Im Heizkessel

Die ehemalige Wohnungslose Sabine und das bürgerliche Pensionistenehepaar Moser könnten unterschiedlicher nicht sein. Trotzdem leiden beide massiv unter der Hitze in Wien. Was müssen wir tun, damit unsere Städte in Zukunft nicht unbewohnbar werden?

DATUM Ausgabe Juni 2025

Monika und Erwin Moser* wohnen in der roten Zone. Auf der Karte der Wiener Stadtklimaanalyse steht das für ›starke Überwärmung‹. Was es im Alltag bedeutet, merkt das pensionierte Ehepaar, wenn es knapp vor Mitternacht noch 30 Grad in der Wohnung hat. Wenn Frau Moser Herd und Backrohr über den Sommer kaltstellen muss, weil die Hitze sonst noch unerträglicher wird. Wenn Herr Moser wegen seiner chronischen Darmerkrankung und der hohen Temperaturen häufig Durchfall hat.

In ihrer Straße steht kein einziger Baum. Dass Parkplätze entsiegelt werden, um Grünraum zu schaffen, will Monika Moser aber auch nicht: Die beiden Pensionisten bewegen sich in Wien mit dem Auto. Während des Sommers steht die Hitze in ihrer Wohnung, Lüften ist zwecklos. Weil sie es nicht mehr anders aushalten, haben die Mosers sich für die ihnen nächstliegende Lösung entschieden: eine Klimaanlage. Dafür haben sie sogar einen Rechtsstreit mit den Eigentümern des Apartments angefangen, in dem sie wohnen. Deshalb wollen sie ihre echten Namen nicht in der Zeitung lesen.

Sabine* wohnt nicht in der gelben Zone, sie lebt hier nur. Als Wohnungslose hält sie sich viel im zehnten Wiener Bezirk auf. Im Sommer klappt sie einmal mitten in der Öffentlichkeit zusammen. Niemand hilft ihr, halb bewusstlos ruft sie noch ihre Schwester an, die die Rettungskette in Gang setzt. Dehydriert und mit einem Hitzeschock bringen die Sanitäter Sabine ins Krankenhaus. Noch am selben Tag wird sie wieder entlassen. 2023 kommt Sabine dann in einem überhitzten Acht-Quadratmeter-Zimmer in einer WG unter. Obwohl sie dankbar ist, nun endlich ein Dach über dem Kopf zu haben, waren die Nächte für sie erholsamer, als sie noch draußen auf der Straße geschlafen hat, erzählt sie.

Früher war Hitze das Problem Einzelner, jetzt ist sie für jeden Einzelnen ein Problem. Immer noch sind Menschen wie Sabine, die am wenigsten für die Klimakrise können, am stärksten von ihr betroffen. Immer deutlicher spüren aber auch Mittelständler wie die Mosers die direkten Auswirkungen der Erderhitzung. ›Wir haben eine so starke Klimaveränderung, dass Hitze ein gesamtgesellschaftliches Thema geworden ist‹, sagt Stadtklimatologe Simon Tschannett. Zu lange habe der Staat sich auf Klimaschutz beschränkt und die Anpassung vernachlässigt. Auch dafür brauche es systemische Lösungsansätze, keine Einzelprojekte, sagt Tschannett. Sinnvoller als eine private Klimaanlage in jeder  Wohnung, wäre eine gemeinsame Kühlung des gesamten Gebäudes. Die Zahl der privaten Klimageräte ist in den letzten Jahren aber regelrecht explodiert und mit ihr auch ihre Emissionen. Laut Umweltbundesamt stoßen sie jährlich ungefähr so viel CO₂ aus wie der gesamte Inlands-Flugverkehr.

Technische Kühlung kann also nur ein Teil der Lösung sein. Vielmehr braucht es mehr Bäume und Wasser in der Stadt, dafür weniger Asphalt und Beton. Ein zusammenhängendes Netz von Alleen und Parks, eine Umverteilung im Straßenraum und Gesetze, die diese radikale Veränderung erleichtern. Denn wie radikal auch die Klimakrise voranschreitet, sei vielen Menschen noch nicht bewusst, meint Tschannett. 2016 rechnete ein Experte der Wiener Umweltschutzabteilung MA22 gegenüber dem Standard noch mit ›bis zu 45 Tagen mit mehr als 30 Grad bis 2050‹. 2024 verzeichnete die Wiener Wetterstation ›Innere Stadt‹ bereits 52 solcher Hitzetage. Bis zum Ende des Jahrhunderts könnten es laut Klimaprognosen bis zu 80 sein. Fast ein Vierteljahr lang hätte es dann über 30 Grad draußen.

