Rushdie und das Absolute
Über das verrückte Abrutschen in politische Religionen.
Ich will übers Weinen schreiben. Darüber, dass der Mensch weint, ja, dass er von Fall zu Fall nicht anders kann. Aber ich bin bei dem Versuch andauernd gehemmt. Die Hemmung hat paradoxe Wirkungen: Ich fange an, übers Weinen zu schreiben, und jedes Mal wird es ein Text über das Lachen. Auf dem Weg, dass es vielleicht eines Tages doch gelingen könnte, ich also nicht nur weinen muss, sondern auch darüber schreiben kann, hatte ich das Privileg bei einer Veranstaltung von Salman Rushdie zuzuhören.
Die Veranstaltung heißt ›Literatur im Nebel‹. Sie findet im Waldviertel, in Heidenreichstein, statt, und wurde vor zwanzig Jahren gegründet. Es kommt meiner Art zu empfinden sehr nahe, dass es in all den zwanzig Jahren während der Veranstaltung kein einziges Mal Nebel gab. Nomen ist nicht immer Omen. Ich habe ein Interesse am Nicht-Sein, für mich eine unverzichtbare Modalität des Daseins. Dasein mag triumphieren, zahlt aber den Preis, dass es vergeht. Was niemals war, kann nie vergehen. Es ist das Unvergängliche.
Nebel ist nicht nur Meteorologie, sondern auch eine Metapher. ›Literatur im Nebel‹ ist nicht vernebelte Literatur, wie sie in Film, Funk, Fernsehen und in der Zeitung so gerne vorkommt. ›Literatur im Nebel‹ bedeutet, dass in einer oft vernebelten Landschaft fest umrissene Sprachkunstwerke und ihre Autoren zu erkennen sind, siehe Salman Rushdie, den Ehrengast in diesem März.
Rushdie sprach ein sehr schönes britisches Englisch. Seine Sprache erinnerte mich an meine Jugend, als ich mit Leidenschaft anglophil war. Mehr oder weniger machte ich Oxford-Englisch nach, was mit einem Meidlinger ›l‹ schwer genug ist, jedenfalls eine Überforderung, und zwar eine der vielen, die nur aus Liebe passieren können.
Mir ist meine Anglophilie vergangen wegen Thatchers Neoliberalismus. Ein anderer Grund war der nicht zuletzt von David Cameron, seines Zeichens Prime Minister, mitverursachte Brexit. Dilettanten in der Politik sind die zweitgefährlichsten nach denen in der Medizin. Persönlich, gleichsam privat war ich von Frau Thatcher begeistert: Herrlich, wie diese Frau, einer Daisy Duck gleich, die Handtasche schwang und die Herren in Deckung gingen. Politisch war sie eine Vorläuferin Trumps, was Daisy Duck ja nicht war.
An ein Europa ohne Großbritannien kann ich nicht glauben. Die Maxime, dass die Briten ohnedies nur aus der EU herausgeholt hätten, was ihnen gar nicht gebührte, finde ich kurzsichtig. Zu dem, was ich sonst noch für Großbritannien empfinde, gehört die Sprache: Das alte Englisch hat einen Sound, während das heute allseits gesprochene Englisch eine tonlose Sprache ist, die ausschließlich der Verständigung dient.
Rushdie sprach bei ›Literatur im Nebel‹ in schöner, klarer Sprache über sein Buch ›Knife‹. Darin schildert er den Mordversuch, den ein Islamist an ihm begangen hat – als Folge jener Fatwa, die 1989 von Ruhollah Chomeini erlassen wurde, dem damaligen religiösen und politischen Oberhaupt des Iran. Anlass war Rushdies Roman ›Die satanischen Verse‹, den Chomeini und viele Muslime als blasphemisch betrachteten. Die Fatwa rief dazu auf, Rushdie zu töten. Eine Fatwa ist ›ein islamisches Rechtsgutachten, das von einem Gelehrten (Mufti) als Antwort auf eine Frage zur Scharia ausgestellt wird‹.
