›Meine Wut war noch lange russisch‹
In der Ukraine wehren sich die Menschen nicht nur mit Waffen gegen den russischen Angriffskrieg. Viele russischsprachige Ukrainerinnen und Ukrainer legen ihre Muttersprache ab, weil sie für sie zur Sprache des Feindes geworden ist.
Ein schlecht erleuchteter Raum in einer ehemaligen Wiener Klinik im 18. Bezirk. Etwa zwanzig abgeschabte Stühle, alle besetzt, wackeln im Takt der Akkorde, die Olha Teriaieva auf ihrer E-Gitarre spielt. Sie springt über die kleine Bühne, singt und haut in die Saiten. ›I pray for a fall into the new little world‹, singt sie ins Mikrofon, ihre Stimme tief und rau. Es geht um das ›foreign land‹, in dem sie nun lebt. Mit ihren dunklen Locken, dem schwarzen Hemd und der Gitarre wirkt sie wie ein Rockstar. Dann wird ihr Blick weicher, die Schultern sinken, und für einen Moment sieht sie aus wie ein junges Mädchen. Leise haucht sie den ukrainischen Teil des Textes ins Mikrofon: ›Ich kann keine anderen Sprachen, die Straßen sind mir fremd.‹ In diesem Augenblick ist sie wieder die 19-Jährige, die bereits so viel erlebt hat.
Vor vier Jahren floh Olha Teriaieva aus Kyjiw vor russischen Raketen nach Wien, da war sie gerade 15. Der Krieg hat ihr nicht nur ihre Heimat genommen – sondern auch ihre Muttersprache. Zuhause und in der Schule hat sie lange Zeit nur Russisch gesprochen. Doch noch in der Nacht des 24. Februar 2022 legte sie ihre Sprache ab und wechselte wie viele ihrer Landsleute ins Ukrainische.
Als Russland die Ukraine überfiel, wurde schnell klar: Es geht nicht nur um Territorien, sondern auch um die Ukraine als Staat und Nation. Das Argument des russischen Präsidenten Wladimir Putin: Wo Russisch gesprochen werde, sei russisches Gebiet. Für viele russischsprachige Ukrainerinnen und Ukrainer verwandelte sich ihre Muttersprache damit in ein Symbol des Angriffs – sie wurde zur Sprache des Feindes. ›Russisch ist eine Waffe, die gegen uns verwendet wurde‹, sagt Olha Teriaieva vor dem Konzert. ›Wenn wir Russisch sprechen, verwenden wir diese Waffe wieder gegen uns.‹
Wörter: 1535
Lesezeit: ~ 9 Minuten
Diesen Artikel können Sie um € 3,50 komplett lesen
Wenn Sie bereits Printabonnentin oder Printabonnent unseres Magazins sind, können wir Ihnen gerne ein PDF dieses Artikels senden. Einfach ein kurzes Mail an office@datum.at schicken.