Das Rot der roten Zone auf der Wiener Stadtklimakarte wird bis 2100 also noch dunkler, die dichtbebauten inneren Bezirke werden noch heißer. Wie viele Bereiche der Hauptstadt sind darauf schon vorbereitet? ›Wenige‹, sagt Matthias Ratheiser. Gemeinsam mit Simon Tschannett hat er 2020 die Wiener Stadtklimaanalyse erstellt. Das Papier zeigt in mehreren Karten die Auswirkungen sowie auslösende und abmildernde Elemente extremer Hitze in der Stadt. In Ratheisers und Tschannetts Büro steht zwar auch eine Klimaanlage. Die ist allerdings nur für die Computer gedacht, die beim Berechnen der klimatischen Analysen auch gerne heißlaufen. Wien wiederum hat eine eigene Klimaanlage: den Wind. Er entsteht an den Berghängen im Westen, von dort aus weht die kalte Luft in Schneisen in die Stadt hinein. Doch die Kaltluft macht am Gürtel halt, sie erreicht die inneren Bezirke nicht. Obwohl die Mosers sie so dringend brauchen würden.

Mittlerweile meiden Monika und Erwin Moser im Sommer ihre eigene Wohnung so gut es geht. Die Pensionisten versuchen sich im Grünen aufzuhalten, etwa im Augarten oder im Wienerwald. ›Aber irgendwann müssen wir heimkommen‹, sagt Herr Moser. ›Irgendwann müssen wir duschen, kochen und Wäsche waschen.‹ In ihren eigenen vier Wänden fühlen sie sich mit der Hitze gefangen. Den Einbau einer fixen Klimaanlage erlaubt die Genossenschaft ihnen aus mehreren Gründen nicht: Lärmbelästigung für Nachbarn, Stromverbrauch und eine befürchtete Beschädigung der Bausubstanz. Die Mosers wollten das aber nicht einfach so hinnehmen und strengten ein Schlichtungsverfahren beim Magistrat an. Später ging der Fall vors Bezirks-, dann vors Landesgericht.

Seit jedes Jahr heißer ist als das zuvor, trudeln bei der Mietervereinigung Wien ›extrem viele‹ Anfragen aus überhitzten Wohnungen ein, was Mieter tun könnten, wenn Vermieter nichts tun. Auch die Mosers haben sich dort Hilfe gesucht. Die Antworten sind aber meist unzufriedenstellend: Eine maximal erlaubte Temperatur in Innenräumen gibt es gesetzlich etwa nicht, auch eine Mietzinsminderung ist so schwer durchsetzbar. ›Unser größtes Problem ist, dass es über Nacht nicht abkühlt‹, sagt Monika Moser. ›Wir leiden wie die Hunde.‹

›Canicule‹ wird aus dem Französischen mittlerweile als Hitzewelle übersetzt, wörtlich bedeutet das Wort aber ›Hundstage‹. Wie tödlich das Gesundheitsrisiko Hitze ist, hat Paris schon 2003 erfahren müssen. Im damaligen Sommer gab es dort rund 10.000 Hitzetote, besonders viele starben in Dachgeschoßwohnungen unter den aufgeheizten Ziegeldächern. Auch 20 Jahre später gab es in Europa mehr als 45.000 Todesfälle aufgrund extremer Hitze. Der EU-Klimadienst Copernicus stellt in einem aktuellen Bericht fest, dass sich unser Kontinent außerdem schneller erhitzt als alle anderen. In Wien ist es jetzt schon rund drei Grad wärmer als noch vor der Jahrtausendwende und die voranschreitende Klimakrise macht Hitzewellen immer länger und heißer.

Dabei ist der Kern des Problems gar nicht der Sonnenschein am Tag, sondern die Hitze in der Nacht. Normalerweise heizen sich Häuser tagsüber auf und kühlen nachts wieder aus. Doch es reicht meist schon eine 30 Grad heiße Woche dafür, dass auch die Bauwerke mehr Wärme aufnehmen, als sie abgeben können. Denn Gebäude überhitzen genauso wie Menschen und gefährden dann wiederum unsere Gesundheit. Bei nächtlichen Temperaturen über 20 Grad leidet die Schlafqualität. In Wien gab es letztes Jahr etwa zehnmal so viele solcher Tropennächte wie noch vor 25 Jahren.

Die Mosers gaben den Kampf um ihre Klimaanlage deshalb nicht auf. Während des Gerichtsverfahrens kam die Richterin persönlich bei ihnen vorbei und machte mit ihnen einen Spaziergang um ihr Wohnhaus. In solchen Prozessen geht es nämlich meist nur um einen Knackpunkt: Ist eine Klimaanlage ortsüblich? Nur, wenn es genug andere Anlagen in der Umgebung gibt, wird der Einbau genehmigt. Laut Mietervereinigung ist bei der Ortsüblichkeit die Rechtsprechung aber sehr uneinheitlich und oft vom Richter oder der Richterin abhängig. Die Mosers haben über 30 Klimaanlagen im Umkreis von zwei Häuserblocks gezählt, mit Fotos dokumentiert und wollten sie der Richterin zeigen. Genützt hat das aber nichts, das Verfahren haben sie Ende letzten Jahres verloren.

