Toleranz und Unbehagen
Der Diskurs um Homophobie und Hassverbrechen aus muslimisch-migrantischer Ecke spaltet die LGBTIQ+-Community, wird politisiert und hat es sogar ins Regierungsprogramm geschafft. Der Blick auf die Realität ergibt ein vielschichtiges Bild.
In seinem Instagram-Video sitzt der NEOS-Klubobmann und Integrationssprecher der Partei, Yannick Shetty, vor einer Bücherwand. Vor sich ein Mikrofon, spricht er zu einer Person, die ihm gegenüber zu sitzen scheint. Was Shetty sagt, dürfte manche provozieren: Homophobie gehe heute nicht mehr primär vom rechtsextremen Rand aus, sondern ›wuchere besonders in bestimmten migrantischen Communitys‹. Teile der LGBTIQ+-Community würden sich weigern, das anzusprechen, und schaufelten sich so ›ihr eigenes Grab‹. Unter dem am 19. Februar veröffentlichten Video entspinnt sich daraufhin eine rege Diskussion unter den Nutzern: Viele stimmen Shetty zu, andere werfen ihm vor, marginalisierte Gruppen gegeneinander auszuspielen.
Bereits 2023 berichtete der heute 30-Jährige und damals jüngste Nationalratsabgeordnete im Profil von Belästigungen, die er selbst oder andere homosexuelle Paare auf der Straße erlebt hätten. In ›sieben bis acht von zehn Fällen‹, zitierte er seine subjektive Beobachtung, würde es sich um Täter mit Migrationshintergrund handeln, insbesondere junge Männer. Er wolle als Schwuler angstfrei durch ›Migrantenviertel‹ spazieren können. Im Gespräch mit DATUM zeichnet Shetty folgendes Bild: Seit den späten 1990er-Jahren habe es viele Fortschritte für die LGBTIQ+-Community gegeben – der Verfassungsgerichtshof hob Jahr für Jahr diskriminierende Regelungen auf, die gesellschaftliche Akzeptanz stieg kontinuierlich. Parallel dazu seien mit zunehmender Migration in den vergangenen zehn bis 15 Jahren jedoch auch neue homophobe Wertvorstellungen nach Österreich gekommen: ›Und damit meine ich nicht: »Ich finde Schwule nicht okay«, sondern: »Ich würde Schwule am liebsten umbringen.«‹. Für viele in der Community scheint Shetty damit einen Nerv getroffen zu haben: ›Sicher gab es auch Kritik. Aber von den vielen Zuschriften, die wir bekommen haben, würde ich sagen, waren 90 Prozent positiv‹, meint der liberale Politiker dazu.
Doch lassen sich diese Wahrnehmungen belegen? Ein allgemeines Unsicherheitsgefühl ist bei LGBTIQ+-Personen jedenfalls vorhanden. In einer Umfrage der EU-Grundrechteagentur unter LGBTIQ+-Menschen in Österreich von 2024 berichteten 60 Prozent der Befragten von Belästigungen im Jahr zuvor. Fast die Hälfte gab an, dass Gewalt gegen LGBTIQ+-Personen allgemein zugenommen hätte und eine ähnlich hohe Menge befand, dass Vorurteile und Intoleranz gegenüber LGBTIQ+ in den fünf Jahren davor gestiegen seien. 37 Prozent würden demnach häufig oder immer vermeiden, Händchen mit ihrem gleichgeschlechtlichen Partner zu halten, und 17 Prozent gaben an, häufig oder immer ›bestimmte Orte‹ aus Angst vor Übergriffen nicht aufzusuchen. Welche Personengruppen dabei als Bedrohung wahrgenommen werden, geht aus den Ergebnissen allerdings nicht hervor.
Für ein eindeutiges Urteil fehlt es letztlich an aussagekräftigen Statistiken. Dennoch berührt der Diskurs eine heikle Frage: Was passiert, wenn die Rücksicht auf unterschiedliche Minderheiten sich scheinbar miteinander zu spießen beginnt? Und was sagt das über unseren gesellschaftlichen Umgang mit den Themen Migration und Integration – und die Rolle von Politik und Medien darin aus?
