Notizen aus Utopia: Alles eine Frage der Macht?

Warum die Gewalt der Herrschaft immer wieder in die Schranken gewiesen gehört.

·
Illustration:
Blagovesta Bakardjieva
DATUM Ausgabe November 2022

Wie hast du’s mit der Macht?‹, so lautet im Bereich des Politischen die Gretchenfrage. Wie viel Autorität, wie viel Zwang, wie viel Gewalt braucht es, um bestimmte Ziele oder Programme durchzusetzen und zu verwirklichen? Daher muss sich auch das utopische Denken dieser Frage stellen. Unzählige schlaue Köpfe haben sich über die Jahrhunderte hinweg mit der Legitimation von Herrschaft beschäftigt. Manche von ihnen, wie der englische Philosoph Thomas Hobbes, werden weiterhin in der Schule unterrichtet und regelmäßig herangezogen, wenn begründet werden soll, wieso eine Gesellschaft strenge Regeln und starre Hierarchien benötigt. 

Schuld hat angeblich, darauf lassen sich viele der Ausführungen letztlich reduzieren, die menschliche Natur, die leider so beschaffen sei, dass wir uns gegenseitig zerfleischten, hielten uns Gesetze, Gerichte und Gefängnisse nicht davon ab. Nun ist die menschliche Natur bekanntlich so wechselhaft wie das Wetter. Wie wir zur Genüge wissen, sind Prinzipien der Empathie, Solidarität und des Gemeinsinns in der Natur weit verbreitet. Als der große russische Anarchist Pjotr Kropotkin vor 120 Jahren sein epochales Werk ›Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt‹ veröffentlichte, konnte er kaum ahnen, wie sehr die Wissenschaft seine Thesen später bestätigen würde, unter anderem die Primatenforschung von herausragenden Vertretern dieser Zunft wie etwa Frans de Waal. Wir sind, das wird ein jeder von uns anhand persönlicher Erlebnisse bestätigen können, zu erstaunlichem Altruismus in der Lage. Wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Biologie und der Verhaltensforschung haben die kruden Simplifizierungen von Hobbes und seinen vielen Adepten längst auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen. 

Aber vielleicht ist die Antwort auf das Rätsel der menschlichen Natur gar nicht so sehr entscheidend. Angenommen wir wären tatsächlich kleine Ungeheuer, die es nicht erwarten könnten, sich über alle Bedürfnisse, Rechte und Gefühle ihrer Mitmenschen brutal hinwegzusetzen. Wäre dann die beste soziale Organisationsform nicht jene, die keinerlei Machtkonzentration in den Händen Einzelner ermöglicht? Wenn wir uns vor Augen führen, dass wir als Gattung Homo sapiens auch einen Hitler und einen Stalin hervorgebracht haben, sollten wir nicht möglichst jede Form von Herrschaft vermeiden? Haben diese ›Monster‹ Millionen von Menschen umgebracht, weil es zu wenig Zucht und Ordnung gab? Oder eher das Gegenteil? 

Der Literaturkritiker Ludwig Börne, in frühen Jahren ein radikaler Kämpfer für die Demokratie in Deutschland, bricht schon früh eine Lanze für eine Ordnung ohne Herrschaft: ›Nicht darauf kommt es an, dass die Macht in dieser oder jener Hand sich befinde: die Macht selbst muss vermindert werden, in welcher Hand sie sich auch befinde. Aber noch kein Herrscher hat die Macht, die er besaß, und wenn er sie auch noch so edel gebrauchte, freiwillig schwächen lassen.‹ 

Und Hannah Arendt, allgemein anerkannt als eine der überragenden politischen Denkerinnen des 20. Jahrhunderts, schreibt diesbezüglich mit bewundernswerter Klarheit: ›Wirkliche Demokratie aber, und das ist in diesem Zusammenhang das Entscheidende, kann es nur geben, wo die Machtzentralisierung des Nationalstaats gebrochen ist und an ihre Stelle die dem föderativen System eigene Diffusion der Macht in viele Machtzentren gesichert ist.‹

Mit anderen Worten: Herrschaftsfreiheit ist ein unabdingbares demokratisches Prinzip. Insofern könnten wir das utopische Denken diesbezüglich als ein Projekt auffassen, das anhand basisdemokratischer Prinzipien einen geeigneten gesellschaftlichen Rahmen für eine größtmögliche individuelle Freiheit schafft, bei größtmöglicher Gleichheit und Gerechtigkeit. 

