Kokain, Kaffee und Killer

Durch die kolumbianische Hafenstadt Buenaventura verläuft eine unsichtbare Grenze. Wer sie übertritt, muss sterben.

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Fotografie:
Stefan Krauth, Angela Salgado
DATUM Ausgabe September 2017

Die Blutspritzer in den Hütten zeigen den Forensikern die Bewegungen des Tatwerkzeugs, sie zeigen ihnen, wo die Machete sich nach oben und wo sie sich nach unten bewegt hat. Wenn sie erst spät an den Tatort kommen, bestreichen sie die Bretterwände mit Luminol, um das Blut sichtbar zu machen. Aus den Wurzeln der Mangrovenbäume ziehen Fischer dann vielleicht Plastiktüten mit abgeschlagenen Füßen oder Köpfen, aber viel wahrscheinlicher ist, dass sie die Leichenteile nicht finden.

Manchmal kommen die Forensiker früher. Dann finden sie in den Hütten Knochenstücke und blutdurchtränkte Kleidungsstücke. Wie bei Tatiana Parra. Killer der ›Los Urabeños‹, des einflussreichsten Drogenkartells Kolumbiens, haben die Jugendliche, die auch Sol, Sonne, genannt wurde, bei lebendigem Leib mit einer Machete in Stücke gehackt, weil sie mit dem konkurrierenden Clan ›La Empresa‹ zusammengearbeitet haben soll. Das erzählte der Chef der Gerichtsmedizin im Dezember 2014 der kolumbianischen Zeitschrift El Espectador. ›Ich war in einem Hackhaus‹, lautet der Titel über dem Bericht. Casas de pique, Hackhäuser, nennt man in Buenaventura die Holzhütten am Strand, in denen die Paramilitärs ihre Opfer zerstückeln. Nachbarn berichten von den Schmerzensschreien, die sie nächtelang nicht schlafen lassen und davon, dass sie sich nicht trauen, die Polizei zu rufen.

II.
Buenaventura heißt ›Glück‹ oder ›Wahrsagung‹ auf Spanisch. In Kolumbien steht der Name für den heute privatisierten Pazifikhafen, von dem aus der Reichtum des Landes – Kaffee, Kohle, Gold, Tropenhölzer – verschifft wird, aber auch für die Hackhäuser. Sie liegen nur ein paar hundert Meter entfernt von den Containern mit den wehenden ›Hamburg Süd‹-Fahnen, dem Logo dieser Reederei.

Achtzig Prozent des kolumbianischen Kaffees wird von hier aus exportiert, sechzig Prozent des Außenhandels abgewickelt. 2016 hat der Hafen 911.533 Container, rund zwanzig Fuß lang, verladen. Dabei ist nicht nur Kaffee und Kohle in den Kisten, sondern – als Schmuggelware, tonnenweise – auch Kokain. Die Nachfolgegruppen der unter Ex-Präsident Álvaro Uribe nur halbherzig entwaffneten Paramilitärs, Angehörige der Urbañeros und von La Empresa, kontrollieren die Schmuggelrouten. Sie kämpfen bis heute um die Vorherrschaft in der Hafenstadt.

Im Jahr 2013 lag die Mordrate laut Staatsanwaltschaft bei 50,71 Tötungen pro 100.000 Einwohnern; landesweit waren es 30,3. Im Frühjahr 2014 wurden innerhalb von 15 Tagen Dutzende Leichenteile an den Strand gespült – und schließlich die Hackhäuser entdeckt. Seitdem sinkt die Tötungsrate. Doch die Angaben über Ermordete und Verschwundene widersprechen sich. Viele Verbrechen werden aus Angst nicht angezeigt. Wer um die Korruption und die Schlampereien kolumbianischer Behörden weiß, hat kein Vertrauen in sie und ihre Statistiken.

Der Reichtum, der durch den Hafen läuft, ist zu verführerisch für den schwachen kolumbianischen Staat. Korruption gehört zum Amtsgeschäft. Die örtliche Niederlassung der DIAN, der Steuer- und Zollbehörde, ist das bei Zollbeamten beliebteste Büro im Land. Sie bestechen ihre Vorgesetzten, um nach Buenaventura versetzt zu werden.

