Freud auf Japanisch

Warum ich mich nicht und nicht für das Go-Spiel begeistern kann.

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Illustration:
Blagovesta Bakardjieva
DATUM Ausgabe April 2026

Unter Brettspiel-Freaks wird ja gerne darüber gestritten, was denn nun eigentlich ›Der König der Spiele‹ sei. Natürlich gibt es darauf unzählige Antworten, aber bei Liebhabern tiefgehender Strategiespiele existiert doch ein recht klarer Favorit: Go. 

Ursprünglich aus dem antiken China stammend, ist es heute in Japan eine Art Nationalspiel, weltweit spielen es laut Schätzungen ungefähr 60 Millionen Menschen. Die mathematische Komplexität von Go, bei dem beide Spieler abwechselnd Steine auf die Schnittpunkte eines 19×19-Bretts setzen, ist noch erheblich größer als etwa die des Schachspiels – was Go-Fans gerne als Argument dafür ins Feld führen, dass ihr Brettspiel eben ›the real deal‹ und dem ein paar tausend Jahre jüngeren Schach haushoch überlegen ist.

Die Sache ist nur, und hier wird es Zeit für ein Geständnis: Go langweilt mich einfach zu Tode. Das ist insofern seltsam, als ich ja sonst wirklich so ziemlich jedes andere strategische Zwei-Personen-Brettspiel genieße.

Aber zwischen diesem Spiel und mir stimmt irgendetwas nicht. Über die Jahre habe ich immer wieder versucht, den meditativen Go-Spieler in mir zu channeln, der die langsam wachsenden Ketten schwarzer und weißer Steine anhimmelt, Gebiete absteckt und dem Gegner andere überlässt, bis sich am Schluss entscheidet, wer mehr Raum kontrolliert und damit gewonnen hat. Nur hilft das alles nichts, dieses Spiel hat nicht den geringsten Reiz für mich! Vielleicht bin ich tief im Inneren einfach ein europäischer Barbar, der nur glücklich ist, wenn er Figuren schlagen und den gegnerischen König, Kaiser oder eine sonst irgendwie als Oberboss identifizierbare Spielfigur symbolisch ermorden darf?

In Japan sagt man angeblich: ›Wenn etwas mit deinem Go-Spiel nicht in Ordnung ist, zeigt sich daran, was mit deinem Leben nicht in Ordnung ist‹ – das wäre eine ziemlich üble Prognose für mich. Andererseits klingt dieser Spruch nach einer Art japanischer Psychoanalyse. Und von Freud halte ich in etwa genauso wenig wie von Go. Schachmatt! •

Spiel: Go · Alter: 4.000 Jahre · Fans sagen: Bestes Spiel aller Zeiten

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