Nicht hier, nicht dort
Seit dem Stopp der Familienzusammenführung stehen in Österreich viele Verfahren still. Nazar Markazan lebt mit ihren zwei Söhnen in Wien. Ihr Mann und ihre drei Töchter warten in der Türkei. Die syrische Familie hat einander seit fünf Jahren nicht gesehen.
Nazar Markazan blickt auf ihr Handy, entsperrt den Bildschirm und tippt auf das grüne Whatsapp-Symbol. Es dauert nur ein paar Sekunden, bis ihr Mann Mahmoud auf dem Display auftaucht. Im echten Leben haben sich die beiden zuletzt vor mehr als fünf Jahren gesehen. Damals sah Mahmoud noch jünger aus, inzwischen ist sein Bart ergraut. Nach einem kurzen ›Wie geht’s?‹ kommt das Gespräch seit Monaten immer wieder auf denselben Punkt.
›Gibt es etwas Neues?‹, fragt Mahmoud Markazan. Nein, sagt seine Frau. Auch ihre Tochter Besma, die neben ihrem Vater sitzt, stellt dieselbe Frage, obwohl sie die Antwort kennt. Wann kann sie ihre Mutter wiedersehen? ›Ich hoffe, bald‹, sagt Besma. ›Inschallah‹, antwortet Nazar Markazan. So Gott will.
Ob ein Wiedersehen tatsächlich möglich wird, liegt nicht in ihren Händen. Nicht mehr.
Nazar Markazan kommt aus Syrien und hat fünf Kinder. Ihre drei älteren Töchter leben gemeinsam mit dem Vater in der Türkei. Ihre beiden jüngeren Kinder, die Söhne Ali und Ahmet, sitzen neben ihr in der gemeinsamen Wohnung im zehnten Wiener Gemeindebezirk. Die Familie hat sich während ihrer langwierigen Flucht aus Aleppo über die Türkei getrennt. Aber sie hatten einen Plan: Nazar Markazan sollte ihre Familie später nachholen. Doch im Sommer des Vorjahres zerplatzte dieser Plan von einem Moment auf den anderen.
Wörter: 1761
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