Montagmorgen im Wettbüro
Als Teenager wettete unser Autor auf Fußballspiele, statt in den Unterricht zu gehen. In Österreich ist das einfacher, als es sein sollte – weil Sportwetten rechtlich verharmlost werden.
Es ist neun Uhr an einem Montagmorgen im Herbst 2019. Während meine Klassenkameraden gerade im Mathe-Unterricht Vektorregeln durchnehmen, sitzen mein Freund Luke (Name geändert) und ich im Wettbüro. Zuvor haben wir uns beim Billa am Wiener Franz-Josefs-Kai noch eine Leberkässemmel gekauft, jetzt starren wir, zwei 18-jährige Gymnasialschüler, auf die großen Bildschirme in einer Admiral-Filiale in der Innenstadt und überlegen uns, worauf wir wetten wollen.
Ich sehe mir die Quoten von ein paar gerade laufenden Fußballspielen an und wähle ein Team aus Thailand aus. Die 2er-Quote sagt mir, dass ich bei einem gesetzten Euro zwei zurückbekomme, sollte die Wette aufgehen. Das ist mir aber nicht genug, deshalb nehme ich noch ein Fußballspiel und zwei Tennismatches auf den Wettschein, außerdem ein Eishockeyspiel und ein Basketballmatch. Mit jedem zusätzlichen Tipp potenziert sich die Wettquote – und mit ihr der mögliche Gewinn. Ich stecke einen Zehner in das Terminal und drucke meinen Wettschein aus. Mehr als 350 Euro gewinne ich, wenn meine Tipps aufgehen. In meiner Vorstellung gebe ich das Geld bereits aus. Ich wollte schon lange eine Playstation haben.
Keine Stunde später ist der Traum von der Spielkonsole geplatzt, die Wette ist nicht aufgegangen. Bei Kombi-Wetten muss jeder einzelne Tipp richtig sein, sonst ist der Einsatz weg. Enttäuscht verlassen Luke und ich das schummrige Wettlokal, spazieren die Rotenturmstraße hinauf, gehen am Stephansdom vorbei und stehen plötzlich vor dem Casino in der Kärntnerstraße. Wir wollen unseren Verlust wieder reinholen, also stellen wir uns an den Roulette-Tisch im ersten Stock und setzen jeder zehn Euro auf Rot. Die Kugel dreht sich im Kreis, eine ältere Dame setzt noch einen Hunderter aufs Zero-Feld, dann sagt der Croupier: ›No more bets please.‹
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