›Es gibt Wohnungen, die wegen der Klimakrise im Sommer unbewohnbar werden‹, sagt Michael Friesenecker, Forscher am Institut für Landschafts­planung an der Wiener Universität für Bodenkultur. Ein klassisches Beispiel wären etwa Dachgeschoßwohnungen am Gürtel. Der Hauptfokus bei der Anpassung liegt im öffentlichen Raum, aber gerade in solchen Lagen – die besonders exponiert sind und wo natürliche Beschattung etwa von Bäumen nicht hinkommt – müssten auch private Eigentümer bei der Klimawandelanpassung mehr in die Pflicht genommen werden. Möglich sind etwa das Anbringen von Außenjalousien, das Entsiegeln von Hinterhöfen und auch der Einbau von Klimaanlagen. Vielfach sind aber gerade im privaten Bereich komplizierte Eigentumsverhältnisse ein Hindernis. Wenn jede Wohnung einen eigenen Eigentümer hat, dann werden Anpassungen praktisch verunmöglicht. Solche Häuser würden bei Straßenumbauten mit Fassadenbegrünungen von städtischen Verantwortlichen oft bewusst ausgelassen, weil die Erfolgsaussichten so gering seien, erzählt Friesenecker.

Der Stadtforscher hat erst letzten Sommer einen Artikel mitveröffentlicht, der den Titel trägt: ›Strategien allein lassen keine Bäume wachsen.‹ Die Wissenschaftler beschreiben darin, dass es seit mehr als zehn Jahren umfassende Informationsangebote und Planungspapiere gibt, das kühlende Grün in den heißesten Zonen Wiens aber dennoch nur spärlich sprießt. ›Der Zugang der Stadt ist, es zuerst mit Förderungen und Überzeugungsarbeit zu versuchen und erst dann gesetzlich einzugreifen‹, sagt Friesenecker. Neue Regelungen gelten dann außerdem meist nur für neue Gebäude, obwohl die Probleme im Bestand liegen. Das Bewusstsein sei da und im öffentlichen Raum viel weitergegangen in den letzten Jahren, ›aber es müsste noch massiv mehr werden‹, sagt Friesenecker.

Dieses ›massiv mehr‹ muss sich auch nicht auf Bäume und Begrünung beschränken. Wie Klimawandelanpassung abseits ausgetretener Pfade aussehen könnte, dafür haben die zwei Stadtklimatologen Matthias Ratheiser und Simon Tschannett einige Visionen. Tschannett stellt sich etwa eine Kaltluft-App vor, die genau Bescheid gibt, wann der optimale Zeitpunkt zum Lüften ist. Aktuell werde etwa bei hohen Bauten oft ein Nachweis verlangt, dass man mit dem neuen Haus nicht zu lange einen Schatten auf die Nachbarn wirft. In Zukunft könne genau das Gegenteil gesetzlich gefordert werden, die Nachbarn möglichst lange zu beschatten. Was es auch sei, vulnerable Gruppen müssten besonders mitbedacht werden, sind sich die Wissenschaftler einig.

Das Hitzerisiko ist in Wien ein Donut: Ein Donut am Gürtel entlang rund um die Innere Stadt, so ergab der ›Heat Risk Index‹, den ein interdisziplinäres Forschungsteam für Wien entwickelt hat. Ein Blick auf die Karte zeigt, einkommensschwache Haushalte leben überproportional in heißeren Stadtteilen. Der Index kombiniert Hitze-Hotspots mit verfügbarem Grünraum und der Verteilung von vulnerablen Gruppen im Stadtgebiet. 

Dazu gehören Bauarbeiter oder Fahrradkuriere, die ihre Jobs auch im Sommer unter extremer Hitze ausüben müssen, genauso wie Schwangere. Auch eine siebenköpfige Familie mit Migrationshintergrund in beengter Wohnung, ohne Möglichkeit, ordentlich zu lüften, und ohne Geld für Außenjalousien oder eine Klimaanlage. Oder eine ältere alleinstehende Dame in einer Dachgeschoßwohnung, die trotz Überhitzung ihre Wohnung nicht verlassen will, weil ihr selbst das zu anstrengend ist. Mit ihnen allen hat sich Sozialforscherin Raphaela Kogler getroffen.