Obwohl die Stadt von sieben wasserreichen Flüssen umgeben ist, fließt nur für wenige Stunden am Tag Wasser in den Wohnungen und Häusern. Der Großteil versickert in den maroden Leitungen. Die Stadtverwaltung ist hoffnungslos korrupt. Vor einigen Jahren wurde das letzte Krankenhaus geschlossen. Nur die Hälfte der gut 400.000 Einwohner hat Abwasserleitungen in den Häusern. Laut einem Bericht der BBC vom 21. Mai 2017, beträgt die Arbeitslosenquote 62 Prozent. All das hat die kolumbianische Tageszeitung El Tiempo zum Urteil veranlasst, Buenaventura gleiche einer ›europäischen Stadt von vor 500 Jahren‹. Miguel Ruiz, Geschäftsführer des Hafens, der von der in Barcelona ansässigen Grup Maritím TCB betrieben wird, äußert sich im Fachmagazin World Cargo News hingegen zufrieden: Der Terminal in Buenaventura sei einer der produktivsten an der Pazifikküste Südamerikas mit durchschnittlich dreißig Bewegungen pro Kranstunde.

III.
Morgens um sieben sitzen wir im Flugzeug von Bogotá nach Buenaventura. Der 22 Tage andauernde Generalstreik ist zwei Tage zuvor, Anfang Juni 2017, ausgesetzt worden. Die Bevölkerung hatte die Zufahrt zum Hafen so lange blockiert, bis die Regierung Geld für Bildung, Wasser und ein neues Krankenhaus versprach. Jeder Streiktag richtete laut BBC einen Geschäftsschaden von mehr als vier Millionen US-Dollar an.

Das Flugzeug ist zirka zur Hälfte besetzt. In den Reihen vor mir sitzen drei muskulöse Texaner mit Schnauzbärten, die sehr viel olivfarbenes Gepäck aufgegeben haben. Auf der bunten Sicherheitstafel auf der Lasche des Sitzes ist unser Propellerflugzeug abgebildet. 48 Passagiere passen hinein. Der Flug dauert fünfzig Minuten und bringt uns von knapp 3.000 Metern Seehöhe hinunter an die Pazifikküste. Wir überfliegen die Ausläufer der Anden, dann zieht im Landeanflug ein Teppich aus dichtem Regenwald unter uns vorbei. Dazwischen glitzern braune Flüsse wie Schlangenhäute. Als sich die Flugzeugtür öffnet, dringt der Geruch von warmer, feuchter Erde in die Kabine.

IV.
Im Taxi zum Hotel sind wir unvorsichtig. Wir hatten uns vorgenommen, niemandem zu erzählen, dass wir wegen des Streiks hier sind, aber es stellt sich heraus, dass auch der Taxifahrer ein Aufständischer war. Er zeigt uns die Stellen der Straßensperren und Geschäfte, die geplündert wurden. ›22 Tage Streik und 18 Tage Tränengas‹, das die staatliche Aufstandsbekämpfungseinheit Esmad gegen die Streikenden eingesetzt habe, sagt er. Wir fahren über die Brücke, die Buenaventura mit dem Festland verbindet.

Das Hotel Cosmos Pacífico liegt neben dem Hafen. Der schwarze Junge an der Rezeption wirkt in seiner Uniform wie verkleidet. Die Hände in den Hosentaschen, fragt er mich, was mich nach Buenaventura führe. ›Die Strände‹, sage ich. In der Poolbar im 14. Stock höre ich das dumpfe Aufeinanderschlagen der Container. Die Containerbrücken bewegen sich auf Schienen hin und her, die Krananlage ist zum Greifen nah. Es ist einer der seltenen Sonnentage an der Pazifikküste. Im Vormittagslicht leuchten die Container, die wie bunte Bauklötze unter mir liegen.