Wolfgang Wilhelm, Leiter der Wiener Antidiskriminierungsstelle für LGBTIQ+-Angelegenheiten, ist das Thema jedenfalls vertraut. ›Wir haben Fälle, in denen es einfach zu Übergriffen kommt. Allerdings ist es schwierig zu sagen, wie viele davon von Menschen mit Migrationshintergrund ausgehen. Was ist überhaupt ein migrantischer Mensch? Wie viele Generationen bleibt man das?‹ Wichtig fände er es, Betroffene ernst zu nehmen: ›Also wir haben immer wieder auch Menschen, die bei einer Institution oder in der Community waren, und als sie dann gesagt haben, es waren Täter mit Migrationshintergrund, dann hat man sie angefahren: »Du bist Rassist, das kannst du gar nicht wissen.«‹ Das bringe genauso wenig, wie verallgemeinernde Anschuldigungen.
Die Erfahrung der Antidiskriminierungsstelle zeige jedenfalls, dass homophobe Übergriffe in Wien heute im Vergleich etwa zu vor 20 Jahren tendenziell mehr werden, erklärt Wilhelm. Das hänge jedoch auch damit zusammen, dass queere Menschen sichtbarer geworden sind. ›Und ja, auch das Migrationsthema hat sich in diesen Jahren weiterentwickelt. Aber man muss sehr vorsichtig sein, dass man nicht ein Phänomen nur durch das andere erklärt.‹ Wilhelm bringt einen weiteren Aspekt ein: ›Wenn ein kultureller Unterschied besteht, kommt sehr oft noch eine Sprachbarriere hinzu. Und dass wir interkulturell auch anders kommunizieren, sei es in der Körpersprache oder in der Lautstärke.‹ Situationen könnten dadurch bedrohlicher wirken, als sie es objektiv sind.
Seit 2020 erfasst die Polizei Hassverbrechen gesondert. 2024 wurden 272 homophobe Delikte registriert, davon 28 Prozent Körperverletzungen. Rund ein Drittel der Tatverdächtigen hatte keine österreichische Staatsbürgerschaft. Gleichzeitig gehen über 90 Prozent der Betroffenen nicht zur Polizei – eine außerordentlich hohe Dunkelziffer, welche die Aussagekraft einer rein statistischen Aufzählung erfasster Fälle grundsätzlich einschränkt.
Für Helmut Graupner, Menschenrechtsanwalt und Vorsitzender des Rechtskomitees Lambda, ist die These von der importierten Gefahr durch muslimisch geprägte Migration durch den aktuellen Hate-Crime-Bericht dennoch widerlegt. Viele Betroffene von Hassverbrechen hat Graupner selbst vertreten. ›In den Fällen, die mir vorliegen, handelt es sich glücklicherweise über die Jahre hinweg insgesamt um nicht sehr viele Fälle. Und ich bemerke auch keine starke Zunahme, was positiv ist.‹ Was die Täter betreffe, sei das Bild sehr gemischt: ›Das sind Inländer, EU-Bürger und Drittstaatsangehörige.‹ Der wohl aufsehenerregendste Fall von Hassverbrechen gegen LGBTIQ+-Personen der vergangenen Jahre hatte jedenfalls einen rechtsextremen Hintergrund: Im März 2025 deckte die Polizei ein Netzwerk auf, das über Fake-Accounts auf Dating-Plattformen in mindestens 17 Fällen überwiegend homosexuelle Männer in eine Falle lockte, sie demütigte, misshandelte und die Übergriffe filmte.
Auch Yannick Shetty räumt ein, dass es kein belastbares Datenmaterial gibt, das eine eindeutige Überrepräsentation einer ›migrantischen‹ Tätergruppe bei Übergriffen auf LGBTIQ+-Personen belegen würde. Unterschiede in der Akzeptanz sexueller Minderheiten zwischen Personen mit und ohne Migrationshintergrund sind jedoch messbar: Eine Studie des Österreichischen Integrationsfonds aus dem Jahr 2019 zeigt, dass viele Jugendliche mit muslimischem Hintergrund Homosexualität ablehnen, während die Mehrheit ohne Migrationshintergrund sie akzeptiert.
