Flüchtlingshilfe

Warum es Altruismus nicht gibt und Nähe schwierig ist.

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Illustration:
Christoph Abbrederis
DATUM Ausgabe Juli/August 2019

Im Herbst 2015 kamen die Flüchtlinge nach Österreich. Mit ihnen begann für mich eine intensive Zeit des Lernens. Etwa zwanzig geflüchtete Familien und etwa ebensoviele Bekannte aus der Nachbarschaft taten sich damals spontan zu einer losen Gruppe zusammen, um zu helfen.  Die Prioritäten haben sich über die Jahre hinweg verschoben: Ging es anfangs um Wohnungen, Winterjacken, Asylbescheid, Deutschkurse und ein erstes Zurechtfinden in Wien, so steht heute die Landung auf dem Arbeitsmarkt im Mittelpunkt – samt den komplexen Fragen, wie man hier das Leben langfristig gestalten soll. Was soll aus den Kindern werden? Wie kommt man mit der Fremdenfeindlichkeit zurecht? Wie viel von den eigenen Gewohnheiten muss man aufgeben? Und wie geht man mit dem Verlust der Heimat um? 

In den Beziehungen mit meinen neuen syrischen Bekannten habe ich Österreich von neuen Seiten kennengelernt. Ich habe Winkel von Wien gesehen, von denen ich bis dahin keine Ahnung hatte: Ich weiß jetzt, wie man sich in der Warteschlange vor dem Sozialamt fühlt und am Beratungsschalter am Arbeitsamt. Ich war zum ersten Mal bei den Ausgabestellen von karitativen Einrichtungen, in Sozialmärkten, habe in die Abgründe des Wiener Wohnungsmarkts geblickt und kenne den Alltag in jenen Schulen, in die sich kaum je ein einheimisches bürgerliches Kind hineinverirrt. 

Gleichzeitig lernt man dabei auch viel über sich selbst. Man denkt darüber nach, was das eigentlich bedeutet – ›helfen‹. Warum tut man das? Und was verändert es – sowohl auf der gesellschaftlichen als auch auf der individuellen Ebene?

1. Lektion: Altruismus gibt es nicht

So selbstlos man sich beim Helfen auch fühlen mag – man tut es natürlich immer auch für sich. Wer hilft, dem geht’s besser – unabhängig davon, ob es der anderen Person nachher ebenfalls besser geht. Im Idealfall gibt es Erfolgserlebnisse, Stolz, Dankbarkeit als Belohnung. Dieser narzisstische Aspekt des Helfens hat jedoch eine finstere Seite. Wer entscheiden kann, wem man etwas gibt oder vorenthält – Zeit, Geld, Zuwendung –, hat Macht. Wir haben in diesen vier Jahren zehntausende Euro gesammelt und wieder ausgegeben; für Kautionen, Sprachkurse, Mietsubventionen, Anwaltshonorare, Heizungsreparaturen, Führerscheine, Schwimmlehrer und akute persönliche Notlagen. Wem gibt man was und wieviel? Warum kriegt Mustafa eine Monatskarte, aber Mohammed kriegt keine? 

Kriterien dafür gibt es nicht, sondern ausschließlich subjektives Fairnessgefühl. Man könnte ›Willkür‹ dazu sagen. Und erwischt sich mitunter dabei, dass man aus der Tatsache, dass man jemandem hilft, das Recht ableitet, ihm Ratschläge zu geben, wie er leben soll. 

Im Privaten spiegelt sich hier ein Konflikt, der seit vier Jahren parallel auch auf der politischen Ebene geführt wird. Bei den erbitterten Debatten um Wertekurse, Arbeitspflicht und Mindestsicherung dreht es sich im Kern immer um das Verhältnis von Geben und Nehmen: Wieviele Bedingungen darf ein Staat daran knüpfen, dass er Sozialleistungen ausschüttet? Zu welchen Gegenleistungen verpflichtet sich jemand, der Hilfe von der öffentlichen Hand in Anspruch nimmt? Wieviel erhobenen Zeigefinger verträgt eine Beziehung, ehe sie in autoritäre Bevormundung kippt? (Aber ein bisschen einmischen wird man sich wohl noch dürfen, oder?)

