In der Heimat

Ja, wir leben in historischen Zeiten. Schon allein, weil sie vergehen werden und dann endlich Geschichte sind.

DATUM Ausgabe Juli/August 2017

Ich sitze so rum und denk’ mir Überschriften aus, zum Beispiel: ›Pichowetz zu links für Mörbisch.‹ Überschriften müssen blöd sein und dennoch einen sachlichen Gehalt haben. Ich denke an Harald Irnberger, der als Chefredakteur des ›Extrablatts‹ (einer Art von linkem ›News‹), die fahrlässige Krida auf zwei Beinen war. Irnberger hatte den ›Kurier‹, für den er zuvor tätig war, im Hochsommer mit der lakonischen Schlagzeile: ›Heiß!!!‹ (oder so ähnlich) geschmückt. Der Mann musste ein eigenes Blatt gründen, um weitermachen zu können.

Aber auch Pichowetz geht mir nahe und auf die von den Seitenblicken gespannten Nerven. Ich bin auf seiner Seite: Da arbeitet er ein Programm für Mörbisch aus, um sich dort als Intendant ein paar Jahre wichtigmachen zu können. Von Georg Markus weiß ich, dass er mit der ›Frühjahrsparade‹ von Robert Stolz starten wollte, ein Werk von beinhartem Gegenwartsbezug: ›Es geht‹, so Markus, ›um ein ungarisches Mädel, das in eine für Kaiser Franz Joseph gebackene Semmel ein Brieferl schmuggelt, das ihrem Liebsten in seiner Karriere im Deutschmeister-Regiment helfen soll.‹

Ein Brieferl, ein Semmerl – was Besseres gibt’s doch nicht für burgenländische Operettenfestspiele. Das ist es, was Kunst und auch der Journalismus tut: Das rücksichtslose Herausarbeiten der Blödheit, die einer Gesellschaft immanent ist, und Pichowetz hätte sogar Otto Schenk beschäftigt. Überhaupt, bei ihm wäre ein ganzer Adabei-Artikel angestellt worden: Harald Serafin, Marianne Mendt, Karl Merkatz, Dorian Steidl, Franz Suhrada, Barbara Wussow, Albert Fortell, Daniela Fally …

Das Ganze ist mir unheimlich, denn Georg Markus schreibt: ›Marcel Prawy wusste, dass Pichowetz scheitern würde.‹ Also gut, Prawy wusste vieles, also von mir aus auch, dass Pichowetz scheitern würde, obwohl zu Prawys Lebzeiten noch kein Anzeichen dafür existierte, dass Pichowetz an irgendetwas überhaupt scheitern könnte. Das ist vielleicht das Magische an der Kunst, dass ein Prawy sich im Nachhinein immer als der erweist, der es schon vorher wusste.

Gabaliers Furcht, dass er seine linken Anhänger verliert, ist berechtigt.

Pichowetz scheiterte an der burgenländischen Kulturbürokratie, die ihn zuerst bestellt hat, ihn dann aber abblitzen ließ, um Peter Edelmann zu bestellen, der mit der ›Gräfin Mariza‹ den Operettentraum im Operettenstaat eröffnen wird. Dass das alles eventuell nur Scheiße ist, hat Pichowetz mit einem in Österreich seit langem überlieferten Spruch zum Ausdruck gebracht: ›In Österreich ist man kein Nestbeschmutzer, wenn man reingackt, sondern wenn man kommt und sagt, dass es stinkt.‹ Man muss nicht gleich unrein gacken, aber sagen … Sagen sind gut für die Weltliteratur, in dieser österreichischen Wirklichkeit bin ich schon mehr fürs Reingacken.

Vielleicht kann man ein Semmerl und ein Brieferl durch einen Regieeinfall in die Handlung der ›Gräfin Mariza‹ hineinschmuggeln, man sollte nichts unversucht lassen, damit Pichowetz nicht umsonst hat arbeiten müssen. Aber bei ›Komm mit nach Varasdin‹, da singma sicha mit. Der besungene Ort lag früher im Königreich Ungarn, gehört heute zu Kroatien. Unheimlich wird mir, wenn in der ›Gräfin Mariza‹ der sehr ungarische Refrain angestimmt wird: ›Komm Zigány, spiel mir ins Ohr,
 / komm Zigány, zeig heut, was du kannst.
 / 0 komm, o komm Zigány, spiel mir was vor,
 / spiel bis mein Herz vor Freude tanzt.‹

