Kulturkampf

Wie Macht und Übermacht die Mächtigen dazu inspiriert, auf Intelligenz zu verzichten.

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Illustration:
Blagovesta Bakardjieva
DATUM Ausgabe April 2026

Die sogenannte ›Kultur‹, für die wir sogar einen Minister haben, hat für mich eine seltsame Eigenschaft. Sie ist derartig vielfältig und das Diverse, das unter ihrem Namen läuft, existiert in einem solchen Überfluss, dass der Verdacht sich regt, alles davon sei fast überflüssig und verlöre sich in ihrer Vielfalt, in der ›Überproduktion‹. 

Die Kultur wird erst dadurch eine Kraft, dass sie mit dem zusammengeht, was man – allzu oft eitel – ›Bildung‹ nennt. Bildung nährt die Illusion, man könne unter den Kulturwaren noch zwischen wesentlichen und unwesentlichen unterscheiden – und zwar nicht bloß nach subjektivem Geschmack, sondern nach allgemeingültigen Werten. 

Ausgerechnet in der bildungsfernen Sendung ›Seitenblicke‹ sagte ein Herr aus der Musikbranche etwas Kluges: Man könne mit der KI Musik nach Belieben erzeugen. Dass Menschen musikalisch der KI Konkurrenz machen, sei nur möglich, wenn die von Menschen gemachte Musik von höchster Originalität wäre. Aber sollte dies der Fall sein, dann, so der Herr aus der Branche, stellt sich die Frage, ob es überhaupt ein Publikum dafür gäbe, das in großer Zahl Originelles zu schätzen wüsste (und es kaufen würde). 

Ich behaupte, in diesem Widerspruch kommt der größte Teil der Popkultur zu sich, nämlich im Ausschalten persönlicher Kunstfertigkeit. Die ­Maschine, ›artificial‹ genannt, ein Ehrentitel, kann es vielleicht doch besser und die Popkultur würde sich in the long run die Scherereien mit dem Personenkult ersparen, der der Kulturindustrie nicht nur nützt, sondern ihr auch im Wege stehen kann. 

Die verwüsteten Hotelzimmer, die die Genies der Branche so gerne und pflichtschuldigst zurücklassen, der ganze Anarchismus der berechnenden Devianz und die Exzesse hinter der Bühne – wie schön wirkt und arbeitet dagegen ein Computer. Auch ein individuelles Schicksal wie das, bei dem sich der große Falco das Herz gebrochen hat, wäre überflüssig oder könnte wenigstens privat bleiben – ein Geheimnis für den Rest der Welt.

Bildung ist fast immer in der Krise. Ihre beruhigten Inseln sind selten und sie halten den Stürmen der Gesellschaft nicht stand. Das kommt auch vom Fortschritt in den Wissenschaften, der berücksichtigt werden muss, auch wenn die Pädagogik selbst noch gar nicht genau genug weiß, worum es dabei geht und wohin es dabei gehen soll.  Die ziemlich armseligen Versuche der Politik, den Latein- und den Fremdsprachenunterricht zugunsten der Digitalisierung zu beschränken, werden die Zukunft der Kultur bestimmen. 

Hannes A. Fellner, ein Universitätsprofessor für ›Digitale Korpuslinguistik‹ (was immer das ist), hat mir, dem Laien, mit einem Artikel im Standard zu einem besseren Verständnis der Bildungsstürmer im Bildungsministerium verholfen. Der Professor schreibt: ›Der Ruf nach mehr KI dient hier doch ein wenig als Ablenkung: Statt Chancengleichheit zu schaffen wird Technik fetischisiert (…) Technik, Digitalisierung und KI werden unverstanden und unkritisch propagiert. Gleichzeitig wird jenes Wissen geschwächt, das Zusammenhänge erklärt, Widersprüche sichtbar macht und gesellschaftliche Verhältnisse kritisch durchdringt. So entsteht ein paradoxes Nebeneinander aus Technikanbetung und wachsender Unmündigkeit.‹

Das ist eine kritische Intervention, die man aber auch so lesen könnte, als wäre sie eine Handlungsanweisung, eine pädagogische Maxime, mit der die Bildungspolitiker an der Macht die Zukunft der Bildung ›gestalten‹ werden. 