Lektion 2: Nähe ist schwierig 

Dass Helfen nicht einfach ist, kann man schon in den allerersten Tagen der Flüchtlingskrise ahnen, am Wiener Westbahnhof. Getragen von einer Welle aus Staunen und Euphorie kommt in diesen Tagen halb Wien hierher, Flüchtlinge schauen. Eine Familie steht vor der Glastür, die zu den Gleisen hinausführt, und schaut ratlos. Die Eltern und die beiden Buben haben je ein Papiersackerl vom Anker in der Hand, es sind Brezeln drin, die haben sie offenbar für die Flüchtlinge gekauft. Jetzt strömen die Flüchtlinge, mit suchenden Augen, in bloß zwei Metern Entfernung an den Vieren vorüber. Mutter, Vater, Buben müssten bloß die Hand nach ihnen ausstrecken. Doch sie stehen wie erstarrt da. ›Wer ist zuständig? Kann man das irgendwo abgeben?‹ sagt der Vater grantig. 

Die Mutter will die Sache zügig abschließen, will mir ihr Sackerl in die Hand drücken, ›Hier bitteschön, das ist für die Flüchtlinge‹, sagt sie, und dreht sich schon zum Gehen um. ›Ich bin kein Flüchtling‹, sage ich irritiert. Ich begreife: Auf den letzten beiden Metern, auf denen sie einen konkreten fremden Menschen ansprechen hätten müssen, hat die Familie der Mut verlassen. 

Ein ähnliches Phänomen hatte man ein paar Monate zuvor schon in Traiskirchen beobachten können, als Flüchtlinge dort auf dem nackten Boden kampieren mussten. Jene, die mit vollgepackten Autos hingefahren waren, um zu helfen, wussten vor Ort nicht recht, wie sie das anfangen sollten. Sie drehten ein paar ratlose Runden, schmissen irgendwann die Nerven weg und kippten den Inhalt ihres Kofferraums einfach auf die Straße. Jeden Abend blieben damals haufenweise Sakkos, Pullover und Schuhe auf den Gehsteigen liegen, verdreckten und wurden schließlich im Müll entsorgt. In den Medien und auf Facebook blieben Bilder von undankbaren Flüchtlingen hängen – die die großzügigen Geschenke verschmäht hatten. 

Bei den erbitterten Debatten um Wertekurse, Arbeitspflicht und Mindestsicherung dreht es sich im Kern immer um das Verhältnis von Geben und Nehmen: Wieviele Bedingungen darf ein Staat daran knüpfen, dass er Sozialleistungen ausschüttet?

Lektion 3: Überall lauern Missverständnisse

Man sortiert einen Pullover aus, der einem selbst einmal sehr gefallen hat, der teuer war und mit dem man schöne Erinnerungen verbindet. Das Opfer, das man bringt, wenn man ihn weggibt, fühlt sich daher groß an. Für einen Beschenkten, der grad gar keinen Pullover braucht, dem der spezielle Pullover nicht passt oder nicht gefällt, existiert dieser Wert jedoch gar nicht. Er weist das Geschenk zurück – oder nimmt es aus purer Höflichkeit an und legt es später achtlos weg. Schon sind, ohne dass jemand bösen Willens wäre, beim Spender Gefühle verletzt: Ich hab’s ja versucht! Ich hab mir Mühe gegeben! Aber schaut her: Die wollen meine Hilfe gar nicht! 

Solche Kränkungen können in Vorwürfe umschlagen, in Bitterkeit, oder sogar in Aggression. 

Umgekehrt ist es jedoch genauso schwierig, Hilfe anzunehmen. Schon Bedürftigkeit zu formulieren – ›ich will‹ oder ›ich brauche‹ zu sagen – ist eine große Hürde, sogar in unserer Gruppe. Sind es Sprachprobleme? Ist es Schüchternheit? Ist es die Angst, sich eine Blöße zu geben? Es gibt eine große Scheu, etwas falsch zu machen, jemand anderem, der vielleicht ebenfalls etwas braucht, zuvorzukommen. Niemand will als unersättlich oder gierig dastehen, deswegen gibt es oft gar keine Antwort auf konkrete Angebote. Was wiederum wir als unhöflich empfinden.

Lektion 4: Man kann so tun als ob

Sich hilfsbereit fühlen, ohne wirklich zu helfen? O ja, das geht. Wir kennen dieses Phänomen inzwischen in Dutzenden Varianten. Und alle nerven gewaltig. Es beginnt bei guten Ratschlägen. Man sucht Wohnungen – und kriegt Hinweise auf Maklerbüros, Immobilienseiten und Inserate. Man sucht eine Waschmaschine, ein Ecksofa oder Fußballschuhe in Größe 38 – und kriegt den Tipp, doch bei Willhaben zu schauen. Man sucht jemanden, der mit dem kleinen Mustafa Hausaufgaben macht – und kriegt Links zu Nachhilfe-Instituten. Man sucht Jobs – und bekommt den Tipp, zum AMS zu gehen. Ein Rat, den immer jemand parat hat: ›Frag doch mal bei der Caritas!‹ Eine Zeitlang sagt man noch brav danke. Irgendwann möchte man dann nur noch genervt zurückblaffen: Ja, eh! 

