Erinnerung im Fluss
Die niederländische Künstlerin Michelle Piergoelam setzt sich in ihren Fotografien mit der kolonialen Geschichte Surinames auseinander.
Ein schmales Kanu gleitet lautlos über dunkles Wasser. Darüber spannt sich ein weiter Nachthimmel, der Horizont verschwindet, sodass Himmel und Wasser ineinander übergehen. In dieser Schwebe entsteht eine Atmosphäre zwischen Wachsein und Traum, zwischen Erinnerung und Gegenwart.
Wasser ist eines der zentralen Motive in der fotografischen Arbeit der niederländischen Künstlerin Michelle Piergoelam (*1997, Rotterdam). Ihre Bilder bewegen sich an der Grenze zwischen Dokumentation und Imagination: Sie zeigen Landschaften, Rituale und Körper und verweisen auf Träume, innere Bilder und überlieferte Erinnerungen. Ausgehend von ihrer eigenen Familiengeschichte setzt sich Piergoelam mit den Nachwirkungen des Kolonialismus im südamerikanischen Suriname auseinander. Das Land, das erst 1975 seine Unabhängigkeit von den Niederlanden erlangte, ist nach dem gleichnamigen Fluss benannt. An seinen Ufern entstanden während der Kolonialzeit Zuckerrohr- und Kaffeeplantagen, auf denen Tausende Menschen aus Westafrika versklavt wurden.
In ihrer Werkserie ›Songs in a Strange Land‹ widmet sich die Künstlerin den Arbeitsliedern der versklavten Menschen. Die Gesänge wurden während der körperlich harten Arbeit gesungen und beinhalteten verschlüsselte Botschaften, die für die Aufseher unverständlich blieben, für die Gemeinschaft jedoch zum Akt des Widerstands wurden. Die Künstlerin nähert sich in ihren Bildern der Geschichte des Landes nicht über die Darstellung von Leid oder Brutalität. Stattdessen richtet sie den Blick auf subtile Formen der Selbstermächtigung, etwa die Arbeitslieder, die sich über Generationen hinweg erhalten haben. Wasser erscheint in ihren Arbeiten dabei als Träger von Erinnerung – als Element, das Geschichten speichert und weiterträgt. Die poetischen Bilder bewahren dabei – wie die Geschichten selbst – eine Offenheit, die sich jeder eindeutigen Festlegung entzieht.
Michelle Piergoelam.
Across the Water, die erste internationale Einzelausstellung der Künstlerin, ist ab dem
31. Januar 2026 im FOTO ARSENAL WIEN als Kooperation der Klima Biennale Wien zu sehen. Im Januar 2026 erscheint ihr neues Buch ›Fourteen Leaves and a Cup of Water‹. •