Ich habe mich einmal selbstironisch einen Theologen genannt, wofür mich echte Theologen zurecht verhöhnten. Aber man muss den Anspruch auf Theologie wenigstens stellen, will man versuchen, das verrückte Abrutschen in politische Religionen zu verstehen, geschweige denn zu ertragen: Einer großen Masse von Gläubigen auf der Welt ist nichts heiliger als ihr Glaube. Einige von ihnen verteidigen ihren Glauben, indem sie Ungläubige und Andersgläubige töten. Ich weiß nicht, wie viele von denen, die niemanden töten, insgeheim mit den Mördern im Namen Gottes einverstanden sind.
Die liberale Auflösung des Konflikts, dass Religion eh okay ist, solange sie privat bleibt, ist schwach. Der andere Versuch, die Religion unter die Aufklärung zu subsumieren, bedeutet sich in die Tasche zu lügen: Man könnte ja sagen, dass die Religion als der wahre, aufgeklärte Glaube selbst das Potential hat, den Mord in ihrem Namen zu tabuisieren.
Aber so wird nicht auf der ganzen Linie gespielt: Der Umgang mit der Illusion des Absoluten erlaubt vielen Menschen dessen Relativierung nicht. Manche von ihnen werden zurecht als Helden verehrt, zum Beispiel jene, die zu sterben bereit waren, also die Wehrdienstverweigerer, die den Tod auf sich nahmen, weil sie für einen Hitler nicht in den Krieg ziehen wollten.
Politische Religionen entstehen auf zwei Wegen: aus dem Glauben selbst und aus dem Atheismus, also aus dem Unglauben. Der Nationalsozialismus versuchte, sich in Konkurrenz zum Christentum als Religion durchzusetzen, als Glaube an ein Allerhöchstes. Dieses Allerhöchste bekam den Namen: ›Deutschland‹, und alle Verbrechen des Regimes wurden durch diesen Namen geheiligt.
Als Hitler das Attentat vom Juli 1944 überlebte, quittierte er seine ›Auferstehung‹ damit, dass ihn ›die Vorsehung‹ gerettet habe: Er, Hitler, so die Vorsehung, möge doch sein Werk weiterführen, um den ›Endsieg‹ zu erringen. In die gleiche Kerbe schlägt Trump: Auch er deutet das missglückte Attentat auf ihn im Sommer 2024 religiös. Er sei von Gott gerettet worden, ›der Amerika wieder groß werden lassen wollte‹. Dass ein Mensch bei Gottes Hilfe, Trump im nationalen Interesse zu retten, ums Leben gekommen war, wurde Gott nicht angerechnet. Aber in der trumpistischen Ära ist es auf skurrile Weise offenbar geworden, dass der Präsident – auf dem atheistischen Weg der Selbstvergottung – die Religion in seine Politik eingemeinden will.
Solange es Religionen gibt, vor allem monotheistische, wird es den theokratischen Kurzschluss geben. Es wird bei nicht wenigen Menschen dieser Welt den Glauben geben, sie würden Gottes Willen realisieren, gerade wenn sie im zerstörerischen Eigeninteresse, vorgeblich in Gottes Namen, Mord und Totschlag verüben. Mit den Wahnformen der Religion muss man weiterhin rechnen. Aber vielleicht kann man so weit einlenken, dass ›die Religion‹ nicht daran schuld ist, sondern dass es Menschen gibt, die nicht in der Lage sind, mit den Zumutungen des Absoluten in der Endlichkeit ›menschlich‹ umzugehen.
Rushdies Buch und das, was er in Heidenreichstein erzählte, zeigen, was es heißt, Opfer einer solchen absoluten, mörderischen Religionsausübung zu sein. Ein außergewöhnliches Mittel, das halbwegs zu ertragen und es auf das umzupolen, was es auch ist, nämlich lächerlich, heißt Ironie. Die Pointe liegt in der Ambivalenz, dass im Menschenleben ›funny and at the same time not funny‹ zusammenkommen können, dass also etwas komisch und zugleich gar nicht komisch sein kann. Sein Attentäter, so Rushdie, sieht dem Tennisspieler Novak Djokovic ähnlich, und das ist komisch und zugleich gar nicht komisch. Wirklich komisch, also zum Lachen und zugleich zum Weinen, ist aber Rushdies Zusatz: Für sich genommen sei Novak Djokovic ja überhaupt nicht komisch. •