Fehlt nur noch das Popcorn

Unter Donald Trump wird alles zur Show: sogar die Gefangennahme eines ausländischen Staatsoberhauptes.

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Fotografie:
APA-Images/REUTERS/Handout; APA-Images/AFP/US President Donald Trump’s TRUTH Social
DATUM Ausgabe Februar 2026

Wie eine TV-Show‹, sagte Donald Trump, habe er sich die Militäraktion, bei der mindestens 80 Menschen starben, angeschaut. Die Gefangennahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro und seiner Frau wurde mehrere ­Monate lang vorbereitet, wirken sollte sie dennoch wie eine exekutive Spontanentscheidung.

Den Befehl erließ der US-Präsident nicht am Arbeitsplatz, der strategischen Kommandozentrale im Weißen Haus, sondern auf seinem Anwesen Mar-a-Lago in Palm Beach, Florida. Die von der Trump-Regierung verbreiteten Fotos zeigen einen notdürftig mit schwarzem Stoff verhängten Bereich. Trump sitzt mit dem CIA-Direktor, dem Außen- und dem Verteidigungsminister auf goldenen Event-Stühlen. Im Live-Feed der Plattform X beobachten sie die Reaktionen unter dem Suchwort ›Venezuela‹.

Dass Trump geopolitische Gewalt im Golfclub zum ›Mediensnack‹ macht, breche stilistisch mit dem Protokoll der Macht, sagt Marcel Lemmes, Medienforscher an der Universität Tübingen. Klassische Situation Rooms seien fensterlose Orte maximaler Diskretion. Das ›sporadische‹ Setting hält Lemmes für pure Inszenierung. In der Medienwissenschaft spricht man von einem Authentizitätseffekt durch ›geplante Unmittelbarkeit‹. ­Tatsächlich gibt es in der 114 Räume umfassenden Residenz mehrere Zimmer, die geeigneter gewesen wären.

Der Begriff ›Situation Room‹ bezeichnet nicht nur einen Hochsicherheitsraum, sondern auch eine Fotografie, die sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt hat. Das ikonische Bild vom 1. Mai 2011 zeigt Barack Obama und sein Sicherheitsteam während der Operation zur Tötung Osama bin Ladens. Obama, nicht am Chefsessel, sondern konzentriert nach vorne gelehnt in der Ecke sitzend, präsentiert sich als bescheidener und uneitler Politiker, dem es um die Sache, weniger um das eigene Image geht. Damit inszeniere er eine Form kollektiver Verantwortung, sagt Lemmes. ›Obama saß nicht im Zentrum, er war Teil eines Apparats; die Macht lag in der Institution.‹ Das Bild von 2026 hingegen personifiziert die Macht. Die Botschaft lautet: ›Der Situation Room ist dort, wo Trump ist.‹

Während 2011 die Schwere der Entscheidung durch die Enge des Raumes und eine beinahe Klaustrophobie erzeugende Stille visualisiert wurde, schreit das aktuelle Bild: Wir erledigen das nebenbei, aus dem Wohnzimmer.

In beiden Aufnahmen entsteht Spannung, weil das Zentrum des Geschehens außerhalb des Bildes liegt. Ins Auge fällt die Zeigegeste von Verteidigungsminister Pete Hegseth, die Gesichter bleiben weitgehend emotionslos. Ganz anders verhält es sich im Foto von 2011, wo Hillary Clinton den Blick auf sich zieht: Sichtlich entsetzt hält sie die Hand vor den Mund. Die Mimik der Anwesenden verdeutlicht die angespannte Ausnahmesituation.

Die Ästhetik des Trump-Settings trivialisiere die Gewalt, erklärt Lemmes: ›Wenn ein Regimesturz aussieht wie ein Business-Meeting im Hotel, wird der Völkerrechtsbruch visuell normalisiert.‹ Sie entkoppelt den Befehlshaber von den blutigen Konsequenzen. Auch das Bild Maduros – im Jogginganzug mit Handschellen, Gehörschutz und Augenbinde – wirkt bagatellisierend. Es zeigt das Ergebnis, ›die Trophäe‹, während das Situation-Room-Bild die Urheberschaft, ›den Macher‹, zeigt. Laut Lemmes nutzt Trump es, um folgendes Narrativ zu konstruieren: Ich habe als entspannter Feldherr ›den Knopf gedrückt‹ und damit das Chaos in Venezuela beendet. Dafür musste ich nicht mal mein Haus verlassen. •

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