Im Zeitalter Orbáns klingt: ›Komm Zigan‹ wie eine gefährliche Drohung. Ohne Zweifel, im modernen Österreich pulsiert noch der alte Operettenstaat; er existiert, Mörbisch ist sein Zentrum und Serafin sein Premiereminister. Ich bin in dem Zentrum auch immer dabei, bei jeder Premiere, und hatte stets Staatsfeiertagsgefühle, wenn Bundeskanzler Vranitzky mit Gattin zum Kunstgenuss in Mörbisch aufkreuzte. Aber Mörbisch ist nicht die einzige Arena für den Operettenstaat: Da Musik unser Leben ist, spielt auch ein Privatunternehmer mit, der Heimatrocker Andreas Gabalier: ›Musik-Affäre weitet sich aus‹, schreibt die Krone. Das ist ja unglaublich, welche Weiten sich da auftun: In einem Interview hatte Konzerthaus-Chef Naske seinem Haus von einem Auftritt Gabaliers eher abgeraten: ›Man muss wissen, wer Gabalier ist, wofür er steht, und dann abwägen.‹ Und jetzt fordert Gabalier 500.000 Euro Entschädigung für die Abwägung: ›Herr Naske hat mich ins rechte Eck gestellt.‹

Gabaliers Furcht, dass er seine linken Anhänger verliert, ist berechtigt. Unter seinen rechten Anhängern ist jedenfalls einer von besonderer Hingabe: ›Im Zuge der hitzigen Debatte erhielt der Konzerthaus-Chef ein (sic!) anonyme Morddrohung per E-mail‹, berichtet die Krone, die oft nicht bis drei zählen kann, weil sie schon bei ›ein‹ scheitert. Man sieht aber deutlich, Gabalier spaltet die Operettennation. Ich würde seinetwegen niemanden ermorden, aber mich verliert er nicht als Anhänger, auch wenn man ihn im Konzerthaus nicht auftreten lässt. Als Staatsbürger bin ich auch, wenn mir Mörbisch die Zeit lässt, bei ihm dabei, ich besitze sogar eine Lederhose, zu der ich zärtlich sage: ›Meine Gabalier.‹

Beim Wort ›Heimat‹ rate ich zur Vorsicht, und bei ›sozialer Heimatpartei‹ zum Abstandnehmen. Bei ›Heimat‹ habe ich eine Grüne säuseln hören, wie schön es für sie war, dass sich Van der Bellen als Schluchtenscheißer, schon gut, als Wanderer in der Heimat hat abbilden lassen. Ja, Klavierspielen müsste man können und aus Tirol müsste man sein. Von der ›Heimat‹, die als Deckname für Rassismus gedient hat und dient, rate ich nicht ab, weil man mit ihr sentimental verschleiern kann, worum es politisch geht. Was kann man nicht alles missbrauchen, und außerdem erkennt man bei der Heimat den Schmäh ja sofort.

Aber die exklusive Apotheose des Eigenen und der Eigenen unter ›Heimat‹ ist nicht zwangsläufig. Dass die Autochthonen immer zuerst kommen und der Rest der Menschheit abfällt, muss in der Heimat nicht sein. Nichts hat mich im Leben so sehr getröstet wie sie. Als kleinstes Rädchen im Jägerbataillon 4 sang ich aus vollem Herzen beim Ausmarschieren (La République en Marche): ›Nun gehts ans Abschiednehmen
/ wir ziehn hinaus ins Feld.
/ Wir wollen flott marschieren,
die Waffen mutig führen:
Gloria, Gloria, Gloria Viktoria!
/ Mit Herz und Hand fürs Vaterland, fürs Vaterland! –/
Die Vöglein im Walde,
die singen ja so wunderschön,
in der Heimat, in der Heimat, da gibts ein Wiedersehn.‹

Naja, diese scharfe Fassung haben wir nicht gesungen, wir hatten eine gemilderte Variante (so wie die Soziale Heimatpartei mit gemilderten Varianten aufmarschiert). Aber den Refrain sang ich mir aus der von den vielen Zigarettenpausen verrauchten Lunge: In der Heimat, in der Heimat, da gibt’s ein Wiedersehen. Hier bin ich wieder in der Heimat, nämlich an der Stelle, an der ich wie hypnotisiert wiederhole, wo war denn Wolfgang Schüssel, wo war er denn, während ich diente: ›Wolfgang Schüssel war als Referent für den ÖVP-Parlamentsklub unabkömmlich.‹ Später hat der unabkömmliche Patriot in Haiders Porsche Platz genommen. Der Mann war sogar als Bundeskanzler ersetzbar, wie sollte er als Referent unabkömmlich gewesen sein?

