Landflucht

Junge Frauen verlassen Österreichs Dörfer Richtung Stadt. Ich bin eine davon.

DATUM Ausgabe Juli/August 2019

Ich weiß nicht mehr genau, wann mir klar wurde, dass es an dem Ort, an dem ich aufgewachsen bin, keine Zukunft für mich gibt. Vielleicht wusste ich es schon mit zehn, als ich mir diese kitschige Postkarte auf meine Zimmertür klebte, auf der mit großen handgeschriebenen Lettern ›Jede erfolgreiche Frau hat einmal klein angefangen‹ stand. Vielleicht war es auch erst mit elf, als ich meinen ersten Berufswunsch, nämlich Lehrerin zu werden, über Bord geworfen hatte. Um mich war keine Frau, die einen Job hatte, der mich ansprach.

Ich wollte keine Bäuerin sein, nicht an der Supermarktkassa stehen, daheim im Haushalt arbeiten und drei Kinder erziehen, keine Friseurin werden wie meine Nachbarin oder Krankenschwester wie meine Tante. In den Arztpraxen am Land und in den Chefbüros der Unternehmen saßen überall Männer. Sie waren die Schuldirektoren und Wirtshausbesitzer, die Kapellmeister, Polizeichefs und Bürgermeister, sie übernahmen die Bauernhöfe ihrer Eltern. Mit 14 war mein Entschluss gefasst. Ich wechselte aufs Gymnasium in der nächstgelegenen Stadt, um so schnell wie möglich die Matura zu machen. Dann war ich weg.

Wer die Dorfgemeinschaft verlässt, das war mir damals noch nicht bewusst, entscheidet sich nicht nur selbst für ein anderes Leben, sondern auch gegen das Leben der anderen. Wer einmal gegangen ist, gehört nie wieder ganz dazu und kommt vom Dorf doch nie gänzlich los. 

Als ich vor zehn Jahren aus meinem Heimatort geflüchtet bin, waren diese Frauen an den Supermarktkassen, die Bäuerinnen und Kellnerinnen meine netten Nachbarinnen und Mütter meiner Freundinnen, aber auch Teil einer Lebenswelt, der ich entkommen wollte. Ich habe erst viel später von ihren versteckten Kämpfen erfahren, von den unerfüllten Berufswünschen,  von ihren sprachlosen Ehemännern und den sozialen Normen, die ihnen ihre Schwiegermütter auferlegten. Von den vielen einsamen Stunden. Wie ein Schutzschild standen sie über uns Töchtern und versuchten, uns so gut sie es konnten von all dem abzuschirmen. Heute weiß ich, dass mir all diese Frauen ein Stück weit bei meiner Flucht geholfen haben. 

Die Geschichte von schrumpfenden Dörfern, von Menschen, die es vom Land ohne Perspektiven in die Städte zieht, ist oft erzählt worden. Landflucht ist mittlerweile ein europäisches Phänomen und Europa ein Kontinent voll leerer Flecken, in denen weniger und weniger Menschen leben. Wer durch die obersteirischen Bezirke oder das nördliche Waldviertel fährt, kommt an verwaisten Wohnhäusern, leerstehenden Industriegebäuden und aufgelassenen Geschäftslokalen vorbei, an Dörfern, die in den vergangenen Jahrzehnten ein Viertel ihrer Einwohner verloren haben. 

Der Charakter der Abwanderungsbewegung wurde lange Zeit von der Forschung vernachlässigt und von der Politik ignoriert. Erst vor wenigen Jahren machten Wissenschaftlerinnen an der Wiener Universität für Bodenkultur mit mehreren Studien einen bedeutenden Aspekt sichtbar: Abwanderung ist in Österreich weiblich geprägt. Es sind vor allem junge Frauen, die gehen, während Dörfer zurückbleiben, in denen bis zu 40 Prozent mehr Männer als Frauen im Alter zwischen 20 und 29 Jahren leben. 

Das ländliche Österreich ist nach wie vor eine Männerdomäne. Für Frauen, die Bildungsgewinnerinnen der vergangenen Jahre, fehlt es an adäquaten Jobs und Kinderbetreuungseinrichtungen. Sie reiben sich an der Enge des Dorfes und seinen patriarchalen Strukturen. Meist brechen die Frauen aus all diesen Gründen auf und kehren dem Land den Rücken – vorausgesetzt, sie haben überhaupt die Möglichkeit dazu. Ich hatte sie. 

Ich bin auf einem Bauernhof zwischen saftigen Wiesen und dunklen Wäldern aufgewachsen, in einem Haus mit wenigen Büchern und viel Liebe. Meine Kindheit war schön. Es gab Kühe und Hühner, Katzen, Hasen, Schweine, einen Bach hinter dem Haus. Ich lebte mit meinen Eltern, meinen beiden Schwestern und mit meiner Großmutter unter einem Dach. 

