Über das Untermenschliche

Wer Kriege normalisiert, normalisiert den Wahn.

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Illustration:
Blagovesta Bakardjieva
DATUM Ausgabe Mai 2026

Es gab eine Zeit, da durfte der Wahn als solcher benannt werden. Vor der Pandemie etwa war es üblich, Menschen, die Verschwörungen anhingen, eher psychiatrische Hilfe zukommen lassen zu wollen, als sie als Stichwortgeber bei Wahlkämpfen und Diskussionssendungen ernst zu nehmen. Doch inzwischen gilt offenbar die Regel: Je mehr Menschen einem Hirngespinst anhängen, desto eher muss das Hirngespinst als eine ›Perspektive‹ von vielen toleriert werden, ja integriert werden in dem Spektrum ›Wahrheit‹. Bei Fragen um Krieg und Frieden scheint es ähnlich zu sein. Hier ist entscheidend, wer etwas sagt, und vor allem, wie oft etwas gesagt wird. 

Wenn etwa das Wort Krieg aus dem allgemeinen Diskurs durch ›Spezialoperation‹ ersetzt wird, verliert es seinen Schrecken.  Wenn ausgeblendet wird, dass Krieg Tote, Verwundete, Vergewaltigte, Vertriebene und Verstörte bedeutet, bleibt er ein steriles Computerspiel in der Ferne.

Doch wenn die Propaganda einer Kriegspartei unwidersprochen von unbeteiligten Parteien und Medien wiedergegeben wird, dann ist das mehr als nur eine Perspektive von vielen. Es wird zu einem kollektiven Einschwören auf eine Erzählung, die ganz offiziell Menschen hierarchisiert. Wenige begreifen das sofort, weil sich diese Erzählung zumeist hinter logisch klingenden Rechtfertigungen versteckt. Wenn zum Beispiel gesagt wird: Wir mussten die Brücken bombardieren, weil sie der Feind überqueren könnte. Wir mussten die Schulen bombardieren, weil sich der Feind dort versteckt. Wir mussten die Krankenhäuser in die Luft jagen, weil der Feind dort behandelt wird. Wir mussten die Universitäten angreifen, weil dort die nächste Generation des Feindes unterrichtet wird. Wir mussten die Frauen töten, weil sich in ihren Gebärmuttern das einnistet, was uns vernichten könnte. Wir mussten ein Land ins Mittelalter bomben, eine Zivilisation – präventiv – vernichten, weil sie sonst uns vernichtet hätte.  Und in Wahrheit tun wir all das doch auch für euch, die Drecksarbeit erledigen, euch schützen. Zeigt gefälligst eure Dankbarkeit, wenn wir mit der Rettung der Menschheit in Vorleistung gehen!

›Es ist eine bekannte Tatsache, dass man mit gewissen Schlagworten der leichtgläubigen Menge nach Belieben Sand in die Augen streuen kann‹, soll die Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner gesagt haben. Auch sie übrigens eine zu wenig Gewürdigte der Geschichte: die erste Frau, die den Friedensnobelpreis gewonnen hat, und die man als Popstar ganz patriotisch in Österreich bis heute abfeiern könnte, muss man mit Lupen an der Peripherie Wiens in Straßen- und Schulnamen suchen, während einer anorektischen Kaisersehefrau mit Filmen, Serien und Musicals bis zum Erbrechen gehuldigt wird. Aber das nur nebenbei. 

Ich will Bertha von Suttner widersprechen. Für so leichtgläubig halte ich die Menge nicht.  Wohlwollend betrachtet, ist es eher Ohnmacht als Leichtgläubigkeit, die zutage tritt, wenn das Recht des Stärkeren so sehr internalisiert wird, dass seine Propaganda zur neuen, gar eigenen Wahrheit erklärt wird. Weniger wohlwollend könnte man es als Faulheit bezeichnen, wenn die Menge beginnt, den Wahn der Kriegstreiber mit den gleichen Erklärungen wie ebendieser zu rechtfertigen, um nicht zum Handeln gezwungen zu werden. Vielleicht ist hier ein anderes Zitat von Bertha von Suttner angebrachter: ›Ich habe es zu früh erkannt, dass der Schlachteneifer nichts Übermenschliches, sondern – Untermenschliches ist; keine mystische Offenbarung aus dem Reiche Luzifers, sondern eine Reminiszenz aus dem Reich der Tierheit – ein Wiedererwachen der Bestialität.‹ Wobei – auch hier ein kleiner Einwand: Wir tun der ›Tierheit‹ vermutlich unrecht, liebe Bertha. •

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