Die Steigerungsstufe guter Tipps sind: Tipps, was man noch alles zusätzlich machen könnte. Genauer: Was WIR noch alles zusätzlich machen könnten. Warum organisiert ihr denn nicht eine Stadtführung für eure Flüchtlinge? Eine Chorgruppe? Ihr könntet ihnen helfen, ihre Jobbewerbungen etwas schöner zu formatieren! Ihr könntet sie als Babysitter vermitteln! Und wenn ihr ihnen Skifahren beibringt – wäre das nicht fein?

Social Media sind die perfekten Tools für Pseudo-Hilfe. Ich kann sie gar nicht mehr zählen, die Vernetzungs-, Vermittlungs- und Beratungsplattformen, die in den vergangenen Jahren entstanden sind; die Mentoring-, Coaching- und Förderprogramme. Überall kann man sich anmelden, auf Listen eintragen, Lebensläufe hinschicken. Und überall geht man mit Tipps raus, an welche andere Vernetzungsinitiative man sich noch wenden könnte. Ergebnis: Null. Die konkreten Jobs, die konkreten Wohnungen haben wir immer nur auf der Direttissima gefunden. Beim Nachbarn, bei der Schwiegermutter der Freundin, der Mitschülerin der Tochter. Bei Leuten, die sich nach einer Radiosendung melden, oder am Rand einer Diskussionsveranstaltung, und sagen: Hier, ich hab was für euch. Einen Job in meiner Firma. Eine Wohnung in meinem Haus. 

Lektion 5: Gut oder böse? Das hängt vom Zufall ab

Soll man Flüchtlingen helfen oder nicht? Ich glaube inzwischen: Das ist weniger eine Frage der Moral, sondern eher eine Frage der Gelegenheit. Häufig ist es bloß der Zufall, der den Ausschlag gibt. Eine persönliche Begegnung vielleicht. Ein besonders positives oder negatives Erlebnis. Ein Freund oder eine Kollegin, die einem einen Stups gibt. Hat man erst einmal den einen oder anderen Weg eingeschlagen, wird man immer mehr Belege dafür finden, dass die Entscheidung die richtige war. Weil die Erwartungshaltung selbstverständlich das Handeln beeinflusst, die Atmosphäre sowie die Reaktionen des Gegenübers. Und man immer mehr Folgeerfahrungen macht, die einander verstärken. 

Dieser Mechanismus kann erklären, warum der Umgang mit Geflüchteten in dem einen Dorf vorbildlich gelingt – und im Nachbardorf gar nicht. Warum ein Flüchtlingsheim in einem Stadtviertel positive Energie freisetzt und anderswo Aggression und Konflikte enstehen. Die Menschen in Dorf X unterscheiden sich nicht grundsätzlich von den Menschen in Dorf Y. Ob die Stimmung in die eine oder andere Richtung kippt, hängt häufig von wenigen Personen ab. Eine Respektsperson – der Bürgermeister, der Pfarrer, die Wirtin, die Schuldirektorin oder ein anderer Multiplikator  – schlägt ein paar Pflöcke ein. Dann sind urmenschliche Kräfte am Werk –  Beziehungen, Erfahrungen, Eitelkeit. Man gewinnt Sozialprestige, wenn man sich auf der dominanten Seite einreiht. Umgekehrt stellt man sich, wenn man nicht dabei ist, ins Abseits. Und so entsteht eine Dynamik, die viele andere mitzieht.

Denselben Mechanismus kann man auch von der anderen Seite her aufdröseln. Wer sich – aus welchen Zufällen auch immer – entschieden hat, NICHT zu helfen, muss das vor sich selbst irgendwie rechtfertigen. Am einfachsten geht das, wenn man Gründe findet, warum der andere Hilfe gar nicht verdient. Viele Horrorgeschichten über Flüchtlinge lassen sich durch diesen Mechanismus erklären. Ebenso die Bereitwilligkeit, absurde Gerüchte zu glauben und weiterzuverbreiten. Jede einzelne negative Information über Flüchtlinge tut dem eigenen Selbstbild gut – weil sie bestätigt, dass die Entscheidung, nicht zu helfen, richtig war. •