Während meine Begleitung Schlaf nachholt, lese ich den Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch über Buenaventura. Zwischen Jänner und Oktober 2013 wurden 13.468 Personen innerhalb der Stadt gewaltsam vertrieben. Andere Quellen berichten von über 152.000 Vertreibungen zwischen 1990 und 2014. Anfang der 1990er Jahre wurde der Hafen privatisiert. Ein Zusammenhang ist so greifbar wie das Nebeneinander von Containertürmen, mit Reihen von Stacheldraht gesichert, und Armensiedlungen, die nur ein paar Schritte weiter entfernt liegen. Und so offensichtlich wie die völlige Loslösung des Hafens vom Rest der Stadt, als hätte das eine – das Hochsicherheitshandelszentrum – mit dem anderen – der Gewalt und der Armut, die in den barrios, den angrenzenden Armenvierteln, herrscht – nichts zu tun. Oder eben so viel, dass die Offensichtlichkeit das Begreifen schon wieder stört. La Empresa und Los Urabeños sind es, die die barrios kontrollieren. Die Banden, die sich aus den nur formal aufgelösten Paramilitärs bildeten, teilen sich die Stadt auf, vertreiben Menschen aus ihren Wohngebieten.

Unsichtbare Grenzen durchziehen die Viertel. Das Überschreiten bedeutet ein Todesurteil. In den von den Clans kontrollierten Stadtteilen zeigt sich kaum einmal die Polizei. Bewohner, mit denen die Menschenrechtsorganisation gesprochen hat, sagen, dass sie regelmäßig Polizisten und Soldaten im freundschaftlichen Gespräch mit Paramilitärs sehen würden. Dann schaue ich im Internet ein Video des Vice-Magazins an, in dem ein neunzehnjähriger Killer der Urabeños erzählt, wie er beim Zerstückeln seiner Opfer vorgeht: Zuerst zerhackt er den Kopf mit einer Machete, dann die Hände und schließlich die Füße ab. Beim ersten Mal war er fünfzehn. Wenn er fertig ist, uriniert er auf den Leichnam und springt drei Mal über ihn. Das befreie ihn von seiner Schuld, sagt er. Ich bin mir nicht sicher, ob das Interview echt ist. Um seinen Kopf hat er ein graues T-Shirt gewickelt. Die Augenpartie ist erkennbar. Warum sollte er das Risiko eingehen? Doch da sind seine Augen, sie wandern ruhelos umher und flackern auf, wenn er spricht. Beim Reden scheinen sich die Zerstückelungen vor seinem inneren Auge wieder abzuspielen und beim Zuhören nimmt mich die Grausamkeit in den Bann. Sie hat etwas Dunkles und Getriebenes, das sich jeder moralischen Bewertung zu entziehen scheint.

Etwa neunzig Prozent der Bewohner der kolumbianischen Pazifikküste sind Nachfahren afrikanischer Sklaven. Synkretistische Religionen wie die aus Westafrika stammende Santería sind weit verbreitet. Ihre Anhänger glauben: Wenn Angehörige ihren Toten mit zusammengebundenen Daumen und Zehen begraben, findet seine Seele erst Ruhe, wenn der Mörder bestraft ist. Deswegen, so José Correa, der Polizeichef Buenaventuras in einem Interview, werden den Opfern die Hände und Füße abgehackt.

