Schwarzer Fluch

Was Kriege hinterlassen, ist oft unsichtbar: giftige Luft, zerstörte Ökosysteme und gesundheitliche Langzeitfolgen für die Bevölkerung.

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Fotografie:
APA-Images/AFP
DATUM Ausgabe April 2026

Schwarzes Kopftuch, schwarzer Rock, dazu eine Gesichtsmaske gegen die Toxine, die sich Anfang März als dichter schwarzer Rauch über Teheran legen. Eine Mitarbeiterin des Roten Halbmonds steht in der Nähe einer jener Raffinerien, in denen es während der Angriffe der israelischen und ­US-amerikanischen Armeen Anfang März zu massiven Explosionen kam. Die 15 Millionen Einwohner der iranischen Metropolregion wurden eindringlich gewarnt, ihre Häuser nicht zu verlassen, Masken zu tragen und sich nach Kontakt mit Regen sofort ­ab­zuwaschen.

Was im Krieg oft in den Hintergrund rückt: die Umwelt – und die gesundheitlichen Langzeitfolgen für die Bevölkerung. Die NGO Conflict and Environment Observatory (CEOB) bezeichnet die Umwelt als ›stilles Opfer bewaffneter Konflikte‹. Rauch aus brennenden Ölquellen und Raffinerien ist ein komplexes Gemisch hochgiftiger Stoffe. Schwefeldioxid gehört neben anderen zu den zentralen gasförmigen Schadstoffen: ›Mischt sich das in der Luft mit Wasser, entsteht saurer Regen – es regnet quasi Schwefelsäure und es kommt zur Bildung von Sulfatpartikeln‹, erklärt Umweltmediziner Hans-Peter Hutter von der Medizinischen Universität Wien. Schwefeldioxid greift die Augen und die Atemwege an.

Noch weit gefährlicher sind die winzigen Rußpartikel. ›Sie sind so klein, dass sie weder in den oberen Atemwegen hängen bleiben noch vor dem Gehirn Halt machen, sobald sie über die Lungenbläschen ins Blut gelangt sind. Man findet sie praktisch überall im Körper‹, sagt Hutter. Je nach Konzentration der Schadstoffe kann das verheerend sein. Eine kurzfristige hohe Belastung kann unter anderem zu Atembeschwerden wie Asthmaanfällen und Bronchitis bis hin zu Herzrhythmusstörungen und Herzinfarkt führen. Bei langandauernder Exposition kann Feinstaub das Lungenwachstum bei Kindern verzögern und sogar zu Intelligenzeinbußen führen, da entzünd­liche Reaktionen im Hirngewebe in Gang gesetzt werden. Nicht zuletzt ist auch die krebserregende Wirkung bekannt.

Die Folgen der Umweltkatastrophe bleiben indes nicht auf den Iran beschränkt. Kein Tropfen Öl solle dem Feind in die Hände fallen, ließen die geistlichen Führer der Islamischen Republik wissen, und jagen in Vergeltungsschlägen Öllager benachbarter Golfstaaten in die Luft. Der Persische Golf ist ein ökologisch sensibles Gebiet mit zahlreichen Schutzräumen: Korallenriffe vor Bahrain, Meeresgebiete vor Katar, Saudi-Arabien, Kuwait und den Vereinigten Arabischen Emiraten könnten betroffen sein. 

Umweltmediziner Hutter erinnert an die Explosion der Bohrinsel Deepwater Horizon 2010, eine der schlimmsten Umweltkatastrophen der Geschichte, bei der 800 Millionen Liter Rohöl (marine) Fauna und Flora über Jahre zerstörten. ›Das war eine einzige Bohrinsel‹, sagt er. ›Ich will mir gar nicht ­ausmalen, was diesmal alles vernichtet wird bzw. ­bereits wurde.‹

Anwohner, Fischer und Naturschützer können den Verschmutzungen derzeit nur zusehen. Auch die Frau auf dem Foto wirkt passiv: Sollte sie sich nicht in Sicherheit bringen? Vor den Dämpfen fliehen? Sie steht im Rauch, geschützt nur durch eine Maske.

Wer die Frau ist und wie viele Verletzte oder Tote es aufgrund der Explosionen bereits gab, konnte der iranische Rote Halbmond auf Anfrage nicht sagen. Man könne derzeit keine Verbindung zu den Teil­organisationen herstellen. Auch das dürfte sich auf absehbare Zeit nicht ändern. •

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