›Bei Sexualdelikten an Kindern geht es fast immer um Macht‹
Sexualisierte Gewalt gegen Kinder wird häufig mit Pädophilie gleichgesetzt. Doch nur ein Teil der Täter ist tatsächlich pädophil. Der forensische Psychologe Jonni Brem arbeitet seit 40 Jahren mit Sexualstraftätern und erklärt, welche Motive hinter den Taten stecken.
Die Zahl von Bildern und Videos im Netz, die Kindesmissbrauch zeigen, nimmt stark zu. Merken Sie das auch in Ihrer Arbeit?
Jonni Brem: Wir haben in den vergangenen Jahren den Anstieg von Männern, die Kindesmissbrauchsvideos konsumieren, ebenso mitbekommen wie die Ermittlungs- oder die Strafbehörden. Freilich fühlen sich nicht alle schuldig und wollen eine Therapie beginnen, viele glauben auch, dass sie den Konsum mit Willensstärke allein beenden können. Das ist aber ein Irrglaube.
Woran liegt es, dass die Delikte mehr werden?
Einerseits spielt Pornosucht eine Rolle, andererseits ist es heute viel einfacher, an entsprechendes Material zu kommen. Es gibt Erwachsene, die zehntausende Filme und Bilder auf ihren Festplatten haben. Das bedeutet nicht, dass es heute mehr Menschen gibt, die so etwas sehen wollen als früher – sie haben nur deutlich leichteren Zugang dazu.
Sobald Sexualstraftaten an Minderjährigen begangen werden, sprechen die Medien oft von Pädophilen. Haben alle diese Täter eine pädophile Störung?
Nein, überhaupt nicht. Auch wenn wir das Dunkelfeld weniger kennen und wir vorwiegend mit verurteilten, überwiegend männlichen Straftätern arbeiten, zeigt sich, dass laut Statistik rund 10 Prozent der Menschen, die Hands-on-Delikte an Kindern begehen, Pädophile sind. 90 Prozent haben diese Störung nicht.
Wenn die meisten Täter nicht pädophil sind: Was treibt sie dann an?
Oft tun sich diese Männer schwer mit Intimität und Grenzen. Das kann durch Probleme mit Bindungen, aber auch durch übermäßigen Pornokonsum passieren. Diese Menschen können schlecht damit umgehen, wenn sie an Stellen berührt werden, die sie erregen, und starten dann Übergriffe an Kindern, weil sie hier die Macht darüber haben, was passiert.
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