V.
Ich bekomme Hunger. Die Begleitung wacht auf und wir fahren zum Fischmarkt. Im Taxi ermahnt sie mich, die Sonnenbrille und die Schirmmütze nicht abzunehmen und nicht zu sprechen. Ich bin der einzige Weiße weit und breit. Im Schatten der Galerie essen wir Cazuela, eine Suppe aus Meeresfrüchten, dazu Reis, pürierten Haifisch und frittierte Bananen. ›So gefährlich die Stadt ist, so gut ist das Essen‹, hat mir eine ortskundige Freundin eben geschrieben. Das Licht der Mittagssonne fällt in senkrechten Strahlen durch die Löcher in den Markisen. Ansonsten ist es eng und es riecht modrig. Jugendliche in zerrissenen Hemden tragen Paletten voller Eier vorbei, immer wieder, in einer scheinbar endlosen Reihe. Hinter uns, an der Kreuzung zweier Marktgassen, steht ein Soldat mit dem Finger am Abzug des Maschinengewehrs. Ich hatte erwartet, dass es laut sei, dass der Markt voller Rufe und dumpfem Gemurmel sein werde, aber es ist beinahe still. Ich höre nur das Geräusch der Holzlöffel in den Töpfen über dem Feuer und den Wind, der über die Markisen weht. Niemand spricht, nicht einmal Musik ist zu hören. Meiner Begleiterin schmeckt das Haifischpüree nicht. Sie schiebt mir den Teller zu, dann gehen wir zum Platz vor dem Hotel zurück.

VI.
Dort sitzen die Teilnehmer des Umzugs im Baumschatten. Auf ihren weißen T-Shirts steht das Motto des Generalstreiks: ›¡El pueblo no se rinde, carajo!‹ – Das Volk ergibt sich nicht, verdammt! Als wir einen Ansprechpartner suchen, werden wir an Javier Arias verwiesen. Der 39- Jährige führt uns an einen Tisch im Restaurant ›El Puerto‹. Er beginnt zu erzählen, vom Wasser, das fehlt, vom aufgegebenen Krankenhaus, von der alles auffressenden Korruption, davon, wie eine Mutter ihr schwerverletztes Kind 150 Kilometer weit bis nach Cali bringen musste und von der Gewalt der Paramilitärs, die alles Leben im Griff hat. Vom Schulsystem, von dem nach der Privatisierung nur noch ein Gerippe übrig ist – und schließlich davon, wie sie als Streikende Anfang Mai morgens um vier losgezogen sind, um die wichtigen Punkte der Zufahrtsstraße zu besetzen. Er war auf der Brücke El Piñal, die das Festland mit der Insel verbindet. ›Es war wie ein Volksfest. Wir haben Fußball gespielt und Marimbas herangekarrt. Die Nachbarn haben uns Zelte und Kaffee gebracht.‹ Am vierten Tag kam die Esmad. Um fünf Uhr nachmittags haben sie begonnen, mit Gummigeschossen und Tränengasgranaten zu schießen. Auf einem Blatt Papier zeichnet Javier eine Skizze der Brücke und der umliegenden barrios. Er zeichnet mit einer Linie seinen Weg nach Hause ein. Mit dem Motorrad wollte er zu seiner Frau und den beiden kleinen Kindern, als ihn ein Gummigeschoss an der Schläfe traf. Er zeigt uns die Fotos seines geschwollenen Schädels und sagt, dass die Agenten der Aufstandsbekämpfungseinheit gerufen hatten: ›Schießt auf die verdammten Nigger!‹

Währenddessen kommen immer wieder Leute an den Tisch und beginnen unvermittelt zu sprechen. Ohne uns anzuschauen und ohne gefragt zu werden, reden sie von Buenaventura und dem Hafen, den kriminellen Banden und der Korruption und gehen dann wieder weg. Eine Frau sagt, sie habe sechs Söhne. Aufgrund der Gegebenheiten könne keiner von ihnen hier leben. Sie erzählt, wie sie den Streik über zwei Jahre geplant haben, im Februar 2014 begannen die ersten Treffen, weil es immer schlimmer wurde und sich in Bogotá niemand für die Menschen in Buenaventura interessiert habe. Über einhundert Gruppen haben sich schließlich daran beteiligt, von der Gewerkschaft der Lastwagenfahrer bis zum Bischof.

Ein Mann tritt an den Tisch. Er ist um die dreißig, das weiße T-Shirt spannt über dem Bauch. Ein goldfarbenes Basecap ist tief in die Stirn gezogen. Er heißt Juray. Mit wiegenden Bewegungen und tiefer Stimme erzählt er, wie die Esmad Plünderungen inszenierte. Der Aufstandsbekämpfungseinheit werden immer wieder übermäßige Gewaltanwendung und Übergriffe unterstellt. Die Polizei sei erst gekommen, als zu Mitternacht schon alles vorbei war.