Der Psychotherapeut Stefan Astner von der Männerberatung warnt jedoch davor, Einstellungen und Taten gleichzusetzen: ›Das wird oft in einen Topf geworfen.‹ In seiner Arbeit mit Jugendlichen beobachtet er patriarchale Vorstellungen von Männlichkeit, die Homosexualität als Bedrohung sehen. Sorgen bereiten würde ihm gleichzeitig auch die sogenannte ›Manosphere‹, ein lose vernetztes Online-Umfeld, in dem Männer auf frauenverachtende Weise über Genderrollen, Dating und Männlichkeitsideale diskutieren: ›Radikalisierungen, die gerade passieren, finden nicht nur im muslimischen Kontext statt.‹
Trotzdem berichtet Astner von queeren Klienten, die aus einem Unsicherheitsgefühl heraus die FPÖ wählen würden, eine Partei, deren Vorsitzender Herbert Kickl offen für ›Remigration‹ eintritt, die sich jedoch auch gegen queere Rechte und Sichtbarkeit positioniert. Astner verweist dabei auf den 2023 noch in der Planung vereitelten islamistischen Terroranschlag auf die Wiener Regenbogenparade: ›Da ist zwar nichts passiert. Aber es hat Angst gemacht.‹ Es habe zwar auch den ›Marsch für die Familie‹ gegeben, eine Gegendemonstration zur Parade, hinter der Vereine stehen, die mehrheitlich dem konservativen Christentum und der Neuen Rechten nahestehen, aber die hätten nie Gewalt ausgeübt. ›Queere Menschen müssen immer noch lernen zu überleben in der Gesellschaft. Mit Schimpfwörtern und so weiter lernt man umzugehen im Laufe der Zeit. Aber eine Bombe auf die Regenbogenparade zu werfen – da geht es um Leib und Leben, da ist die Angst dann sehr groß.‹
Der ehemalige SPÖ-Bezirksrat Dorian Rammer ist im Sommer 2024 schon fast auf dem Heimweg von einem Lokal am Naschmarkt, als sich ein Mann von einem Nebentisch in sein Gespräch einmischt. Der heute 29-Jährige beschreibt den Unbekannten als etwa Mitte 20, gepflegt gekleidet, Rammer vermutet bei ihm türkischen Migrationshintergrund. ›Ich glaube, im Gespräch ging es allgemein um Gott und die Welt, und vielleicht hat er aus meiner Artikulation heraus meine Sexualität erkannt oder geglaubt, sie zu erkennen.‹ Als die Diskussion hitziger wird, beginnt der Mann, ihn homophob zu beschimpfen. Rammer lässt sich nicht einschüchtern und kontert verbal – woraufhin es zu einem Handgemenge kommt. Er wird auf den Asphalt der Wienzeile gestoßen. Der Täter flieht und ist bis heute nicht identifiziert. Rammer erleidet eine Platzwunde, die genäht werden muss.
Im Standard erschien kurz darauf ein Bericht über Rammers Erlebnis, auch Boulevardmedien griffen den Fall auf. FPÖ-Politiker Leo Lugner, ein alter Kollege Rammers aus dem Bezirksrat Mariahilf, äußerte auf X zwar Genesungswünsche, schrieb jedoch gleichzeitig: ›Jene, die am lautesten »Refugees Welcome« riefen und unsere Warnungen ignorierten, werden nun selbst zu Opfern.‹ Rechte Alternativmedien griffen den Fall dankbar auf. In Kommentarforen wurde Rammer beschimpft. Der FPÖ-Gemeinderat Klaus Stark aus Bruck an der Mur teilte auf Facebook das Posting eines anderen Users, der schrieb: ›Endlich hat es den Richtigen getroffen! Die Migranten, die ihr rieft, schlagen euch jetzt krankenhausreif.‹
Auch Yannick Shetty kommentierte Rammers Fall auf Social Media: ›Alles Gute an den Kollegen, der jetzt Opfer eines Übergriffs wurde. Wir warnen vor diesen Entwicklungen schon seit Jahren.‹ Auffallend an Shettys Narrativ ist, dass er zwar Migrationskritik übt, dabei aber einen inhaltlich und rhetorisch fundamental anderen Zugang wählt als die FPÖ. Shetty beschreibt das im Gespräch mit DATUM so: ›Die FPÖ ist gegen Migration, weil sie Ausländer als Ausgeburt des Bösen betrachtet und meint, dass Menschen mit anderer Hautfarbe oder Sprache per se minderwertig seien. Wir dagegen sind überzeugt, dass es Recht und Ordnung in der Migrationspolitik braucht, gerade um unsere liberalen, progressiven Werte zu erhalten.‹
