den zuständigen Ermittlern ein Sprechverbot erteilt.
Zehn bis 40 Euro. So viel kostet es, ein Kind auf den Philippinen im Livestream sexuell missbrauchen zu lassen. Täter loggen sich auf Websites im Darknet ein und geben per Videoanruf Anweisungen. Je nach verlangter Handlung steigt der Preis. Ausgeführt werden die Taten oft von Familienmitgliedern, von den eigenen Müttern oder Tanten. Die Auftraggeber sitzen überall auf der Welt – auch in Österreich.
Im Jänner 2025 wird ein ehemaliger Amtsleiter einer Gemeinde im Innviertel in Oberösterreich zu vier Jahren Haft verurteilt. Über Jahre hinweg bezahlte der Mann mehrfach rund 35 Euro dafür, dass Mütter auf den Philippinen sexuelle Handlungen an ihren unmündigen Töchtern vornehmen.
Im selben Zeitraum muss sich ein Mann vor dem Landesgericht Ried im Innkreis verantworten. Der Vorwurf: bestellter Kindesmissbrauch auf den Philippinen.
Im September 2025 wird ein Mitarbeiter des Österreichischen Bundesheeres zu acht Monaten bedingter Haft und einer hohen Geldstrafe verurteilt. Die Ermittler sicherten auf dem Computer des 61-Jährigen mehr als 100.000 Bilder und Videos, die sexuellen Missbrauch von Kindern zeigen.
Zwei Monate später wird in Niederösterreich ein hochrangiger Abteilungsleiter der Landesregierung festgenommen. Der inzwischen suspendierte Spitzenbeamte soll über Jahre hinweg Missbrauchsdarstellungen konsumiert und per Livestream für die Misshandlung von Mädchen und Buben bezahlt haben.
Es sind nur vier von hunderten Kindesmissbrauchsfällen, die jährlich in Österreich vor Gericht verhandelt werden. Vier von tausenden Verdachtsfällen. Die meisten davon landen auf dem Schreibtisch von Roland Binder und seinen Kollegen im Bundeskriminalamt (BKA). ›Die Fälle, die öffentliche Aufmerksamkeit erregen, sind nur die Spitze des Eisbergs‹, sagt Binder, der seit fast zwei Jahrzehnten in diesem Bereich arbeitet.
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