Wir sind umringt von weißen T-Shirts und schwarzen, gestikulierenden Händen. Die Blicke der Sprechenden gehen an mir vorbei, es ist, als würden sie auf einer Bühne stehen und zu niemandem und allen gleichzeitig sprechen. Die Frau mit den sechs Söhnen kommt wieder und sagt, dass das Unternehmen, das den Hafen betreibt, die Pensionen veruntreut habe und die Hafenarbeiter nach all den Jahren der Plackerei nun ohne jede Rente dastünden.

›So gefährlich die Stadt ist, so gut ist das Essen‹, hat mir eine ortskundige Freundin geschrieben.

Javier erzählt, dass im barrio La Inmaculada, ›Die Unbefleckte‹, Kohle lagert, bevor sie verladen wird. Die Kohleberge seien höher als die Häuser und die Kinder spielten direkt daneben. Für die Bewohner stellen sie eine Gesundheitsbelastung dar – und sind zugleich Ausdruck der Gleichgültigkeit der Stadtverwaltung.

Ich will wissen, ob sie jetzt, nachdem sie so in der Öffentlichkeit stehen, keine Angst hätten. Javier und Juray schauen einander kurz an. Sie scheinen selbst erschrocken über das, was sie ausgelöst haben, aber auch stolz. Man merkt ihnen an, dass sie keine politische Erfahrung haben. ›Die Repression wird kommen, sicher. Die Interessen sind zu groß‹, sagt Javier. Aus dem Hintergrund fügt ein Mann hinzu: ›Die Leute verschwinden weiter‹, und macht eine Handbewegung in Richtung der barrios. Wir wollen wissen, ob sie zufrieden sind mit dem Abkommen mit der Regierung, in dem sich der Staat verpflichtet, in Infrastruktur und Gesundheitsversorgung zu investieren. ›Klar. Aber zuerst müssen wir schauen, dass sich die Regierung an die Versprechen hält. Wenn nicht, wird der Hafen wieder blockiert.‹ Dann brechen alle auf. Sie gehen zu einer Veranstaltung mit dem Gewerkschaftsdachverband CUT.

VII.
Das Treffen ist im Club Buenaventura. Weiße Plastiktische und Monobloc-Stühle sind im schmucklosen Raum verteilt. Vorne steht ein langer Tisch, auf dem Papiertischtuch eine Reihe Mikrofone. Mit Verspätung beginnt ein Universitätsdozent aus der Hauptstadt über die Zusammenarbeit von Universitäten und Arbeitern im Streik zu erzählen. Der Vortrag ist langatmig und geschwollen, alles erinnert an eine sozialdemokratische Hinterzimmerveranstaltung. Einige Zuhörer nicken ein; wir verabschieden uns.

Es beginnt zu regnen und der Regen verwandelt sich in einen Wolkenbruch. Die Texaner aus dem Flugzeug kommen uns entgegengelaufen, sie sind inzwischen zu fünft. Mit einer Flasche Rotwein in der Hand verschwinden sie in die Nacht, noch bevor ich sie fragen kann, was sie eigentlich hier machen. Die schweren, warmen Regentropfen spritzen im Schlamm bis zu meinen Knien hoch. Wir gehen in die Discoteca Krystal, vor der wir zufällig stehen.

VIII.
Ich spüre einen Metalldetektor über meine Hosenbeine und den Rücken fahren, meine Begleitung darf ohne Kontrolle eintreten. Drinnen ist es ohrenbetäubend laut. Wir bestellen per Handzeichen eine Flasche Rum, Sprechen ist unmöglich. An den Tischen und auf der Tanzfläche sind nur Pärchen. Sie tanzen eng umschlungen, die Füße bleiben auf dem Boden, nur die Hüften bewegen sich. Die Turnschuhe sind alle weiß und alle sauber und ich frage mich, wie bei dem Regen und dem Schlamm die Schuhe so makellos bis in die Disco Krystal gekommen sind. Vor den Toiletten sitzt ein Aufpasser. Er achtet vielleicht drauf, dass niemand Drogen nimmt oder zu zweit in die Kabinen geht, ich weiß es nicht, jedenfalls verwaltet er auch die Seife. Als ich meine Hände unter den Wasserstrahl halte, drückt er mir etwas von der giftgrünen Flüssigkeit in die Handfläche und klopft mir dann auf die Schulter.

