›Menschen lieben einfache Erzählungen. Wir kämpfen dagegen an.‹

Die US-Historikerin Katherine Younger forscht am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien und leitet dort das Projekt ›Documenting Ukraine‹. Ein Gespräch über Chancen und Tücken der Echtzeit-Aufarbeitung, das neue Ukraine-Verständnis in Westeuropa und das einzig mögliche Ende dieses Krieges.

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Fotografie:
Gianmaria Gava
DATUM Ausgabe Februar 2023

Das Projekt ›Documenting Ukraine‹ begann bereits im März 2022, also wenige Wochen nach der groß­flächigen Invasion Russlands in der Ukraine. Waren Sie so schnell, weil Sie fix mit diesem Angriff gerechnet hatten?

Katherine Younger: Das IWM hat bereits während der Maidan-Revolution 2014 erkannt, dass die Ukraine im Zentrum dessen stehen muss, was wir hier tun. Wir sind ein Institut, das sich der akademischen, kulturellen und intellektuellen Begegnung zwischen Osteuropa und dem so genannten Westen verschrieben hat – einer Begegnung auf Augenhöhe wohlgemerkt. Und damals war uns allen klar, dass sehr viel von dem, was wir in diesem Zusammenspiel erforschen wollen, in verdichteter Form in der Ukraine passiert – vom Umgang mit Fakenews und Propaganda im ›Post-Truth‹-Zeitalter, über die Gefahr der hybriden Kriegsführung bis hin zu Themen wie der grünen Energiewende. Seit damals haben wir die Zusammenarbeit mit ukrainischen Intellektuellen aus allen möglichen Sparten intensiviert. 

Aber was war der unmittelbare Auslöser für Ihr Projekt?

Ich erinnere mich an den Nachmittag des 24. Februar 2022, als das IWM-Führungsteam hier in dieser Bibliothek zusammentraf. Tim Snyder war über Zoom aus den USA zugeschaltet (Anm: der renommierte US-Historiker Timothy Snyder ist Professor in Yale, wie Younger ein ›Permanent Fellow‹ am IWM und leitet dort mit ihr das Ukraine-Projekt). Und wir alle waren uns einig: Wir müssen alles tun, um zu dokumentieren, was jetzt in der Ukraine passiert. Als Historiker wissen wir natürlich, wie wertvoll die Dokumentation und Archivierung für die Aufarbeitung und das Verständnis von zeitgeschichtlichen Ereignissen sind. Wir wussten auch aus unseren Erfahrungen in den vergangenen Jahren, dass die ukrainischen Akademiker und Akademikerinnen am besten wissen, worauf es ankommt, was es verdient, dokumentiert und archiviert zu werden. Es war uns wichtig, ihnen nicht von außen eine bestimmte Richtung, ein Narrativ vorzugeben. Also haben wir ›Documenting Ukraine‹ als offene Ausschreibung strukturiert: Sagt uns, was ihr dokumentieren wollt, sagt uns, wie ihr es tun wollt, egal ob es bereits laufende Projekte sind oder etwas ganz Neues – wir sorgen für die Finanzierung und die Dokumentation. Wir wollen kein kompliziertes Berichtswesen, keine aufwendigen Abrechnungen. Die Umstände sind schwierig genug, wir wollen euch keine zusätzliche Arbeit machen.

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