Das aber kann nur funktionieren, wenn wir institutioneller Autorität misstrauen und betitelte, privilegierte Machtpositionen grundsätzlich ablehnen. ›Wenn das Immunsystem der natürlichen Autorität den Viren der Macht erliegt, verwandelt sie sich in die lächerliche Variante‹, brachte es ein anonymer Blogger vor Jahren zugespitzt auf den Punkt. 

Selbstverständlich ist Macht etwas, was ausgehandelt wird. Die Brechung von personalisierter, vererbbarer Allmacht und die Überwindung von totaler Staatsmacht waren Folgen eines langen Prozesses der Widerständigkeit. Die Gewalt der Herrschaft – das dürfte einer der wichtigsten historischen Konflikte überhaupt sein – wird von dem Zwang des Widerstands immer wieder in die Schranken genötigt. Ein Prozess, der fortdauert, mit vielen Aufs und Abs. So sind seit der Digitalisierung viele der einst mühsam errungenen Rechte zur Verteidigung der Privatsphäre der Bürgerinnen und Bürger wieder in Frage gestellt worden, angeblich wegen einer veränderten Sicherheitslage. 

Und gegenwärtig erleben wir, wie ein mutiger Mensch, der Kriegsverbrechen publik gemacht hat, von staatlicher Willkür vernichtet werden soll. Der Fall des Julian Assange zeigt klar auf, wie sehr Freiheitsräume stets von staatlichen Interessen definiert werden. 

Sinnbild für Macht und Widerstand auf kleinstem Raum, konzentriert zu einer abenteuerlichen Parabel, sind Schiffe, Meutereien und Piraten. Die Beliebtheit dieses Topos (die fünfteilige Filmreihe ›Pirates of the Caribbean‹ hat fast fünf Milliarden Dollar eingespielt) beweist, wie sehr sich die Menschen an der Übertretung von herrschenden Regeln, an Verstößen gegen die gängige Moral erfreuen, wie gerne sie sich zumindest in fiktiven Räumen in einer auf den Kopf gestellten Welt aufhalten möchten. Der Kapitän ist ein Symbol der Allmacht, gleicht einem Diktator, und sein Schiff ein totalitärer Raum – historisch betrachtet einer der ersten.

Der Aufstand, der die Befehlsempfänger aus dieser Erstarrung herauskatapultiert, muss eher mentale als praktische Hürden überwinden, denn die Zahl der Geknechteten an Bord ist groß, die Vertreter von Zwang und Ordnung hingegen in der Minderheit – wie im richtigen Leben. Sergei Eisensteins Klassiker ›Panzerkreuzer Potemkin‹ zeigt in einer eindringlichen Szene eines ansonsten propagandistisch schrillen Films, wie die ohnmächtige Mehrheit mit einer Schubumkehr des Willens die verhasste Herrschaft abwirft. Kaum ist die Meuterei erfolgt, erscheint fast alles möglich, eine neue erregende Freiheit, die in den populären Filmen und Schmökern kaum ausgekostet wird – stattdessen werden bald neue Anführer in ihrem Amt bestätigt, neue Machtstrukturen etabliert.

Die mediale Piraterie erschöpft sich in einem vorübergehenden Ausstieg aus den herkömmlichen Regeln, so wie beim Karneval oder in der Fasnacht. Wie wäre es, wenn wir uns stattdessen einmal im Jahr als Geschäftsführer und Vorsitzende, als Chef und Boss verkleiden? •

Sie können die gesamte Ausgabe, in der dieser Artikel erschien, als ePaper kaufen:

Bei Austria-Kiosk kaufen