Vor wenigen Jahren machten Wissenschaftlerinnen an der Wiener Universität für Bodenkultur mit mehreren Studien einen bedeutenden Aspekt sichtbar: Abwanderung ist in Österreich weiblich geprägt.

Mein Heimatdorf liegt zwischen dem Wechselgebirge und dem Masenberg in der nördlichen Oststeiermark. zweimal täglich fahren Busse durch den Ort, die nach 45 Minuten die nächstgelegene Stadt erreichen. Etwas mehr als tausend Einwohner verteilen sich auf 18 Quadratkilometer, ungefähr drei Viertel davon sind Mitglied in einem der örtlichen Vereine: dem Tennisclub, dem Fußballverein, der Feuerwehr, der Musikkapelle, dem Bauernbund, dem Seniorenbund, dem Kirchenchor, der Jagdgesellschaft, den Wander- oder den Eissportfreunden. Mein Vater war in mindestens vier dieser Vereine; meine Mutter in keinem. Auch das ländliche Gemeinschaftsangebot ist vor allem für Männer gemacht. 

Bei der Hochzeit meiner Eltern war meine Mutter 19 Jahre alt, mein Vater 21. Als sein eigener Vater ein Jahr zuvor plötzlich verstarb, musste er den Hof übernehmen. Meine Eltern hatten andere Pläne und waren gezwungen, sich ihre alte Zukunft neu zusammenzubauen. Meine Mutter eröffnete eine Gästepension am Hof, mein Vater fing bei einer Baufirma an. 

Nachdem meine ältere Schwester geboren wurde, gingen meine Eltern einen Pakt ein. Sie beschlossen, dass ihre eigenen Kinder ›einmal alles werden können, was sie wollen‹. Sie hielten sich daran – auch, wenn ihnen dieses Versprechen zwischenzeitlich alle finanziellen und emotionalen Ressourcen abverlangte. Meine Schwestern und ich waren also dazu aufgerufen, unsere Möglichkeiten zu entfalten und uns mit jenen Kräften auseinanderzusetzen, die uns daran hinderten. Das war auch eine Bürde. 

Als ich in die Stadt zog, erlebte ich, dass ich als weiße, heterosexuelle Frau in Österreich schon einmal vieles gewonnen habe. Die Hürden, vor denen women of colour und LGBTIQ-Personen täglich stehen, sind mir fremd. Dennoch fühlte ich mich anfangs verloren. Ich konnte unmöglich scheitern. Ich wusste, dass ich quasi eine einmalige Chance bekommen hatte, mein bildungsfernes Herkunftsmilieu zu verlassen. 

Als mir das erste Mal eine Statistik zum ›Bildungsaufstieg‹ in Österreich untergekommen ist (auch heute noch absolvieren nur zehn Prozent der Kinder von Eltern ohne Hochschulabschluss ein Studium), war ich schockiert und auf eine seltsame Art und Weise erleichtert: Dass sich meine Studienzeit, in der ich nebenher im Callcenter, in Redaktionen und als Kellnerin arbeitete, häufiger wie ein Kampf anfühlte denn wie ›die besten Jahre meines Lebens‹, lag also vielleicht nicht nur an mir. 

›Du wirst einmal eine sehr gute Mutter sein‹ – das hörte ich in meiner Kindheit oft. Ich passte gerne auf meine kleine Schwester und meine jüngeren Cousins auf, eine Zeitlang arbeitete ich als Babysitterin bei einer Familie mit drei Kleinkindern und einem erstaunlich großen Hund. Genau das Richtige für ein Mädchen.

In meinem Heimatort arbeiten die meisten Mütter in Teilzeit. Viele Kindergärten schließen am Land nach wie vor um spätestens 13 Uhr. Vergangenes Jahr erzählte mir ein Bürgermeister aus dem Bezirk von Diskussionen im Gemein­derat, ob man das Kinderbetreuungsangebot denn überhaupt ausbauen solle. Einige hätten zu verstehen gegeben, dass sie ›das System der Fremderziehung‹ eigentlich nicht unterstützen wollen. Kinder gehörten nun einmal zur Mutter. In dem Gemeinderat sitzen 13 Männer und zwei Frauen. 

 So bin auch ich aufgewachsen. Die Kinderbetreuung und Erziehungsarbeit lag zur Gänze bei meiner Mutter. Ich hielt das meinem Vater später oft vor. Vermutlich trug ich viele Konflikte, die ich mit dem Land und seinen patriarchalen Strukturen im Allgemeinen hatte, in den vergangenen Jahren stellvertretend mit meinem Vater aus. Unsere Diskussionen wurden zu einem Ritual, mit dem wir alle anderen Familienmitglieder maßlos nervten. Wenn wir über Politik zu diskutieren begannen, verließ jeder irgendwann das Zimmer. Wir waren nie einer Meinung.