IX.
Am nächsten Tag fahren wir mit einem Boot um die Insel. Die Rümpfe der Frachtschiffe ragen neben uns in die Höhe wie Hauswände. Es regnet immer noch. Der Beton der Hochhäuser ist über Nacht dunkel vor Feuchtigkeit geworden. Bald kommen wir an den barrios de baja mar vorbei, den Pfahlbausiedlungen, die die Landlosen zur Landgewinnung über dem Meer gebaut haben. Bei Ebbe stehen sie auf dem nassen Sand, bei Flut sind die Holz­pfähle vom Wasser umspült. Im Bericht des Gerichtsmediziners habe ich gelesen, dass die Mörder bei Flut direkt von den Hackhäusern ins Meer springen, wenn die Polizei kommt. Manche haben statt Holzplanken Wahlplakate und aufgerissene Mülltüten als Wände improvisiert.

X.
Juray wollte uns am Nachmittag ins barrio La Inmaculada bringen, aber es regnet zu stark. Als der Regen nachlässt, wird es schon dunkel. Am nächsten Tag reisen wir ab. Meine Begleitung ist nervös, weil wir mitten auf dem Platz vor aller Augen so lange mit Javier und seinen Freunden gesprochen haben. Je länger wir bleiben, umso gefährlicher wird es. Auf dem Weg zum Flughafen wollen wir dennoch die Kohleberge und das barrio La Inmaculada besuchen. Aber als wir beim Frühstück sitzen, schreibt uns die ortskundige Freundin. Es sei gefährlich und bloß mit jemandem aus dem Viertel könnten wir dort hinein. Victor, der Taxifahrer, bietet uns an, vor dem Viertel zu halten. Er begleitet uns bis auf die Fußgängerbrücke. Von hier aus kann ich den Kohleberg sehen. Auf der anderen Seite der Straße liegt das barrio. Ich gehe näher heran. Hier verläuft irgendwo die unsichtbare Grenze. Kinder spielen zwischen den Hütten Fußball, gleich dahinter stapeln sich die Hapag-Lloyd-Container und ich sehe die Krananlage, von der aus man alles überblickt. Wahrscheinlich werden wir jetzt schon beobachtet. Victor und meine Begleitung bleiben auf der Mitte der Fußgängerbrücke stehen, ich gehe weiter. Schnell mache ich ein paar Fotos und will zurück zum Taxi, doch irgendetwas zieht mich an. Ich mache noch einen Schritt auf die unsichtbare Grenze zu. Dort unten, am Rand der Landstraße, werden die Jugendlichen als Bandenmitglieder rekrutiert. Tag und Nacht rollen die Container vorbei, von denen sie nichts haben, bloß eine zerstörte Stadt, die sie zur Beute macht.

›Wenn es nicht regnet, liegt über allem eine Schicht aus Kohlestaub‹, sagt Victor, als er den Motor wieder startet. Alle hier hätten eine ›Staublunge‹. Auch er war am Streik beteiligt. Wenn die Regierung sich nicht an ihr Versprechen halte, will er es wieder tun. Von der Hauptstraße führt eine Schotterpiste zum Flughafen. Er ist nur ein paar Stunden in der Woche geöffnet. Das Gepäck wird mit der Hand durchsucht. Mit uns warten sieben schwarze Jugendliche mit kahlgeschorenen Köpfen auf das Flugzeug nach Bogotá. Auch eine junge Frau kommt in den Wartesaal. Sie trägt einen blauen Kittel mit der Aufschrift ›Armeepsychologin‹.