Über ein halbes Jahr nach Rammers Vorfall saßen die NEOS in der Regierung. Im mit ÖVP und SPÖ ausgehandelten Regierungsprogramm fand sich im Kapitel ›Sicherheit‹ die Ankündigung von Maßnahmen gegen ›LGBTIQ+-feindliches Verhalten in bestimmten migrantisch geprägten Gruppen‹. Auf die Frage, welche Maßnahmen hier bei einem so spezifischen Sachverhalt überhaupt konkret umgesetzt werden könnten, bleibt Shetty eher allgemein. Als Grundvoraussetzung müsse die irreguläre Migration reduziert werden, damit Integration überhaupt möglich sei: ›Wenn wir nicht die Kapazitäten für gelingende Integration haben, entstehen Probleme – zum Beispiel bei Wertehaltungen, bei der Einstellung zu Demokratie, Minderheitenrechten und so weiter. Viele Menschen bleiben dann unter dem Radar und werden nicht erreicht.‹ Für jene, die bereits hier sind, müsse die bestmögliche Integration gewährleistet werden. Shetty verweist auf das von der Regierung angekündigte verpflichtende Integrationsprogramm ab dem ersten Tag, in dem unter anderem die Module zu Werte- und Orientierungsthemen ausgebaut und Themen wie Homophobie stärker adressiert werden sollen. Teilweise ist dies durch die Ausweitung der Werte- und Orientierungskurse des ÖIF von drei auf fünf Tage bereits umgesetzt worden.
Marty Huber von der Queerbase, einem Verein, der queere Menschen berät, die nach Österreich geflohen sind, plädiert für eine andere Perspektive: Gewalt müsse stärker über Männlichkeitsbilder erklärt werden als über Herkunft. Denn Gewalttäter seien nun mal mehrheitlich Männer. Und Jugendliche – unabhängig von ihrer Herkunft – suchten oft nach Identität über Abgrenzung. Auch die Daten des Innenministeriums zeigen, dass Täter bei Hassverbrechen überwiegend männlich sind, bei homophoben Delikten lag der Anteil 2024 bei über 90 Prozent.
Wie aber geht es Menschen in Österreich, die als Migranten Teil der LGBTIQ+-Community sind? Der heute 29-jährige Yusuf* kommt 2015 im Zuge der großen Fluchtbewegung von Syrien nach Österreich. Um dem Militärdienst zu entgehen, flieht er über die Türkei und erreicht nach elf Tagen Wien. Nach Aufenthalten in Notunterkünften, auf die er heute mit Beklemmung zurückblickt, erhält er eine Aufenthaltsbewilligung und findet ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft mit deutschen Studenten. Yusufs Sexualität ist bis zu diesem Zeitpunkt kein Thema: ›Die hatte keine Priorität in meinem Kopf.‹ Erst 2017 traut er sich zum ersten Mal in einen Szeneclub in der Wiener Innenstadt. Er erinnert sich an das pinke Tanktop, das er an diesem Abend getragen hat: ›Für meine damaligen Verhältnisse hat das schon sehr schwul ausgeschaut.‹ Als er gemeinsam mit einem Freund gerade vor dem Lokal frische Luft schnappt, kommt ohne erkennbaren Anlass plötzlich ein Mann mittleren Alters mit einer Bierflasche auf ihn zu, beschimpft ihn als ›Schwuchtel‹ – den Wiener Akzent hat er bis heute im Ohr – und versucht, mit der Flasche auf ihn einzuschlagen. Yusuf kann sich rechtzeitig in Sicherheit bringen, doch die Nacht hinterlässt Spuren: ›Da habe ich mich endlich getraut rauszugehen – und wurde gleich wieder zurückgeworfen.‹
Seit drei Jahren ist Yusuf österreichischer Staatsbürger und arbeitet im kaufmännischen Bereich. Auf der Straße versucht er möglichst nicht als schwul wahrgenommen zu werden. Dabei gehe es ihm nicht nur um die Angst vor Übergriffen. Denn während viele seiner Freundinnen und Freunde zwar über seine sexuelle Orientierung Bescheid wüssten, sei er vor seiner Familie bis heute nicht geoutet. Auch in der Arbeit sei er bei Kollegen mit muslimisch geprägtem Hintergrund besonders vorsichtig. Yusuf betont, dass Homophobie kein ausschließliches Problem von Menschen sei, die aus dem Nahen Osten stammen, und unabhängig von ihrer Herkunft bekämpft werden müsse – er denke nur etwa an sein eigenes Wiener Erlebnis oder an Länder wie Ungarn. Dennoch glaubt der kurdische Muslim, dass der Großteil der Homophoben hierzulande sehr wohl aus diesem Milieu stamme: ›Ich sehe jeden Tag radikale Muslime auf der Straße und frage mich: Wie ist das erlaubt?