Die neue Pflicht, stark zu sein
Resilienz gilt als Schlüsselkompetenz der Gegenwart. Menschen sollen Krisen aushalten, Rückschläge verarbeiten und gestärkt aus ihnen hervorgehen. Doch was passiert, wenn diese Fähigkeit zur moralischen Erwartung wird?
Vor einigen Monaten stand ich vor meinem Elternhaus. Es sah von außen aus wie immer, nur der Hof war voll verkohlter Reste. Wahrscheinlich ist einem wenig so vertraut wie das Haus, in dem man aufgewachsen ist. Man kann beinahe blind durchgehen, kennt jede Tür, jedes Knarren, jede abgeschlagene Mauerecke. Man bewegt sich darin wie selbstverständlich.
Die Eingangstür, kobaltblau gestrichen, stand ein Stück weit offen, und als ich hineinging, war da nichts Vertrautes mehr. Ein stechender, giftiger Rauchgeruch. Die Wände, die Räume, alles überzogen mit einer schmierigen schwarzen Schicht. Die silberfarbene Uhr in der Küche war zu einem Dalí-Werk zerschmolzen. In der Nacht hat ein Dreiverteiler in der Bibliothek aus dem Nichts Feuer gefangen, umringt von alten Papieren entwickelte sich daraus ein Schwelbrand, der bis in die frühen Morgenstunden anhielt. Das einzige Glück daran: dass niemand verletzt wurde. Nichts vom Innenleben des Hauses konnten wir behalten, was mich am wenigsten traf, weil ich schon lange nicht mehr dort lebe. Und dennoch gibt es Dinge, die kennt man schon immer – und nun sind sie fort.
In solchen Momenten stellt sich eine merkwürdige Mischung aus praktischen und existenziellen Fragen ein. Was fehlt? Was lässt sich ersetzen? Wie geht man nun vor? Vieles, wovon man nicht dachte, dass es einem wichtig ist, fehlt plötzlich, wie zwei sehr alte Kasperlfiguren, die mein Vater verstaubt in seinem Arbeitszimmer stehen hatte.
Wörter: 1630
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