Kuba im Dunkeln

Blackouts, Embargo und Massenflucht – wie die Energiekrise ein Land lahmlegt.

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Fotografie:
APA-Images / REUTERS / Norlys Perez
DATUM Ausgabe Mai 2026

Den Blick gesenkt, das Handy in der Hand: ­Yuleisis Mendez sitzt auf einem Klappstuhl, während der Friseur ihre Haarspitzen schneidet. Ein Kübel Wasser ersetzt das Waschbecken – für Warmwasser aus der Leitung fehlen in Kubas Hauptstadt Havanna Strom und Gas. Auf dem staubigen Fliesenboden liegt zerknitterte Alufolie vom Haarefärben. 

Ein Blackout ist hier noch lange kein Grund, den Alltag zu unterbrechen. Die nächste Kundin wartet bereits. Neben dem Stuhl beleuchtet ­jemand mit einer Taschenlampe das provi­sorische Friseurstudio. Es ist eine Szene, die ­veranschaulicht, wofür die kubanische ­Bevölkerung seit Jahrzehnten bekannt ist: Erfindungsreichtum in schwierigen Situationen.

In Kuba kommt es seit Jahren zu Stromaus­fällen, doch seit Anfang 2026 hat sich die Lage ­zugespitzt: Tagelange Blackouts legen das Land lahm. Die Ursachen sind vielschichtig: eine marode Infrastruktur und jahrzehntelange Investitionslücken der kubanischen Führung treffen auf eine verschärfte Energieblockade durch die USA. In den vergangenen Jahrzehnten war Kuba bei der Einfuhr fossiler Brennstoffe großteils auf ­Venezuela angewiesen. Mit dem Sturz von ­Venezuelas Machthaber Nicolás Maduro unterbindet US-Präsident Donald Trump nun auch den Öl- und Gasstrom nach Kuba. 

Nur ein Öltanker aus Russland schaffte es in den vergangenen Monaten in die kubanischen Häfen. Da Kuba Benzin und Diesel gänzlich aus dem Ausland importieren muss, bedeutet das, ›dass es die Ernte nicht vom Feld in die Städte schafft und eine Schwangere nicht ins Spital‹, sagt Kuba-Experte Bert Hoffmann vom deutschen GIGA-Institut für Lateinamerika-Studien. 

Allein seit Jänner 2026 mussten rund 100.000 Operationen abgesagt oder verschoben werden. ›Menschen können nicht kochen, drei Mahlzeiten am Tag sind für viele nicht mehr drin. Trinkwasser gelangt nicht mehr in die Häuser, weil es dazu Pumpen braucht und der Strom fehlt. Der Müll bleibt liegen: Kuba geht am Stock‹, sagt Hoffmann.

Wirtschaftssanktionen gegen Kuba bestehen seit den 1960er-Jahren, nachdem Revolutionsführer Fidel Castro US-amerikanische Unternehmen enteignet und die für die USA so lukrative Zuckerrohrindustrie verstaatlicht hatte. Unter Barack Obama kam es zu einer vorsichtigen Annäherung, doch Donald Trump setzte Kuba 2021 wieder auf die Liste terrorunterstützender Staaten. Anfang 2026 verschärfte er das Embargo erneut – per Executive Order und mit der Begründung, Kuba stelle eine ›ungewöhnliche und außerordentliche Bedrohung‹ für die USA dar. Dies sei eine Erfindung Trumps, um seine Erdrosselungspolitik zu rechtfertigen, sagt Bert Hoffmann: ›Kuba stellt keine Bedrohung für die USA dar.‹

Unterdessen erlebt das Land einen massiven Exodus: Seit 2021 ist die Bevölkerung laut Schätzungen des Economist von über elf auf unter neun Millionen gesunken – jede fünfte Person hat das Land verlassen. Gleichzeitig verschärft Washington den Ton. Darf man Trumps Drohungen glauben, steht Kuba bald eine noch finsterere Zeit bevor. •

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