Für das Forschungsprojekt ›Urban Heat Equality‹ war Kogler im Sommer 2023 in den Wohnungen von 30 hitzebetroffenen Personen und hat mit ihnen stundenlang über ihre Probleme gesprochen. Eigentlich waren einige Interviews auch als Spaziergänge geplant gewesen, nur war es damals so heiß, dass die Betroffenen nicht hinausgehen wollten. Eine von diesen 30 war Sabine. Als Kogler sie in ihrer neuen WG besuchte, stellte ihr die ehemalige Wohnungslose als allererstes ihre zwei Hunde vor. Sabine hatte ihren einzigen Ventilator mit einem nassen Tuch verhängt und auf dem Boden direkt vor den Hunden platziert. ›Damit sie überleben‹, erklärt Kogler. ›Denn für die Hunde sei die Hitze noch viel schlimmer, war Sabine überzeugt.‹

Kogler hat aber nicht nur Probleme, sondern auch Verbesserungsvorschläge von den vulnerablen Gruppen gesammelt. Statt dem Kulturpass, den die Stadt Wien gratis an Menschen mit prekären finanziellen Verhältnissen vergibt, könnten im Sommer beispielsweise zehn Eintritte in städtische Schwimmbäder verteilt werden, findet Sabine: ›Einmal Freibad kostet sieben Euro, mit dem Geld kann ich schon wieder zwei Tage leben.‹ Aus ihrer Erfahrung als Wohnungslose regte Sabine auch an, gratis Sonnencreme an Bedürftige auszugeben. Andere meinten, die klimatisierten U-Bahnen sollten im Sommer genauso wie barrierefreie mit einem eigenen Symbol gekennzeichnet werden. ›Es kamen viele konkrete Vorschläge, die aber auch leicht umsetzbar sind‹, sagt Sozialforscherin Kogler. Bei der Abschlusspräsentation zu diesen Ergebnissen im Februar 2025 waren viele Verantwortliche aus der Stadtverwaltung anwesend.

Sie sind es, die die Veränderung schlussendlich umsetzen müssen. Das früher von Hitzewellen geplagte Paris hat seine Not inzwischen zur Tugend gemacht und ist zum internationalen Best-Practice-Beispiel avanciert. Der Autoverkehr wird zugunsten von Fußgängern und Radfahrern mehr und mehr aus der Stadt verdrängt, bis 2026 sollen außerdem 170.000 neue Bäume gesetzt werden. Die Anzahl der Straßenbäume zu erhöhen, birgt auch für Wien das größte Kühlungspotential, hat Stadtforscher Friesenecker herausgefunden.

Auch Österreichs zweitgrößte Stadt Graz kämpft mit urbanen Hitzeinseln. ›Cooling Center‹ und ›Coole Zonen‹ – also gekühlte öffentliche konsumfreie Räume – wie in Wien gibt es dort noch nicht, sie sind allerdings geplant. Basierend auf dem neuen städtischen Klimainformationssystem, sollen sie in besonders hitzegestressten Gebieten für Entspannung sorgen. Auch baulich verändert sich gerade viel in Graz. Neue Tramschienen werden gelegt und im Zuge dessen Straßen verkehrsberuhigt und begrünt. Das ist aber bei Weitem nicht in allen Landeshauptstädten so. In einem Bericht von 2021 rügte der Rechnungshof die Linzer Stadtpolitik, rascher konkrete Maßnahmen zur Klimawandelanpassung zu erarbeiten. Denn die städtische Hitze beeinträchtige die Gesundheit der Bewohner vor allem nachts.

Raphaela Kogler hat sich aus ihrem Forschungsprojekt auch selbst den einen oder anderen Tipp mitgenommen. Seit ihren Interviews legt sie ihren Kopfpolster während Hitzewellen vor dem Schlafengehen stets ins Tiefkühlfach. Auch die Stadt Wien tut viel, um die unmittelbaren Folgen der Hitze in der Stadt abzumildern. Diese kurzfristige Ausrichtung spiegelt sich auch im Wiener Hitzeaktionsplan wider: Mehr Trinkbrunnen und Nebelduschen werden in heißen Straßen aufgestellt. In den Betonwüsten, die diese Straßen aber vielfach noch sind, versickert das Wasser im Sand. Damit das Mikroklima auch langfristig besser wird, müsste man schon eine Oase bauen.

Erste Vorbereitungen dafür finden sich schon im neuen Stadtentwicklungsplan der Stadt Wien. Hier werden erstmals prioritäre Gebiete für Begrünung ausgewiesen, die sich an den Wohngebieten sozial vulnerabler Gruppen orientieren. Am Donaukanal hat die Stadt außerdem kürzlich die ersten zwei öffentlichen Sonnencremespender Österreichs aufgestellt. Übriggebliebene Desinfektionsspender aus der Corona-Pandemie wurden dafür umfunktioniert. Vielleicht kann ja tatsächlich aus jeder Krise auch eine Chance werden. •

Sie können die gesamte Ausgabe, in der dieser Artikel erschien, als ePaper kaufen:

Diese Ausgabe als ePaper für € 6,00 kaufen