Auch das ist die Heimat, der gegenüber ich zur Vorsicht rate, obwohl ich meine Heimat liebe und ihr im Jägerbataillon gedient habe: Meine Heimat ist aber nicht die von Schüssel. Die Ideologen der Heimat, die den sentimentalen Begriff politisch scharf machen wollen, versuchen der Bevölkerung eindeutige Rituale einzuhämmern. Ihre Bierzelte und Lederhosen, ihr Alpenglühen, ihr Fremdenhass (getarnt als Liebe zur Heimat), ihr schlechtes Deutsch (getarnt als Bodenständigkeit, als ›Dialekt‹), das ist gar nicht die Heimat, sondern ein primitives Destillat aus ihr, das man den Leuten vor die Nase presst wie eine Chloroformpackung. Die Typen propagieren ein bestimmtes Bild von Heimat, das für Heimat überhaupt stehen soll, und vor dem sich alle verneigen sollen wie vor Gesslers Hut.

Nichts ist schnöder, als seinen Mitbewerbern ihre Fehler vorzuhalten, macht man doch selbst andauernd welche. Aber dass ich das noch erleben konnte … Nein, ich glaub’s gar nicht, und das Belegexemplar habe ich verlegt. Das gibt’s ja nicht, sowas kann doch keiner geschrieben haben, noch dazu im Qualitätsblatt, aber, hol’s der Teufel, ich hab’s im Internet wieder gefunden: Gerfried Sperls erleuchtete Kolumne über Kurz: ›Kurz hat zwar mit 35 Prozent in den Umfragen ganz schnell den ersten Platz erobert, aber die Mühen der Ebene (© Jörg Mauthe) warten noch auf ihn.‹

Ein Plural weniger auf der Welt schadet nicht. Es heißt aber richtig: ›die Mühen der Ebenen‹, und man kann nicht genug Ebenen haben, will man sein Niveau nicht nur vortäuschen. Alles nicht so schlimm, aber die Wendung von den Mühen ausgerechnet Jörg Mauthe zuzuschreiben, verdient ein eigenes Copyright: © Gerfried Sperl. Ach, Mauthe war schon in Ordnung, seinerzeit, er war Schriftsteller, Kulturpolitiker, Fernseh­serienautor, er war einer der Verbreiter der Ideologie, die ich Austriazismus nenne: Der Austriazist glaubt fest an die Überlegenheit Österreichs, zum Beispiel auf dem Gebiete des Austarierens von Konflikten, und er empfiehlt der Welt, wie es Jörg Mauthe tatsächlich getan hat, ›die Verösterreicherung.‹

Mauthe starb 1986, Gott sei ihm gnädig, er wird die Gnade brauchen, wenn ihm ein Qualitätsblatt auf Erden das Gedicht eines Atheisten unterschiebt, das mit einem Zweizeiler in der zweiten Strophe zum Ende kommt: ›Die Mühen der Gebirge liegen hinter uns / Vor uns liegen die Mühen der Ebenen.‹ Gewiss, das murmelt Van der Bellen vor sich hin, während er auf dem Wahlplakat vom Hochgebirge ins Tal hinuntersteigt. Aber einem Austriazisten wie Jörg Mauthe darf man es nicht in den Mund legen: Brechts Gedicht ›Wahrnehmung‹ aus dem Jahre 1949 meinte die DDR, die das Schlimmste, nämlich den Nationalsozialismus, überstanden hatte. Danach kamen die Mühen der Ebenen.

Wer bestimmte Analogien zwischen Nationalsozialisten und FPÖ übersieht, verharmlost letztere.

Ja, wir leben in historischen Zeiten, schon allein, weil sie vergehen werden und dann endlich Geschichte sind. Die Koalitionsaspiration der SPÖ, eventuell auch ein Stück gemeinsamen Weges mit der FPÖ zu gehen, halte ich für einen historischen Wendepunkt. Mit diesem zögerlichen Sich-Anbieten und dem zaudernden Verweigern zugleich besiegelt die SPÖ das Ende des Sinnes ihrer Existenz. Das mag sicher alles weiter existieren, aber eine zurecht stolze Partei macht sich tödlich lächerlich. Der Wahlkampf­aphoristiker und Politiklyriker Herbert Kickl hat den Eiertanz um den so genannten ›Kriterienkatalog‹ richtig analysiert: Es ist ›eine SPÖ-Nabelschau zum Zweck des eigenen Machterhalts‹, was ja sein muss, denn wer verfettet ist, sieht den eigenen Nabel nur schwer.