Wenn ich heute auf Heimatbesuch bin, werde ich gerne von fernen Bekannten daran erinnert, dass auch ich ›nicht jünger werde‹, außerdem schon Ende zwanzig, unverheiratet und kinderlos bin. Ich weiß, dass diese ›Hinweise‹ nicht unbedingt vorwurfsvoll oder abschätzig gemeint sind. Manchmal entspringen sie tatsächlich einer ernsthaften Sorge um mein Leben. Im ländlichen Österreich gibt es nach wie vor eine ziemlich feste Vorstellung davon, was ein gelungenes Leben ausmacht: Ich kann mir irgendwann ein Auto leisten, ich finde einen Partner, ich heirate, bekomme Kinder, baue ein Haus, lege einen Garten an, kaufe ein zweites Auto.

Ich kann mich tatsächlich an nur eine Handvoll Frauen aus meiner Kindheit erinnern, die keine Mütter waren. Eine Bäuerin, die abgelegen am Rande des Dorfes wohnte. Die ehemalige Lehrerin meiner Mutter, die manchmal am Busbahnhof vorbeispazierte. Wenn Frauen kinderlos waren, konnte das jedenfalls unmöglich aus freien Stücken so sein. Die gängige Vermutung lautete: Entweder kann sie keine Kinder bekommen oder keinen Mann – und darum keine Kinder.

›Ich werde einmal eine sehr gute Mutter sein.‹ Dieser Satz hatte sich eingebrannt in meinem Kopf. Ich lebte schon ein halbes Jahr in Wien, als mir eine Freundin in einem scheinbar unbedeutenden Nebensatz plötzlich etwas bewusst machte, das mir eine ganz neue Zukunftsoption eröffnete: ›Wenn du nicht willst, musst du keine Kinder kriegen.‹ Ich habe mich selten so befreit gefühlt.

Ein junges Paar im Ort hat vergangenes Jahr sein erstes Kind bekommen. Die beiden haben davon erzählt, dass sie schon lange die katholische Kirche hinterfragen. Sie fanden, ihre Tochter sollte später selbst entscheiden, ob sie einer Religionsgemeinschaft beitreten will oder nicht. Kurz darauf ließen sie ihre Tochter trotzdem taufen, weil sie sich an die nicht-katholischen Kinder aus ihrer eigenen Schulzeit erinnerten, die automatisch in eine Außenseiterrolle gedrängt wurden. Sie taten es auch für ihre eigenen Eltern, weil sie wussten, wie wichtig es für sie war. Und für ihre Großmütter, die es vor sozialer Schmach aufgrund eines gottlosen Urenkels zu bewahren galt. Ich bin als Mädchen oft in gebügelten Faltenröcken in der vordersten Reihe der Kirche gesessen, einzig deshalb, damit meine Oma ruhig schlafen kann. Ich konnte nie verstehen, warum keine Entscheidung getroffen werden konnte, ohne mitzudenken, was die Nachbarn darüber sagen würden. 

Ich lernte auch schon früh eine sehr eigenwillige Art des Genderns kennen. Wenn man im Dorf über einen Nachbarn namens Alois Müllerbauer sprach, dann war das ›der Müllerbauer Louis‹. Die Frau vom Müllerbauer Louis war schlicht ›die Müllerbauerin‹. Ich weiß bis heute von einigen Frauen im Ort nicht, wie sie eigentlich heißen.

Mein Vater würde mir an dieser Stelle vermutlich vorwerfen, dass ich schon wieder zu streng mit den Dorf­bewoh­nern und ihren Gepflogenheiten bin. Ich hätte noch tausende Dinge mit ihm auszudiskutieren gehabt – auch wenn wir uns vermutlich nie ganz einig geworden wären. Mein Vater ist vergangenes Frühjahr plötzlich verstorben. Er wurde 53. 

Die vielen Diskussionen haben die Beziehung zu meinem Vater nie in ihren Grundfesten erschüttert. Gingen wir spät­abends im Streit auseinander, klopfte er gegen sechs Uhr früh an meine Zimmertür, trat ans Bett und legte mir unbeholfen seine schwere kräftige Hand auf den Kopf. Er verharrte ein paar Sekunden in dieser Position, bevor er wor­t­­los das Zimmer verließ. Das war sein Akt der Versöhnung. 

Das Erstaunliche an meinem Vater war, dass ihn insgeheim nichts stolzer zu machen schien als die Tatsache, dass meine Mutter und er es uns Töchtern ermöglicht haben, sein geliebtes Dorf und die Regeln des Landlebens hinter sich zu lassen – selbst wenn das zur Folge hatte, dass wir ständig anderer Meinung waren als er. •