Erziehung zur Unmündigkeit war ja immer schon eine Option, und ihre Chancen liegen nicht nur im Politischen, sondern auch in der Pädagogik: Sie tritt als Speziallehre dafür auf, wie man dem Nachwuchs erklärt, was Sache ist, während die Sache sich adäquat am besten aus den Fächern selbst ergibt: Mathematisches Denken hat seine eigene Pädagogik und solche Eigenheiten gelten auch für das Sprachliche. 

Eine übergeordnete Pädagogik, die sich um die fachlichen Details zu ­wenig schert, weil sie ans fächerübergreifende Allgemeingültige glaubt, tut der Bildung nicht gut. Ausgerechnet Bildungskonzepte können ins Irrationale abgleiten: ›Gerade im Bereich der Digitalisierung‹, so Professor Fellner, ›zeigt sich diese Irrationalität besonders deutlich: In der Politik wird von KI gesprochen, ohne deren Geschichte, sozioökonomische Zusammenhänge oder gesellschaftliche Folgen zu verstehen (…) Und trotzdem werden technische Werkzeuge mit Bildung verwechselt und der Eindruck vermittelt, algorithmisches Denken lasse sich ohne begriffliche, historische und soziale Urteilskraft vermitteln. Das ist ganz im Interesse der Tech Bros im Silicon Valley und ihrer politischen Entourage.‹

Ich habe die Vermutung, dass die Fetischisierung der Technik als Position im Kulturkampf einen Sachverhalt aus dem Diskurs ausschalten möchte, nämlich den offensichtlichen, dass ›der Mensch‹ nicht bloß modern ist, geschweige denn aufgeklärt. Es ist ja schwer zu glauben: Sie tauchen in U-Booten durch die Meere, fliegen hinauf ins All, erforschen die Gehirne und erweisen sich in nicht wenigen ihrer Taten als blöd wie die Nacht. 

Vorrang in den Auswirkungen der Umnachtung hat dabei die Dummheit der Herrschenden, die Torheit der Regierenden, die nicht zu verhindern, die aber leicht zu benennen ist: Dumm ist, ›eine Situation nach vorgefassten, festen Anschauungen einzuschätzen und gegenteilige Anzeichen zu missachten oder zu verleugnen.‹ 

Wir sind Zeitzeugen solcher Anzeichen und es ist wiederum nicht zu glauben, dass ausgerechnet eine amerikanische Regierung – nach Vietnam, Afghanistan und dem Irak – nichts gelernt haben soll. Ich glaube, es kommt davon, dass Macht und Übermacht die Mächtigen dazu inspiriert, auf Intelligenz zu verzichten. 

Trump allerdings ist selbst in diesem Rahmen eine Ausnahmeerscheinung. Er torpediert treffsicher eine Regel der Bildung: Trump kann sich nicht von sich selbst distanzieren, und er posaunt aus, dass diese Distanzlosigkeit seine eigentliche Daseinsberechtigung ist. Man muss ihm dankbar sein, denn niemand formuliert das Problem, das er verkörpert, besser als er selbst: Auf die Frage, ob internationale Abkommen oder Recht seine Macht begrenzen würden, antwortete der US-Präsident: ›Mein eigener Sinn für Moral. Mein eigener Verstand. Das ist das Einzige, das mich stoppen kann.‹ 

Warum sagte Trump in Erwartung auf den Friedensnobelpreis, dass er den Ukraine-Krieg in 24 Stunden beenden würde? Weil er es sich glaubt, und weil dieser Gläubige an sich selbst von Tag zu Tag alle Feinde vernichtet sieht. Je länger der Krieg im Iran dauert, desto mehr ist er der Sieger, obwohl seine Übermacht es bisher nur geschafft hat, die Welt an den Rand einer Weltwirtschaftskrise heranzuführen. •

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