Robert Misik hat’s gesagt, und er kriegt den Ausspruch nicht in die Tube zurück: Rot-Blau wäre weniger unappetitlich als Blau-Schwarz. In meinen Augen nicht: Blau-Schwarz passt harmonisch zusammen und könnte im wunderbaren Türkis aufgehen. Kurz zeigt, dass eine unserer Journalistenphrasen auch nur so dahergeschrieben war: Die Leute gehen sehr wohl zum Schmiedl, wenn ihnen der Schmied in Gestalt der FPÖ manchmal unheimlich ist: Den Extremismus maßvoll, als ›die Mitte‹ erscheinen zu lassen, darin ist Strache nur der Schmiedl, der türkise Kurz hingegen der Schmied.

Rot-Blau ist unappetitlicher, weil es zum Kotzen ist, wenn zusammenwächst, was eine Zeit lang absolut nicht zusammengehörte. Dabei habe ich in einer DATUM-Glosse die unappetitliche Vereinigung als unvermeidlich in Aussicht gestellt. Sie wird kommen, weil es nicht anders geht: Es geht bei unserer Art von Demokratie nicht, dass eine der Ex-Großparteien zwei Optionen hat und die andere nur eine. Niessl, der burgenländische Politroboter, spricht es aus in seiner Einfachheit, die erfolgreich an Primitivität heranreicht: Die SPÖ müsse sich der FPÖ gegenüber öffnen, mit der FPÖ verhandle die ÖVP schon längst, und wenn die SPÖ nicht nachzieht, dann sitzt sie auf der Oppositionsbank.

Die Kunst der Politik besteht aber nicht darin, zu virtuosen Wendehälsen zu werden, weil man vom Erfolg der anderen, koste es was es wolle, bis zur Selbstentleibung, mitparasitieren möchte. Politik hat damit zu tun, dass man seine Ideen auch gegen Widerstand durchzusetzen versucht. Als Skelett der eigenen Tradition an der Macht festzuhalten, ist, auch weil man die Würmer schon an den Knochen nagen sieht, unappetitlich.

An dieser Stelle sage ich nichts Schlechtes über die FPÖ. Mit den Nationalsozialisten kann man sie nicht vergleichen. Das verharmlost die Nationalsozialisten, aber wer bestimmte Analogien übersieht, der verharmlost wiederum die FPÖ. So schwer fällt Politik. Eine Strategie aus dem Dilemma ist die Banalisierung der FPÖ: ›Rot-Blau – na und?‹ hieß ein Artikel der von mir sehr geschätzten Martina Salomon im ›Kurier‹. Sie hat wahrscheinlich recht: ›Ja, einige Dutzend Funktionäre, etliche Schriftsteller, Kabarettisten und Schauspieler würden – enttäuscht über ihre politische Heimat – wütende Interviews geben. Für die SPÖ deutlich wichtiger ist, dass die Simmeringer und Ottakringer Roten hinter ihr ­stehen. Michael Häupl, das (taktische) Bollwerk gegen eine blaue Regierungsbeteiligung, ist ohnehin bald Geschichte.‹

Da ist sie wieder, die Geschichte. Es könnte aber sein, dass Frau Salomon nicht recht hat, und dass es auch schon wurscht ist, ob Simmering oder Ottakring hinter der Partei stehen. In Frankreich (ich weiß, ganz andere Umstände!), wo jetzt das interessante Experiment einer offenen, durch Wahlen herbeigeführten Diktatur des Liberalismus vorbereitet wird, ist eine durch die eigene Herrschaft ausgehöhlte und entleerte Sozialdemokratie in der Bedeutungslosigkeit angekommen. ›Die Vranitzky-Doktrin‹, sagt Anton Pelinka ebenfalls im ›Kurier‹, ›ist tot. Sie hat für mehr als drei Jahrzehnte der SPÖ die relative Mehrheit gesichert, die Ausnahme war die Wahl 2002. Jetzt wird diese Doktrin Geschichte. Vielleicht ist damit aber auch die SPÖ als Mehrheits­partei Geschichte.‹

Da hat diese Partei also ihre zwei Optionen: Mit der FPÖ wie mit jeder anderen Partei vielleicht die Mehrheit haben oder als Mehrheitspartei wegen der FPÖ Geschichte sein. Dass Vranitzky gesagt haben soll, es habe eine nach ihm zu benennende Doktrin nie gegeben (es seien halt damals andere Mehrheitsverhältnisse gewesen), lässt mich befürchten, dass man nicht einmal rückwärts­gewandt Rückgrat zeigen will.