‹ Vor Kurzem hätte er eine unangenehme Situation erlebt: ›Ich habe jemanden gedatet, und wir waren gemeinsam unterwegs. An einer Ampel wollte diese Person meine Hand nehmen. Aber neben uns stand eine sehr konservativ aussehende türkische Familie mit Kindern. Als ich sie gesehen habe, habe ich meine Hand sofort weggezogen.‹ Da er Türkisch gut versteht, hatte er Angst, abfällige Kommentare zu hören: ›Ich finde, das sollte nicht so sein.‹
Für den Soziologen und Integrationsexperten Kenan Güngör zeigt sich darin das Präventionsparadox: ›Wenn man annimmt, dass wenn man hier mit dem gleichgeschlechtlichen Partner über die Straße geht, man möglicherweise blöd angeschaut, angespuckt oder geschlagen wird – was tut man dann? Man macht es nicht.‹ Dadurch würden viele Fälle naturgemäß gar nicht erst passieren. Der Deutsche mit kurdischer Abstammung erzählt aus eigener Erfahrung, wie er Anfang der 1990er- Jahre als junger Mann ins sächsische Hoyerswerda gefahren ist, kurz nachdem dort rechtsextreme Ausschreitungen stattgefunden haben: ›Überall habe ich die feindseligen Blicke gesehen. Da gab es Anschläge gegen Asylheime und ich sitze am Bahnhof und sehe vier Skinheads, die sich immer wieder so anschauen. Das macht was mit dir. Du überlegst dann dreimal, wo du durchgehst.‹ Im Gegensatz zur Hautfarbe lasse sich Queerness eher verbergen – indem man sie weniger sichtbar macht.
Auch aus diesem Grund lässt sich nur schwer fundiert beurteilen, ob sich die Sicherheit für LGBTIQ+-Personen durch eine bestimmte, nicht eindeutig definierte Tätergruppe tatsächlich verschlechtert hat. Und es gibt auch Gegenerzählungen: Marty Huber von der Queerbase berichtet etwa vom sogenannten ›Tuntathlon‹, einer Veranstaltung, die letzten Sommer am Yppenplatz mitten im migrantisch geprägten 16. Bezirk stattgefunden hat, wo Drag Queens in spielerischen Wettbewerben gegeneinander angetreten sind. ›Das war eine super queere Geschichte. Dabei würden manche sagen, man kann am Brunnenmarkt als queeres Paar nicht Händchen haltend gehen. Je nachdem, wen du fragst, wirst du verschiedene Antworten kriegen. Die einen sagen Nein, die anderen sind in Drag dort.‹
Güngör sieht im Diskurs auch eine Angst vor ›Modernitätsverlust‹: ›Das eigentlich Neue ist ja das, was in Europa passiert ist, dass wir heute Dinge wie Homosexualität wieder ein Stück weit mehr zulassen können als noch vor fünfzig Jahren.‹ Durch Migration kämen nun Menschen aus Gesellschaften nach Europa, die eine solche Entwicklung nicht gemacht hätten. ›Niemandem kann man vorwerfen, wo er geboren und sozialisiert wurde. Und doch haben wir jetzt die Situation, dass Muslime als abgewertete Gruppen selbst sehr hohe Abwertungen kennen, gerade gegenüber Homosexualität.‹ Das zeige sich etwa auch am Frauenbild und inwiefern man im Alltag sein Leben über Religiosität begründe. Gleichzeitig, analysiert Güngör weiter, müsse man die Kirche im Dorf lassen: ›Die Muslime sind nicht die größte Gruppe hier im Land. Ich würde sagen, das ist im lokalen Bereich ein Thema, wo Minderheiten-Mehrheitsverhältnisse kippen, besonders in Wien.‹ Doch die große Mehrheit sei integriert, problematisch seien etwa zehn Prozent, die der Aufnahmegesellschaft mit ihrer gesamten Wertedisposition ablehnend gegenüberstehen: ›Es genügt ein Bully, um alle zu verunsichern.‹ •
* Aufgrund der sensiblen Thematik wollte der Betroffene anonym bleiben.